Ist Ihnen das gelungen?
Zunächst nicht, es gab noch weitere Begegnungen mit der Securitate, da holten sie mich vor der Schule ab und brachten mich in eine konspirative Wohnung in Temeswar. Da war mir klar, was sie wissen wollten. Nichts über die Schule, sondern über den Literaturkreis "Adam Müller-Guttenbrunn" (Gruppe deutschrumänischer Autoren, der u. a. auch Herta Müller angehörte, Anm. d. Red.), in dem ich das wohl jüngste Mitglied war, auch das schwächste dadurch. Zwei Tage bevor sie mich in diese konspirative Wohnung gebracht hatten, fand eine Sitzung des Literaturkreises statt. Und ich sagte ihnen genau das, was sowieso in der Zeitung stand darüber. Sie waren unzufrieden. Ich war entsetzt. Deswegen suchte ich Hilfe bei den um fünf, sechs Jahre älteren Schriftstellern Richard Wagner und William Totok. Ich sagte, ich könne das nicht ertragen, immer wieder abgeholt zu werden, so könne ich nicht leben. Leiter des Literaturkreises war damals Nikolaus Berwanger, eine schillernde Gestalt, Politiker und Schriftsteller zugleich, ein Parteimitglied, das seine Funktionen für den Erhalt deutscher Kultur in Rumänien einsetzte. Wagner sprach daraufhin mit Berwanger, der sprach daraufhin mit dem Securitate-Chef von Temeswar und ich hatte die Plage los. Das klingt so einfach. War es aber nicht. 1979, während meines Wehrdienstes in Corbu des Jos, begegnete mir die Securitate erneut. Bevor ich zur Wache sollte, ich hatte schon die Kalaschnikow geschultert, rief mich der militärische Geheimdienst-Offizier in den Seminarraum. "Ich weiß, in Temeswar hast du meine Kollegen verraten, aber hier hast du keinen Ausweg, hier wird dir kein Berwanger helfen." Dann stand er auf, nahm die Kalaschnikow, die vor mir auf einem Tisch lag, zielte auf mich und sagte: "Das nächste Mal werde ich Patronen drin haben." Ich machte mir fast in die Hose. Und dennoch: Das beeindruckte mich nicht mehr. Ein zweites Mal kriegen die keine Unterschrift.
Im November 2008 haben Sie erstmals Ihre Securitate-Akte eingesehen können. Was stand dort?
Zu den Anwerbungsversuchen habe ich in den Unterlagen nichts gefunden. Als ich 1984 zu Verhören zitiert wurde, wegen staatsfeindlicher Tätigkeit, während derer ich auch verprügelt wurde, waren bei dem Securitate-Oberst Padurariu schon Rachegelüste zu spüren. "Du hast uns ja damals verraten, bist zu Berwanger gerannt und hast ihm gesagt, was wir von Dir wollten. Jetzt zeigen wir es Dir." Auch davon steht nichts in den Akten.
1987 sind Sie nach Westdeutschland ausgereist, etwa zur selben Zeit wie Herta Müller, Richard Wagner und William Totok.
Ja, und im Westen haben wir dann gemeinsam die "Internationalen Aktionstage Rumänien" organisiert, in denen wir auf die desaströsen Zustände in Rumänien hinwiesen - dafür erhielten wir weiterhin Morddrohungen und die Securitate bearbeitete uns weiter. Das geht aus den Akten hervor: wie sie versucht haben, uns einzuschüchtern, wie sie uns Spitzel nachgeschickt haben, um uns zu beeinflussen und in der Öffentlichkeit zu diskreditieren. Ich sage nicht, dass das jeder so hätte durchmachen müssen. Aber wenn heute Menschen wie Frau Demski, um Werner Söllner zu schützen, ihn zu einem tragischen Helden machen, der sich nicht anders verhalten konnte, diskreditiert dies alle rumäniendeutschen Schriftsteller, die nicht mitgemacht haben und drangsaliert wurden. Dann geht die Verharmlosung der Securitate-Mitarbeit weiter - und eine Aufklärung wird unterbunden.