
Jörg Fauser und Werner Mathes am Literatur-"tip"-Stand der Frankfurter Buchmesse 1981© Isolde Ohlbaum
Wir tranken - nach Feierabend - in der Kreuzberger "Hasenburg", versackten im "Nevada" an der Potsdamer Straße oder aßen bei den beiden Libanesen an der Goebenstraße. Wir trainierten und boxten im winzigen Studio des ehemaligen Europameisters Frank Wissenbach, der uns, mit Blei um den Handgelenken, durch den benachbarten Victoriapark hetzte. Fauser pflegte alte Freundschaften, traf sich mit Kollegen wie Einar Schleef (der nach ein paar Gläsern überhaupt nicht mehr stotterte) oder Detlef Blettenberg, Lektoren, Weggefährten. Biograf Ambros Waibel ist überzeugt: "Wir müssen uns Fauser in dieser Berliner Zeit als glücklichen, hoch angespannten Menschen vorstellen."
Und dann gab es noch seine gefürchteten Extra-Touren, die ihn noch weiter nach draußen trieben, an die Ränder der damals noch eingemauerten Stadt, wo ihn niemand mehr kannte und es den Nutten egal war, wem sie da das Geld aus der Hose zogen. Wo er manchmal ohne Brille zurückkam und nachts vor meinem Fenster brüllte, weil er seinen Schlüssel nicht mehr fand.
Bis dahin hat er schon hinter sich, was anderen für ein ganzes Leben reicht. Anarchist und Beatnik, Kriegsdienstverweigerer (1964!), Zivi, Junkie, spritzt Dolantin, Codein, Heroin. 1967 dann Istanbul. Von dort nach Berlin, 24 Jahre alt, 45 Kilo leicht. Pennt in Kommunen. Kifft, drückt, trinkt. In London empfiehlt ihm der amerikanische Schriftsteller William S. Burroughs, ein alter Ex-Junkie, den Entzug mit Apomorphin. Im Winter 1971/72 packt er es.
Steigt jetzt um auf Alkohol. Säuft im Frankfurter "Club Voltaire" und im Stehausschank "Schmales Handtuch", jobbt auf Rhein-Main-Airport in der Gepäckabfertigung oder als Nachtwächter. Und schreibt weiter: Erzählungen, Gedichte, Hörspiele, Porträts. Zieht um nach München, interviewt für den "Playboy" in Los Angeles sein neues literarisches Idol Charles Bukowski. Übersetzt Songtexte und Biografien. Bis er sich 1978 selbst an eine wagt: "Marlon Brando - Der versilberte Rebell" - ein Kult-Buch, das Maßstäbe setzt. Und schreibt den "Schneemann", der ihm den Durchbruch bringen soll.
Als der herauskommt, ist Fauser bereits in Berlin, wo er im "tip" sein Experimentierfeld gefunden hat. Er will gleichzeitig Literat und Journalist sein, glaubt, "dass Schriftsteller und Reporter (vor allem dann, wenn die Trennungslinien zwischen ihnen endgültig verschwunden sind) die Historiker unseres Zeitalters sind". In der Mauerstadt entsteht auch sein hoch gerühmter "Rohstoff".
Anfang 1985 trennten sich unsere Wege wieder. Er heiratete und heuerte in München beim Reportage-Magazin "TransAtlantik" an, ich ging nach Hamburg zum stern.
Was also bleibt von Fauser? Gewiss seine Faszination für das Strandgut der Städte, für "die Besessenen und Berauschten, die Gäste im Café Nirvana und die Pensionisten im Desasterhotel, die ewigen Stromer und die verstrolchten Träumer, die Dämonen der Nacht und die Dichter in der Dämmerung". Sein literarischer Kosmos, den er mit Typen füllte wie Harry Gelb, Johnny Tristano, Lipschitz oder Blum. Die Leidenschaft, mit der er den Beruf des Schriftstellers pries - und damit viele jüngere Autoren begeisterte. Und vor allem jener eigentümliche Fauser-Sound, den er komponieren konnte wie kein anderer. Den er von amerikanischen Kollegen abgehört hat, aber sicher auch von den "Apfelwein-Opas aus der Flattergass mit ihrem endlosen Gewäsch, diesem Frankfurter Singsang, der etwas Chinesisches an sich hat, dieses Gegrein und Gejaul". Ein Sound, der unzählige Leser süchtig machte - und wieder machen wird.
stern-Reporter Werner Mathes, 53, war von 1977 bis 1985 Chefredakteur des Berliner Stadtmagazins "tip", wo Jörg Fauser mehrere Jahre lang als Mitglied der Redaktion arbeitete.
Mehr über Jörg Fauser Die Jörg-Fauser-Edition im Alexander Verlag:
"Marlon Brando - Der versilberte Rebell", Biografie. Nachwort: Michael Althen. 262 Seiten, 19,90 Euro
"Rohstoff", Roman. Nachwort: Benjamin von Stuckrad-Barre. 304 Seiten, 19,90 Euro
"Der Schneemann", Roman. Nachwort: Feridun Zaimoglu. 264 Seiten, 19,90 Euro
"Trotzki, Goethe und das Glück", gesammelte Gedichte und Songtexte. Nachwort: Franz Dobler. 408 Seiten, 24,90 Euro
"Alles wird gut - Gesammelte Erzählungen I". Vorwort: Helmut Krausser, Nachwort: Jürgen Ploog. 440 Seiten, 24,90 Euro
"Mann und Maus - Gesammelte Erzählungen II". Mit Mini-DVD seiner Lesung beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt (1984). 560 Seiten, 24,90 Euro
"Das Schlangenmaul", Roman. Nachwort: Martin Compart. Mit zwei Essays von Jörg Fauser. 320 Seiten, 19,90 Euro
Für den Herbst geplant:
"Der Strand der Städte", gesammelte journalistische Arbeiten von 1959 bis 1987. Nachwort: Wiglaf Droste. Voraussichtlich 1300 Seiten, voraussichtlich 45 Euro
"Die Tournee", Romanfragment, Erstveröffentlichung. Mit Beiträgen von Jan Bürger und Rainer Weiss. Voraussichtlich 240 Seiten, 19,90 Euro
Die Biografie:
Matthias Penzel und Ambros Waibel: "Rebell im Cola-Hinterland". Edition Tiamat, 288 Seiten, 16 Euro