Ja. Vielleicht ist "Alice" meine eigene Antwort auf "Sommerhaus, später". Die Haltung der Leute zum ersten Buch damals war genauso ambivalent: Wie kann man nur so abgehangen, melancholisch und unentschieden leben. Beide Bücher sind wie zwei Pole, Alice ist extrem auf eine andere Art.
Das Gegenwärtige, ja.
Ich habe damals zum ersten Mal erlebt, dass ein Freund stirbt. Ich war 33 Jahre alt, als ich zum ersten Mal jemanden verlor, mit dem ich befreundet war. Für diese Trauer gab es keinen Platz. Ich wusste überhaupt nicht, wie ich damit umgehen sollte und dachte, ich kann dem nicht gerecht werden. Meine Trauer fühlt sich an wie eine Imitation. Vielleicht ist das Buch auch eine Reflexion dafür.
Ich habe mich mit dem Tod nicht literarisch beschäftigt, ich habe einfach gelesen - wenn man es genau nimmt, dann sterben in Büchern alle Leute unentwegt. Kleine Tode, große Tode. Ist das erstaunlich? Ich hab' Dostojewski gelesen, worum geht es denn da sonst als um die Liebe und um den Tod. Ich lese gerade Annie Proulx, seitenweise sterben da die Leute ohne dass sich irgendjemand darüber wundern würde.
Ums Leben, es geht ums Leben, darum, dass das Leben weiter geht. Um den Gegensatz zwischen der stillstehenden und der weiterlaufenden Zeit.
Weil es nicht um die Todesart geht, sondern ums Weiterleben, trotz alledem.
Als meine Großmutter starb, war ich zwanzig Jahre alt, und jemand tröstete mich mit dem Satz, meine Großmutter lebe ja in mir weiter. Ich fand das einen Kindertrost, aber es ist doch auch richtig. Es ist tatsächlich so, dass sie in mir weiter lebt. In "Alice" sagt Alice über Micha, je länger er tot sei, desto lebendiger käme er ihr vor. So ist das.
Ich würde gerne ein viertes Buch schreiben, ich fänd's nicht so schön, wenn das hier das letzte Buch sein sollte, obwohl es ja doch so zuversichtlich und friedlich endet. Ich hätte gerne, dass "Alice" noch ein anderes Buch beiseite steht.
Nein. Natürlich suche ich eine Art der Kommunikation, so etwas wie den Dialog mit einem Leser vielleicht. Und auf der anderen Seite bin ich ratlos, was soll ich denn sagen, was hätte ich denn sagen sollen. Nichts. Ich wüsste nicht, was.
Ich habe mir dieses Foto ja selber ausgesucht. Bewusst und unbewusst. Dieses Foto entspricht mir heute genauso, wie das erste Foto mir damals entsprochen hat. Und auch wieder nicht entsprochen hat. Ich werde manchmal fast drastisch auf dieses neue Foto angesprochen, auf das Älterwerden. Zeit vergeht, oder? Das jetzige Foto ist sehr klar und einfach.
Ja. Und ich fürchte mich trotzdem vor der möglichen Kritik, ich muss danach alles wieder bergen, einsammeln, noch einmal bestätigen. Aber ich kann das. Bergen, bestätigen.
Interview: Tanja Beuthien
Judith Hermann Die Schriftstellerin wurde 1970 in Berlin geboren. Sie studierte Germanistik und Philosphie, brach das Studium ab, jobbte als Kellnerin und ging mit der Berliner Band "Poems for Laila" auf Tour. 1998 erschien ihr erster Erzählband "Sommerhaus, später", der von der Kritik enthusiastisch gefeiert und über 500.000 mal verkauft wurde. Sie erhielt dafür den Literaturförderpreis der Stadt Bremen, den Hugo-Ball-Förderpreis und den renommierten Kleist-Preis. 2003 erschien ihr zweites Buch mit Kurzgeschichten: "Nichts als Gespenster", der in den Feuilletons verhalten bis enttäuscht aufgenommen wurde. Einige der Geschichten wurden 2007 mit August Diehl und Fritzi Haberlandt für das deutsche Kino verfilmt. Beide Bücher sind in 24 Sprachen übersetzt worden. Für ihren dritten Prosaband "Alice" erhält Judith Hermann am 7. Juni den Friedrich-Hölderlin-Preis der Stadt Bad Homburg. Judith Hermann ist Mutter eines achtjährigen Sohnes und lebt in Berlin.