Wie erreichbar sind Sie heute? Ich hatte schon einiges bei den Recherchen zu meinem letzten Buch gelernt: Mails checke ich nur noch dreimal am Tag zu bestimmten Zeiten. Wenn ich unterwegs bin, gucke ich manchmal auch gar nicht rein. Zwei Tage keine Mails zu lesen, das war früher undenkbar.
Und wie haben Sie in Ihrem Privatleben aufgeräumt? Mein Berliner Arzt hat gesagt: 'Sie müssen sich mal versuchen vorzustellen, welche Menschen Ihnen auch ab und zu etwas geben - und welche eigentlich immer nur ihre Energie saugen.' Und als er das Zweite sagte, machte es vor meinem inneren Auge ein paar Mal: plopp! Sofort hatte ich ein paar Kandidaten im Sinn. Daraus habe ich Konsequenzen gezogen.
Gab es Beschwerden aus Ihrem Freundeskreis, weil sich viele plötzlich vernachlässigt fühlten? Manchmal. Aber wenn ich meine Situation erkläre, verstehen das eigentlich alle. Das Buch, das ich über meinen Burnout geschrieben habe, hilft mir auch, es besser verständlich zu machen. Die Freunde, die es bereits gelesen haben, haben wirklich süß reagiert. Sie sagen zum Beispiel: 'Du musst gar nicht anrufen!' - weil ich nicht gerne telefoniere. 'Melde dich einfach, wenn du Zeit hast.' Viele sind im Umgang sanfter geworden und das finde ich wunderbar. Es ist beruhigend zu wissen, dass man nicht sofort eine Freundschaft verliert, wenn man sich mal eine Zeit lang nicht hört oder sieht.
Haben Sie den Eindruck, Sie werden von anderen geschont, seit Sie Ihren Burnout öffentlich gemacht haben? Ich möchte gar nicht geschont werden! Viel wichtiger ist, dass ich es selbst hinbekomme, Nein zu sagen. Die Menschen dürfen ruhig zu mir kommen, ich sage dann Nein, wenn es mir zu viel wird.
Wofür schaufeln Sie sich heute Zeit frei? Für Genuss. Ich gehe wahnsinnig gern schön essen, trinke ein gutes Glas Rotwein, höre klassische Musik, lese. Früher hatte ich dafür wenig Zeit, weil ich ständig unterwegs war. In den neun Monaten vor meinem Burnout war ich gerade mal zwei Wochenenden zu Hause in St. Gallen, so etwas geht einfach nicht. Jetzt blocke ich mir die Zeit regelrecht im Kalender. Und ich sorge für Ruhezeiten. Selbst wenn ich einen wissenschaftlichen Aufsatz lesen muss, muss ich das nicht am Schreibtisch machen, sondern kann mich auch aufs Sofa legen, dabei Musik hören und Tee trinken. Mit kleinen Veränderungen schaffe ich so manchmal eine ganz andere Situation.
Was haben Sie durch den Burnout gelernt? Der buchstäblich übervoll gepackte Koffer, der mein permanenter Begleiter war und aus dem ich gelebt habe, war das Symbol für meine Situation, mein Leben: Es gab zu wenig Raum für zu viele Dinge, die sich nicht entfalten konnten. Dieses Verhältnis von Raum und Zeit habe ich nun für mich anders definiert: Ich kann nur mit so viel Stoff oder Dingen umgehen, wie in den vorhandenen Raum passen. Also mache ich nur noch so viel, wie ich in vorhandener Zeit mit gutem Gefühl tun kann.
Steckbrief Miriam Meckel Ihre Karriere begann die 1967 geborene promovierte Kommunikationswissenschaftlerin als Journalistin beim WDR, sie arbeitete für Vox, RTL und moderierte bei n-tv. Mit 31 Jahren wurde sie Deutschlands jüngste Professorin an der Uni von Münster. 2002 holte sie Wolfgang Clement als Regierungssprecherin nach Düsseldorf. Sie schrieb wissenschaftliche Aufsätze, Artikel sowie Bücher und erhielt 2005 den Ruf an die renommierte Schweizer Universität in St. Gallen. Privat ist Miriam Meckel mit der Moderatorin Anne Will liiert.
"Brief an mein Leben" Man mag es verstörend finden, dass Miriam Meckel, noch während sie in der Klinik ihren Burnout auskurierte, ein Buch verfasste. Doch das Ergebnis kann sich lesen lassen: Ungeschönt und selbstkritisch betreibt Meckel Seelenstrip und gibt Einblick in ihr Workaholic-Dasein und der XXL-Portion an Selbstausbeutung. Darüberhinaus reflektiert sie klug und bisweilen philosophisch über den Leistungsdruck und legt dabei fein beobachtet den Daumen in die Wunden unserer auf Effizienz getrimmten Gesellschaft.