
In ihrem Sitzungsraum kürt die Akademie den Preisträger© Felix Brüggemann
Günter Grass ist für seine Rührigkeit bekannt. Auch der Verband deutscher Schriftsteller spricht seit Jahren eine Empfehlung aus. "Noch heute findet der Preis die meiste Beachtung in den alten Kulturnationen. Aus Deutschland kommen viele Vorschläge. Auch aus Frankreich. Viele aus Osteuropa. Und aus Ostasien. Dort hat man ein heißes Verlangen nach Auszeichnung." Engdahl wirkt sehr zufrieden, dass er derjenige ist, der diesen internationalen Preishunger stillt. Jedes Jahr gehen circa 200 Vorschläge ein, aus denen das fünfköpfige Nobelkomitee, der innerste Zirkel der Akademie, bis April eine Longlist aus 15 bis 20 Kandidaten destilliert. Diese Liste reduziert das Nobelkomitee bis Ende Mai noch einmal auf eine Shortlist mit fünf Kandidaten. Jedes Komiteemitglied schlägt einen Favoriten vor und verfasst eine Werkanalyse. Diese Shortlist wird den restlichen Akademiemitgliedern vorgelegt, die nun den ganzen Sommer lang das Werk der fünf Kandidaten lesen sollten. Mitte September trifft die Akademie wieder zusammen, um in mehreren Sitzungen den Preisträger zu bestimmen, der die absolute Mehrheit der Stimmen auf sich vereinen muss und an einem Donnerstag im Oktober verkündet wird. An welchem, wird erst 48 Stunden zuvor bekannt gegeben. Der Preisträger muss schon einmal auf der Shortlist gestanden haben. Dank dieser sogenannten Lex Buck soll eine so unüberlegte Entscheidung vermieden werden, wie sie 1938 zur Preisträgerin Pearl S. Buck führte, die als unwürdig betrachtet wird.
Ist die Entscheidung getroffen, versucht Engdahl, den Preisträger noch aus dem Beratungszimmer heraus telefonisch zu erreichen. Dann wechselt Engdahl in sein Büro, Presse und restliche Akademiemitglieder versammeln sich unter den zwölf Kristalllüstern im Festsaal, und um 13 Uhr wird der Name des Laureaten verkündet. Feierlich verliehen wird der Preis zusammen mit vier anderen Nobelpreisen an Nobels Todestag, dem 10. Dezember, im Stockholmer Rathaus. Alle Informationen über Diskussionen, Long- und Shortlist unterliegen einer 50-jährigen Sperrfrist. Wie muss man sich die Atmosphäre bei der Endausscheidung vorstellen? Gibt es Kuhhändel - stimme ich dieses Jahr für deinen Pinter, stimmst du nächstes Jahr für meinen Pamuk? Kjell Espmark weist den Gedanken indigniert von sich. Und Horace Engdahl wird von Akademieromantik ergriffen, wenn er den Moment der Entscheidung beschreibt: "Wenn die Nobeldiskussion Ende September anfängt, wissen weder ich noch jemand anders in der Akademie, wie es ausgehen wird. Es gibt dann immer einen Augenblick, wo jeder seine Position verlässt und alles offen ist. In diesem Moment wird ein Gesamtgeist in der Diskussion spürbar. Fast so etwas wie eine überpersönliche Vernunft. Es hat nichts mit Macht zu tun. Man fühlt sich in eine gewisse Richtung gezogen und spürt, dass dort am Ende eine vernünftige Wahl liegt."

In diesem alten Krug werden die Stimmzettel für die Wahl des Preisträgers gesammelt© Felix Brüggemann
Nicht immer schwebt der überpersönliche Geist über der Akademie. Immer wieder gibt es ganz unromantische Momente, da es unter den Achtzehn sehr persönlich wird. Regelmäßig verwandelt sich die Akademie in ein Schlangennest. Horace Engdahl hat sich seine heutige Position gegen bitteren Widerstand erkämpfen müssen. Schon seit 1997 versuchte sich das Akademiemitglied Knut Ahnlund mit allen Mitteln gegen Engdahls Eintritt in den erlauchten Zirkel zu wehren. 2005 kam es zum Eklat. Ahnlund nahm die Kür der feministischen Avantgardistin Elfriede Jelinek zum Anlass, um mit der Akademie abzurechnen. Doch der eigentliche Grund für den Skandal war ein Machtkampf. Tradition traf auf Moderne. Für Ahnlund war Engdahl der Vertreter einer modischen Literaturauffassung, der "postmodernen Influenza". "Ahnlund hat mich persönlich verfolgt", sagt Engdahl. "So etwas wie im Herbst 1997 habe ich noch nie erlebt. Das war Rufmord. Ahnlund hat mich als eine Art Krypto-Nazi beschrieben." Mit Schaudern erinnert sich Engdahl an das Gezänk. Streit schadet dem Prestige. Demokratische Gesinnung wird von den Preisträgern gefordert, die Preisrichter bevorzugen undurchsichtiges Agieren in aristokratischer Abgeschiedenheit. Ein Blick neben Engdahls Telefonanlage lässt ahnen, wes Geistes Kind er ist: Dort stehen die Memoiren des französischen Aristokraten Charles-Maurice de Talleyrand, des Meisters der Macht sichernden Krisendiplomatie, des brutalen Machiavellismus und der scharfen Maxime.
Eine seiner brillanten Sentenzen lautet: "In der Politik ist Verrat nur eine Frage des Datums." Am wohlsten fühlen sich die Ehrwürdigen im "Gyldene Freden", dem Restaurant mit dem ältesten Originaldekor der Welt. Hier stehen ihnen im ersten Stock zwei abgeschiedene Privatsalons zur Verfügung, wo sie nach ihren Sitzungen speisen. In einem verschlossenen Schrank warten achtzehn mit römischen Ziffern nummerierte, eigens für die Akademie geblasene Schnapsgläser auf sie. Kjell Espmark, Nummer 16, wird beim Verdauungsschnaps regelmäßig vom Geist der Tradition beseelt: "Wenn ich mein Schnapsglas an die Lippen führe, denke ich an meine glanzvollen Vorgänger, die aus ihm getrunken haben. Hier oben werden nach dem Kaffee viele wichtige Entscheidungen getroffen." Immer bei Kerzenlicht. Nur einmal erstrahlte der Salon der Geheimloge in grellem Kunstlicht: Als der iranische Präsident Ajatollah Khomeini 1989 die Fatwa gegen Salman Rushdie aussprach und die Akademie sich weigerte, für den bedrohten Schriftsteller das Wort zu ergreifen, brach in Schweden ein Sturm der Empörung los. Nicht einmal im "Goldenen Frieden" fand die Akademie Ruhe. Ein Fernsehteam fuhr vor, und plötzlich erblickten die Akademiker am Fenster ihres Salons einen Kamerakran, bevor Scheinwerferlicht sie blendete. Ein empfindsamer Dichter wurde von dem Trubel traumatisiert, drei Mitglieder zogen sich aus der Akademie zurück.
Doch Intelligence Officer Engdahl hat saubere Arbeit geleistet: keine Skandale in den vergangenen Jahren. Sogar Knut Ahnlund verbietet sich Zwischenrufe und verweigert ein Interview: "Ich möchte keine Kampagne gegen die Akademie starten." Selbst die Autorin Maja Lundgren, die in dieser Saison Furore mit einer Chronique scandaleuse der schwedischen Kulturmafia gemacht hat, lässt sich nur zu einem sanften Seitenhieb hinreißen: "Der Nobelpreis ist ein bourgeoises Kabarett." Zu der subversivsten Aussage lässt sich der Vorsitzende Engdahl selbst hinreißen. Die Frage, ob der ganze Nobelpreis nicht vielleicht nur ein einziger Karneval sei, quittiert er mit einem empörten Blick. Doch dann entspannen sich seine Züge, und der Aphoristiker lächelt feinsinnig: "Karneval. Ja, das ist schön. In der Zeremonie gewinnt die Literatur. Sie wird zur Nachricht. Nur durch diese Fabelhaftigkeit und diese leichte Absurdität kann man die große Aufmerksamkeit erregen. Literatur muss sich auch der Gesellschaft öffnen. Wenn die Gesellschaft die großen Autoren nicht liest, muss sie sie wenigstens als Legende ansehen. Das kann nicht ganz rational sein. Das Narrenspiel des Literaturnobelpreises fügt der Literatur eine mythische Dimension hinzu. Es ist wie ein Märchen."
Für einen Tag im Oktober ist der Narr König. Und wenn man den romantischen Königsmacher schon einmal vor sich hat, möchte man an dem märchenhaften Traum auch gern ein wenig teilhaben: "Herr Engdahl, was müsste ich schreiben, um den Literaturnobelpreis zu gewinnen?" - "Eine Art von Literatur, die wir uns zuvor nie vorstellen konnten. Denn wir suchen immer die Zuwachsfläche der Literatur. Die Stelle, wo sie sich im jetzigen Augenblick verändert und verwandelt. Das ist nicht immer der Roman, die Lyrik oder das Drama. Das kann auch der Reisebericht sein oder die Literatur der Zeugen." - "Popsongs?" -"Warum nicht." - "Comics?" - "Ja, ja, natürlich. Es gibt sehr avancierte Comics. Polyphone Comics, in denen zwei verschiedene geistige Prozesse parallel montiert werden und diese zwei Pole in einer sehr komplizierten Beziehung zueinander stehen. Das ist Literatur" Mit dem Vorsitzenden Engdahl hat sich der Literaturbegriff der Akademie in den vergangenen Jahren spürbar erweitert. Das hat zu so umstrittenen Preisträgern wie Harold Pinter oder Elfriede Jelinek geführt, die gewiss auch dem angestaubten Image der Akademie aufhelfen sollten. Aber Engdahl hat nicht ganz unrecht, wenn er heute sagt: "Wir sind hier ja die letzten Formalisten."
Ist die Akademie gerade nicht mit dem Literaturnobelpreis beschäftigt, widmet sie sich der Pflege der schwedischen Literatur und Sprache. Sie verleiht mehr als 50 nationale Preise. Eines ihrer Hauptwerke ist ein umfassendes Lexikon des Schwedischen, an dem sie nun schon seit 1893 sitzt. Inzwischen ist man beim Buchstaben "T" angelangt und bearbeitet gerade das Wort "Trivsel". Es heißt "Wohlbefinden". Und so behaglich, wie Engdahl beim Gedanken an das Lexikon dreinschaut, kann es durchaus noch einige Jahre dauern, bis die Akademie zum nächsten Wort wechselt. Gemütlich tickt die alte Standuhr jenem legendären Glockenschlag entgegen, bei dem der Vorsitzende die Flügeltür seines Büros öffnet und den Namen des Preisträgers verkündet. Und schaut Engdahl aus seinem Bürofenster auf den schönsten Platz der Altstadt Gamla Stan, dem Stortorget, so sieht er aus sicherer Distanz, wie zwei steinernen Brunnendämonen das Wasser aus den weit aufgerissenen Mäulern rinnt.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 40/2007