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19. März 2010, 20:57 Uhr

"Der größte Tatort ist das Internet"

Exhibitionismus, Sadismus, Mord aus purer Mordlust - über seine 42 Jahre als Ermittler hat Josef Wilfling ein Buch geschrieben. Im Interview mit stern.de erzählt er über menschliche Abgründe und seine krassesten Erlebnisse als Chef der Münchner Mordkommission.

Sind Verbrechen heute leichter aufzuklären durch die moderne Technik?

Das ist eine riesengroße Hilfe. Aber die Aufklärungsquote war bei Mord schon immer sehr hoch. Früher gab es keine DNA-Analyse, da musste man Alibis überprüfen. Die Anforderungen der Gerichte sind aber enorm gestiegen. Die Rechte der Beschuldigten werden immer mehr ausgebaut, die Möglichkeiten der Ermittler immer stärker eingeschränkt. Wir dürfen nicht mal mehr eine Blutentnahme anordnen, ohne den Staatsanwalt zu fragen. Die Belehrungspflichten werden immer schwieriger, der geringste Formfehler macht die Vernehmung nicht mehr verwertbar. Ein Polizist muss heute schon ein halber Jurist sein. Der ganze Zirkus um den Datenschutz ist für mich eindeutig Täterschutz. Freiheit im Netz, da wird mir immer schlecht, wenn ich an Kinderpornografie denke. Jedes Bild ist ein missbrauchtes Kind, jedes einzelne Bild. Dann gibt es Leute, die demonstrieren für die Freiheit im Netz. Der größte Tatort der Welt ist das Internet.

In 80 Prozent der Fälle ist Alkohol die Triebfeder.

Alkohol gehört strikt verboten für alle unter 18 Jahren, auch Bier und Wein. Das geht nur nicht, weil die Wirtschaft blockiert. Da jammern wir, wie wir die Auswüchse von Jugendkriminalität bekämpfen, sind aber nicht in der Lage, ein Alkoholverbot für Jugendliche auszusprechen.

Im Buch lassen Sie anklingen, dass Sie das Strafmaß für Mord zu niedrig finden. Welche Reformen würden Sie anstreben?

Ich würde die sogenannte lebenslange Freiheitsstrafe abschaffen und den Gerichten die Freiheit geben, eine zeitliche Strafe zu verhängen, die teilweise wesentlich höher sein kann als diese 15 Jahre lebenslänglich. Dann würde ich das Jugendstrafrecht ändern, keine härteren Strafen, die bringen nichts, aber ab 18 Jahren muss das Erwachsenenstrafrecht gelten. Ich kann überhaupt nicht verstehen, dass Polizisten Tag und Nacht gefährliche Verbrecher bewachen müssen, die frei rumlaufen. Wer gefährlich ist, darf nicht auf die Menschheit losgelassen werden. Das hat den achtjährigen Peter, dem ich das Buch gewidmet habe, das Leben gekostet. Weil man einen herauslassen musste, von dem jeder wusste, dass er wieder töten wird. Auf einmal gab es eine nachträgliche Sicherheitsverwahrung. Da frage ich mich, warum das nicht vorher möglich war? Musste erst ein Kind sterben, damit die Politiker aufwachen?

Sind Sie misstrauischer geworden in Ihrem persönlichen Umfeld?

Wenn junge Schreibkräfte kamen, konnten wir beobachten, wie sie gelernt haben, nicht mehr so naiv zu sein. Man verliert die Blauäugigkeit, sieht das Leben realistischer und lernt, dass die Menschen lügen, sich irren und von Vorurteilen geleitet sind. Man braucht ein gesundes Misstrauen, die Betonung liegt auf gesund, ohne in paranoide Wahnvorstellungen zu verfallen.

Sind Sie gläubig?

Ich würde mich als Agnostiker bezeichnen, weil ich katholisch erzogen wurde. Das bleibt hängen. Ich würde mir ein Jenseits wünschen, wo es nicht nur das Paradies gibt, sondern auch die Hölle. Es gibt so viele Verbrecher, die ungeschoren davonkommen, da muss es irgendwo eine ausgleichende Gerechtigkeit geben. Ehrlich gesagt, ich glaube daran nicht.

Gucken Sie Fernsehkrimis an?

Wenn sie gut sind, ja. Zu viele Verstrickungen sind allerdings realitätsfremd. Das Leben ist einfach, schwierig ist die Überführung des Täters. Wir wissen meistens sehr schnell, wer es war, aber das müssen wir erst beweisen. Der Fernsehermittler fährt draußen rum und hat Action, der echte Ermittler sitzt 90 Prozent seiner Zeit am Schreibtisch und macht stundenlang Vernehmungen. Das ist die Wahrheit.

Interview: Kathrin Buchner
Seite 1: "Der größte Tatort ist das Internet"
Seite 2: Sind Verbrechen heute leichter aufzuklären durch die moderne Technik?
 
 
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