
Sie ist zwar in Darmstadt geboren, ihre vietnamesischen Wurzeln hat sie nie vergessen: Minh-Khai Phan-Thi© privat
Ja, klar. Immer wenn über Vietnam gesprochen wird, werde ich mit dem Krieg konfrontiert. Aber Vietnam ist ein Land und kein Krieg. Ich wollte ein paar Dinge klarstellen, und es wäre falsch gewesen, das Thema komplett auszuklammern. Genauso wie Deutschland immer mit der Nazizeit in Verbindung gebracht wird, wird Vietnam den Krieg nicht abschütteln können. Für mich war es wichtig zu zeigen, dass die Vietnamesen trotz der Grausamkeiten, die passiert sind, wahnsinnig optimistisch sind. Für sie ist das Glas grundsätzlich halb voll. Und sie gucken nach vorne. Die Deutschen hingegen schauen oft zurück: Früher war alles besser. Vietnamesen jammern viel weniger. Sie müssen schauen, dass sie Geld verdienen und überleben. In Deutschland zählt immer die Persönlichkeit, das Individuum. Gegensätzlicher können zwei Länder kaum sein. Deswegen ist es für viele meiner Landsleute auch so schwer hier aufzuwachsen. Ich hoffe, dass viele das Buch lesen und sehen: Ich kämpfe bis heute jeden Tag mit beiden Kulturen. Aber es lohnt sich.
Die Demut vor dem Leben ist in Vietnam allein schon durch die Philosophie geprägt, die dort gelebt wird. Und diese Demut fehlt mir hier oft. Gerade bei meinen Schauspielkollegen denke ich häufig: Mein Gott, wir können alle froh sein, dass wir das machen können, was wir wollen und so viel Geld damit verdienen. Hier wird viel gemobbt, sich beschwert und mit den Augen gerollt. Ich bin da keine Ausnahme, mir passiert das auch oft, aber zumindest versuche ich, mir das bewusst zu machen. Jammern ist immer Luxus. Wenn ich in Vietnam diese armen Menschen sehe, die trotz allem lächeln, dann schäme ich mich, weil ich mich frage: Worüber klagst du eigentlich? Du bist gesund und du wirst hier sozial komplett aufgefangen. Das geht mir hier wirklich auf den Geist!
Wenn man nicht weiß, wohin man gehört, sucht man sich Halt. Und viele suchen diesen Halt in der Religion. Das heißt nicht, dass ich das gutheiße, aber ich verstehe, woher dieser Fanatismus kommt. Wer sich nicht integriert, betreibt Religion und Kultur viel intensiver, als er es jemals in der Heimat machen würde. Es gibt ganz fanatische vietnamesische Protestanten und Katholiken. Die sind so moralisch, wie sie es in Vietnam nie gewesen wären, weil sie dort ganz klar wussten, wohin sie gehören. Der Fanatismus hat viel mit Zusammengehörigkeit zu tun. Sie treffen sich jeden Sonntag in der Kirche, gehören endlich irgendwo hin und haben etwas, an das sie glauben können. Ich denke, so ist es mit allen Religionen. Aber das ist nicht nur ein deutsches Problem, sondern existiert auf der ganzen Welt. Wenn man irgendwo nicht richtig zu Hause ist, heroisiert man diese andere Kultur wahnsinnig und steigert sich in alles hinein, was damit zusammenhängt.
Klar werden das Buch und die Doku nicht das Letzte gewesen sein. Diese Arbeit befriedigt mich ungemein - vielleicht manchmal viel mehr, als irgendetwas zu spielen. Ich bin gern auch Macher. Das Buch war ein gewagtes Experiment und ich habe oft verflucht, es überhaupt in Angriff genommen zu haben. Ich habe über ein Jahr daran geschrieben - mit Kind. Das war gar nicht so einfach. Und manchmal habe ich mir gedacht, ich würde jetzt lieber die Füße hoch legen, aber ich brauche auch solche Herausforderungen. Vielleicht wird es wieder einen Dokumentarfilm geben, aber dieses Jahr ist erst einmal voll mit Dreharbeiten. Und dann kommt irgendwann Experiment "Baby Nummer 2". Das will ich ja auch noch.