
Die Strümpfe der Oma und das Dunkel ihres Wohnzimmers: Mehr will Weiler nicht preisgeben von seiner Famiglia© Antonina Gern
Welche Träume bleiben einem Auflagenmillionär? Weiler möchte etwas vollkommen Neues wagen. Nicht mehr ganz so gefallsüchtig plaudernd soll sein nächstes Buch sein. Und es soll seinen Weg ohne das publikumswirksame Original Antonio finden. Weiler hat fertig mit Antonios unwiderstehlichem Trapattoni-Deutsch. Er möchte sich künstlerisch weiterentwickeln. Reifen möchte er, jener immer etwas blässlich wirkende Mann, den der legendäre Kanzler-Fotograf Konrad R. Müller nicht fotografieren mochte, weil er noch kein Gesicht habe. Der 1967 geborene Weiler hat den Ehrgeiz, einen Text aus mehreren Perspektiven zu schreiben, diesmal etwas durchkomponierter als seine bisherigen Anekdotensammlungen. Er freut sich darauf, ungewohntes Terrain zu erobern: "So etwas gab es noch nie."
Das Buch trägt Weiler schon im Kopf, es muss nur noch aufs Papier gebracht werden. Abgabe ist im Dezember. Der Schriftsteller braucht volles Programm: "Ich bin ein brutaler Existenzängstler. Wenn ich drei Tage nicht arbeite, habe ich das Gefühl, ich bin arbeitslos, es ist alles vorbei, und ich weiß nicht, was ich tun soll." Feste Riten lenken seinen Arbeitstag: Erst ordnet er seinen weißen Schreibtisch - mit Blick auf die Zugspitze - und wischt ihn sauber ab. Danach setzt er sich an sein Schlagzeug und trommelt ein bisschen, vom Blatt oder frei. Schließlich geht es an die Arbeit. Das Büro im ersten Stock eines renovierten Bauernhauses am Starnberger See ist von 10 bis 18 Uhr für die ganze Familie unzugänglich. Im Flur hängt dann ein Schild: "Durchgang verboten!" Weilers kleine Tochter Milla weiß schon, was es bedeutet: "Hier darf ich nur durch, wenn es Essen gibt. Oder wenn ich blute."
Ein deutscher Dichter und Denker, der nur hinter einem Verbotsschild konzentriert arbeiten kann: Selbst im eigenen Leben hat dieser Autor Freude daran, Gemeinplätze aufzugreifen und sie zu ironisieren. Weiler hat ein erstaunlich entspanntes Verhältnis zum Klischee: "Sie brauchen Klischees, wenn Sie eine Geschichte glaubhaft erzählen wollen. Das ist das eine. Das Zweite ist: Sie sind nicht ge-logen. Sie stimmen. Das Klischee ist entschieden besser als sein Ruf. Zumal das Klischee ein unglaubliches Identifikationspotenzial hat."
Spätestens im Wohnzimmer der Oma in Campobasso löst sich unsere Skepsis gegenüber Klischees in Wohlgefallen auf. Oder besser: Sie schlägt in ein chronisches Völlegefühl um. Grinsend beobachtet Weiler, wie der langsam verstummende Klischeekritiker von der Nonna mit Pralinen, vom Onkel mit starkem Zitronenlikör und von der Tante mit Pasta, Kalbsrouladen und Biscotti verköstigt wird. "Ich habe in jedem Ehejahr ein Kilo zugenommen", sagt er. Hier ist alles wie in Weilers Büchern, bis hin zu den Bildern an den Wänden, die auch wieder von Nahrungsaufnahme handeln: Ein pausbäckiger Bub freut sich auf ein Glas Milch - sicher nicht fettarm. Wird gerade nichts verzehrt, wird gestikulierend telefoniert.
Gleich nach dem Pizzarädchen muss das Handy die wichtigste Erfindung für die Italiener gewesen sein. Weilers Frau fuhr in ihrer Kindheit jeden Sommer mit ihrer Familie nach Campobasso. Jedes Mal blieben sie länger, als die Schulferien dauerten. Antonio erdichtete fadenscheinige Entschuldigungen für seine beiden Töchter, die belächelte Außenseiter blieben. Inzwischen spielen Weilers Kinder im Hof des Sozialbaus aus den 50ern und fallen in dieselben Brennnesseln wie früher ihre Mutter, während die Erwachsenen auf dem Balkon - ja, was eigentlich? Telefonieren und essen.
Isoliert sitzt Weiler inmitten der palavernden Familie. In jahrelanger Übung hat er es geschafft, hier nicht allzu verloren auszusehen. Er fühlt sich wohl in dem freundlich summenden Familienkokon. Er treibt Schabernack mit der Lieblingstante seiner Frau, die im ersten Roman als die titelgebende Maria auftaucht: Nach dem Essen räumt er demonstrativ die Teller ab. Er gibt den deutschen Softie und nimmt so gleichzeitig den italienischen Macho aufs Korn. Gelächter, außer bei Onkel Mario. Aber so richtig übel nimmt Mario die gutmütige Spitze nicht.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 06/2007