Für Dink handelt die Geschichte der Armenier und Türken indes nicht nur von Ermordeten und Mördern, sondern auch vom Zusammenleben der Nachkommen. So findet er Debatten über Zahlen - starben damals "nur" 300 000 oder 1,5 Millionen Armenier? - sowie über den Begriff "Völkermord" nicht so wichtig wie viele Mitglieder der armenischen Diaspora. "Ist ein Wort entscheidend, wenn doch das Ergebnis feststeht: die Vernichtung unserer Existenz in Anatolien?", fragt er. Den Türken wiederum macht er klar, was sie durch den Völkermord verloren haben. Als im September 2005 in Istanbul eine Konferenz über das Massaker stattfand - eine Premiere in der Türkei, die auch ihm zu verdanken ist -, rührte er mit seiner Rede selbst einige Beton-Kemalisten zu Tränen.
Für den türkischen Staat wird es immer schwieriger, an der offiziellen Wahrheit festzuhalten. Und auch für die Justiz. Im Februar befand ein Gericht, er habe das "Türktum" nicht beleidigt, als er einmal sagte, er sei nicht Türke, sondern Armenier und habe immer Schwierigkeiten gehabt, eine Strophe in der Nationalhymne zu singen, in der die Rede von der "heroischen türkischen Rasse" sei, da das Wort Rasse zu Diskriminierung führe. Noch vor wenigen Jahren wäre er dafür im Gefängnis gelandet.
Andererseits wurde er im vergangenen Oktober zu sechs Monaten Haft auf Bewährung verurteilt, weil er geschrieben hatte, die Diaspora-Armenier sollten sich abwenden von ihrer tragischen Vergangenheit in der Türkei und auf die Zukunft blicken, nämlich auf Armenien. Weil in seinem Artikel auch vom "vergifteten Blut" zwischen Türken und Armeniern die Rede war, kam ein Gericht in Istanbul groteskerweise zu dem Schluss, er habe behauptet, türkisches Blut sei vergiftet, und damit die "Märtyrer" der türkischen Nation verunglimpft. Dink ging in Berufung; das Urteil steht noch aus. Inzwischen wurde er allerdings verklagt, weil er durch seine Kritik an dem Rechtsspruch in erster Instanz "die türkische Justiz" beeinflusst habe.
So beißt sich die Katze in den Schwanz. Dink, der bereits mit dem nächsten und übernächsten Rechtsstreit rechnet, ist das egal. Was er will, ist die Gleichberechtigung der Armenier, jetzt. "Aber wenn danach die Probleme der Kurden, der Alewiten, der Frauen und der Homosexuellen weiterhin bestehen bleiben, war alles umsonst."
Für sein Engagement wird Hrant Dink am 12. Mai in Hamburg mit dem Henri Nannen Preis für Verdienste um die Pressefreiheit ausgezeichnet.
Hilfsorganisation Seit 1985 setzt sich die Organisation Reporter ohne Grenzen weltweit für Journalisten wie Hrant Dink ein, macht Verstöße gegen die Pressefreiheit bekannt, betreut inhaftierte Kollegen, macht Druck bei Regierungen und Öffentlichkeit. Spendenkonto: 5 667 777 080, Berliner Volksbank, BLZ 100 900 00
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 19/2006