Es ist ein Religionsersatz geworden für die Leute. Über viele hundert Jahre galt die Vorstellung: Der Körper ist Asche und Staub. Die Seele aber wird nach dem Tod in eine andere Welt überführt, die ist das Eigentliche und Heilige. Und es gibt einen Gott, der unser Schicksal bestimmt. Eine Krankheit ist dann auch eine Entscheidung Gottes, die ich zu ertragen habe. Dieses Weltbild wurde komplett abgebaut, selbst religiöse Leute sehen das heute etwas anders. Übrig bleibt der Mensch mit einem ungeheuren Maß an Selbstverantwortung und ohne einen Gott, der über richtig oder falsch, gesund oder krank entscheidet. Nur beim Einzelnen liegt die Verantwortung. Daraus entwickelt sich so ein Zwang zum Glücklichsein. Und zu glücklich gehört dabei auch gesund. So rennen die Leute dann verzweifelt irgendwelchen Ratgeberhinweisen hinterher, wie sie denn diesen heiligen Zustand auf Erden erreichen können, für den sie auf einmal ganz allein verantwortlich sind. Wer das nicht hinkriegt, ist selber schuld. Nicht nur vor sich selbst, sondern auch vor seinem Freundeskreis und letztlich vor der Gesellschaft. Ein religiöses Zwangssystem hat sich in ein areligiöses Zwangssystem verwandelt.
Die hinterfragen einfach nicht, was "gut gehen" bedeutet. Die sind der Meinung, dass es mir "gut geht", solange ich mir das Bein nicht gebrochen habe, mein Body-Mass-Index okay ist und ich in der niedrigsten Krebsrisiko-Gruppe bin. Wenn man denen erklärt, dass glücklich sein erwiesenermaßen am wenigsten damit zu tun hat, ob man sich den Fuß gebrochen hat oder nicht, verstehen sie das nicht. Bei einer brutalen Krankheit, unter der man jahrelang leidet, kann es sein, dass das ein Leben dominiert. Aber nach deren Definition geht es jedem Menschen schlecht, der irgendein Handicap hat. Die reduzieren menschliches Glück komplett auf die Gesundheitsfrage.
... Kaffee dagegen gar nicht so schädlich. Es ändert sich täglich, ja. Es geht außerdem von der Idee aus, dass die Menschen einander so sehr gleichen, dass sie identisch reagieren, wenn man ihnen bestimmte Dinge zuführt. Ein Apfel am Tag, eine Scheibe Brot, 200 Gramm Fleisch. Und das ist dann optimal. Diese Annahme ist schon medizinisch vollkommen idiotisch. Menschen reagieren ja unterschiedlich. Man muss selbst herausfinden, was einem gut tut. Es gibt Leute, die ernähren sich nur von Chips, denen geht es bestens. Die würden wahrscheinlich sofort sterben, wenn die einen Apfel essen. Und umgekehrt.
Es wäre ein Ansatz, sich Leute anzuschauen, die vormachen, wie sie ihr Leben führen. Ich bin ein Jünger vom Liedermacher Rainald Grebe, der setzt sich mit dem Rauchverbot auseinander und singt: "Ich höre nur Musik von Menschen, die nicht rauchen. Und siehe da: mein Plattenschrank ist leer." Bedeutet: Was ist wichtiger? Hochleistung in der Kultur oder wollen wir uns empören, dass jemand raucht oder nicht? Wollen wir uns jetzt über Gesundheit aufregen oder kümmern wir uns mal um unser Bildungssystem, was am Boden liegt, während alle übers Krebsrisiko reden. Das ist unverhältnismäßig. Erinnert euch mal bitte daran: Das ist euer verdammtes Leben! Endlich ist dieser Gott weg, der uns lauter Vorschriften gemacht hat, dann müssen wir doch nicht die nächste Instanz etablieren. Genießen wir doch endlich mal, dass wir selbst entscheiden dürfen. Dafür fehlt aber bislang das Selbstbewusstsein.
Wenn ich etwas ganz Fieses sagen darf: Das ändert sich an dem Tag, an dem es uns richtig schlecht geht. Wenn Panzer rollen und Bomben fallen, wenn etwas ganz Grauenvolles passiert, wir wieder hungern, frieren, nicht wissen, wo unser Haus ist, und uns um unsere Liebsten sorgen, dann hört das sofort auf – das ist nämlich ein absolutes Dekadenzphänomen. Es kann doch aber nicht sein, dass es nur diese zwei Möglichkeiten gibt. Absolutes Elend mit Hochkultur, plus Liebe zum Geistigen und dem Willen sich zu erheben, indem man kommuniziert und etwas schafft. Oder Frieden und Wohlstand mit einer totalen Veroberflächlichung, mit einer Hinwendung zum Äußerlichen. Sind das wirklich die beiden Möglichkeiten? Man kann sich auch in Frieden und Wohlstand wie ein vernünftiger Mensch verhalten. Bitte lasst uns nicht darauf warten, bis es wieder scheiße ist, um uns dann erst an unsere Werte erinnern.
Ja, rauchen muss man ja inzwischen echt aus politischen Gründen.
Interview: Johannes Gernert
Zur Person Juli Zeh gehört zu Deutschlands renommiertesten jungen Autorinnen. Allein ihr Debütroman "Adler und Engel" wurde in 28 Sprachen übersetzt. Zeh ist studierte Volljuristin und hat zudem das Deutsche Literaturinstitut Leipzig besucht. Ihr Gesamtwerk besteht aus mehreren Romanen, einem Kinderbuch, dem Theaterstück "Corpus Delicti" sowie Kurzgeschichten. Die Autorin erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Deutsche Bücherpreis (2002), den Ernst-Toller-Preis (2003) und den Per-Olov-Enquist-Preis (2005). Juli Zeh lebt in in Barnewitz im Landkreis Havelland, Brandenburg.