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3. Juli 2008, 09:56 Uhr

"Bioprodukte sind kein Luxus"

Warum kauft man denn ein Bio-Baumwoll-T-Shirt?

Also ich habe mir eines gekauft, weil der Einsatz von hoch giftigen Pestiziden und Insektiziden beim konventionellen Anbau von Baumwolle jährlich tausenden Menschen das Leben kostet. Und weil es gut aussieht, hoffe ich jedenfalls. Die Nachfrage nach umweltfreundlich hergestellter Mode ist stark angestiegen, sonst würde H&M und andere nicht auf diesen Zug aufspringen oder ein Konzern wie adidas plötzlich mit einer "grünen" Sneakers-Kollektion ankommen. Die Sachen müssen heute natürlich auch gut aussehen, nur mit der Botschaft für eine bessre Welt allein verkauft man keine Mode.

Also ist es egal, ob ich meine Öko-Produkte aus Überzeugung kaufe oder nur, weil ich ein Kleidungsstück schick finde?

Peter Ingwersen, der Kopf hinter dem dänischen Luxusmode-Label "Noir" hat mal verkündet: "Auch grüne Mode muss sexy sein. Meine Kleider kauft niemand, nur weil sie Fairtrade oder Öko sind." Und David Hieatt, Gründer des britischen Ökomodelabels Howie's behauptet: "Die größte Umweltsünde ist, Kleidung herzustellen, die nicht gut aussieht." Man mag das jetzt total oberflächlich finden, aber ich glaube, es hat auch viel zum Erfolg der Biolebensmittel beigetragen, dass es heute in den Geschäften nicht mehr aussieht als müsste man seine Sachen da selber ernten. Wenn sie ethisch-ökologisch korrekte Produkte nicht nur an absolute Hardcore-Grüne verkaufen wollen, müssen sie auch verführen können. Wichtig ist doch, wie die Sachen hergestellt werden und dass unökologische und unsoziale Produktionsweisen endlich verschwinden.

Was sind denn in der Öko-Produktion die Innovationen der heutigen Zeit?

Da gibt es Unmengen. Ich finde es zum Beispiel sehr charmant, dass man bei den Outdoorspezialisten von Patagonia seine - hoffentlich gewaschene - Kunstfaser-Unterwäsche aus Kunstfasern abgeben kann und die dann daraus Fleece-Pullover machen. Die Zukunft gehört solchen geschlossenen Produktionszyklen, gehört dem Recycling und dem sparsamen Einsatz von Ressourcen und Energie.

In welchen Bereichen fehlen Ihnen Öko-Produkte?

Es gibt sehr wenig elektronische Geräte, die aus recyceltem Material hergestellt werden. Es ist doch absurd, dass für den Bau eines Computers genauso viele Rohstoffe und Energie aufgewendet werden wie für den Bau eines Mittelklassewagens. Bei Handys oder Computern würde es sich anbieten, alte Teile für die nächste Produktgeneration wiederzuverwenden. Entsprechende Prototypen gibt es längst, da müssen die Hersteller endlich in die Hufe kommen. Wir müssen nicht jedes neue Handy, nicht jeden Computer von Grund auf neu produzieren.

Aber es gibt ja auch Beispiele für Öko-Produkte, die von den Konsumenten verstoßen wurden.

Da haben Sie völlig Recht. Das berüchtigte Hanfkleid sehen Sie heute nicht mal mehr auf einem Grünen-Parteitag (wobei die sowieso heute so schick aussehen wie früher nur die Abgeordneten von der FDP). Das Drei-Liter-Auto von Volkswagen ist das beste Beispiel für so einen Öko-Flop: Niemand wollte sich hineinsetzen, weil es einfach scheußlich aussah, technisch völlig überfrachtet war und absolut freudlos vermarktet wurde. Spaß, Genuss, ein Schuss Abenteuer und Verrücktheit gehören auch bei ökologisch sinnvollen Produkten dazu, sonst nützt der gute Wille bei den Anbietern nichts.

Wie schneiden die Deutschen in Sachen Umweltbewusstsein eigentlich im Vergleich mit ihren europäischen Nachbarn ab?

Das ist ganz unterschiedlich. In Sachen Mülltrennung - und auch was viele Umwelttechnologien anbelangt, ist Deutschland anderen Ländern ein ganzes Stück voraus. Doch die Briten haben die besseren Angebote in Sachen Ökomode. Die Franzosen haben einfach ein sehr großes Bewusstsein für hochwertige Nahrungsmittel. Sie geben fast ein Drittel ihres verfügbaren Einkommens für Lebensmittel aus - in Deutschland sind es nur zwölf Prozent! Skandinavier haben ein besseres Steuersystem für umweltschädliche Autos. Und bei so profanen Dingen wie der Kraft-Wärmekopplung im Energiesektor sind uns die Dänen oder Niederländer weit voraus.

Wie kann man den Deutschen beibringen, dass sie mehr darauf achten, was sie konsumieren?

Ich denke gar nicht, dass man es ihnen beibringen muss. Der Ansatz ist mir zu pädagogisch. Es geht vor allem um Transparenz und Information. Wir alle sollten die Möglichkeit bekommen, genau zu erfahren unter welchen Bedingungen die Sachen hergestellt wurden, die wir kaufen und welche Umweltauswirkungen die Produktion hat. Dann können wir selbst entscheiden, was uns die gute Sache wert ist. Im Internet gibt es immer mehr Seiten, auf denen sich die Menschen gegenseitig Tipps geben, wie sie ökologischer leben und einkaufen können. Die Bereitschaft ist da: Bevor das Bio-Siegel eingeführt wurde, wusste kein Mensch, was aus biologischem Anbau war und was nicht. Die Leute waren skeptisch. Inzwischen klebt das sechseckige Siegel auf über 48.000 Produkten und die Nachfrage steigt.

Könnte diese Nachfrage nicht auch bald wieder abnehmen? Immerhin handelt es sich bei Bio auch um einen Trend. Und Trends können bekanntlich so schnell verschwinden, wie sie aufgetaucht sind.

Natürlich ist es auch ein Trend. Aber ein Trend mit nachhaltigen Auswirkungen. Wenn Modefirmen in großem Stil Biobaumwolle einkaufen, wenn Automobilhersteller umweltfreundlichere Autos bauen, wenn Computerfirmen energiesparender und Ressourcen schonender produzieren oder immer mehr Bauern von konventionellem Anbau auf Bio umstellen, dann sind das Prozesse, die sich nicht mehr so leicht zurückdrehen lassen. Ob sich jemand ein ethisch-ökologisch korrektes Produkt kauft, weil es gerade in Mode ist oder er die Ideologie dahinter schätzt, ist mir persönlich egal. Hauptsache wir fangen irgendwie an so zu kaufen, dass die Umwelt nicht darunter leidet.

Interview: Julia Mäurer

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KOMMENTARE (9 von 9)
 
ramteid (04.07.2008, 14:44 Uhr)
Man wird alt und schreibt ein Buch.
Er sollte sich als erstes Mal in Hamburg kundig machen wie z.B. eien normale Banane zur Bio - Banane wird. Klimahysterie, Bio - u. Ökowahn sind z.Zt. die Modehits um Geld zu verdienen. Gläubige gibt es nach der Panikmache genug, Das es Hin und Wieder tatsächlich Produkte gibt, die tatsächlich ohne künstlichen Hilfsmittel hergestellt werden glaube ich shon. Das meiste sind ganz sicher Trittbrettfahrer und sind damit einfach nur mit Preiserhöhung verbunden.
Lammbock (03.07.2008, 13:06 Uhr)
@Mile
"Ein Liter Bioapfelsaft kosten im Discounter 1,29 beim Biosupermarkt 1,39. Daraus mache ich min. 3l Schorle. Das sind 40-50Cent pro Liter."
Na klar, zu jedem Liter Saft gibts ja auch zwei Liter Mineralwasser gratis dazu! ;-)
Und dass mit dem selbst kochen kommt auch immer auf die Lebenssituation an. Ich lebe alleine, da macht das selberkochen nicht immer Sinn (bezüglich des Kostenaspektes), denn halbe Salatköpfe wachsen leider (noch) nicht.
endbenutzer (03.07.2008, 12:59 Uhr)
Viele Menschen...
...wollen eigentlich gar keine ökologisch einwandfreien Nahrungsmittel, denn es ist einfacher, beim Einkauf die Augen zu verschließen. Wie oft musste ich im Supermarkt beobachten, dass Bio-Eier sofort wieder ins Regal gestellt wurden, nur weil sie pro Stück 5 Cent teurer sind. Da nimmt man es doch viel lieber in Kauf, dass die Eier weiterhin aus dem Hühner-KZ kommen - ganz egal wie die Tiere leiden. Komischerweise haben genau diese Leute immer genügend Geld übrig wenn es darum geht, irgendeinen nutzlosen Blödsinn für's heilige Auto zu kaufen. Ein paar Felgen für 300 Euro das Stück? Kein Problem. Ein Navigationsgerät, obwohl man sowieso nur einmal im Jahr die Stadtgrenze verlässt? Aber klar doch. Die Liste ist endlos. Dabei sind viele Produkte, die man im zertifizierten Bio-Betrieb (dem EU-Bio Siegel traue ich auch nicht so ganz) kaufen kann, entweder genauso oder nur geringfügig teuer. Tiefkühlpizza sucht man dort allerdings vergebens..
Mile (03.07.2008, 12:37 Uhr)
Ein paar Beispiele
eine Flasche braunes Zuckerwasser kostet 89Cent. Das sind also 60Cent pro Liter.
Ein Liter Bioapfelsaft kosten im Discounter 1,29 beim Biosupermarkt 1,39. Daraus mache ich min. 3l Schorle. Das sind 40-50Cent pro Liter.
Oh, das ist ja billiger.
Mein Brot aus dem Biosupermarkt kostet weniger als beim Bäcker
usw.
Meistens ist es sogar so, dass Bioprodukte nicht mehr kosten als Markenprodukte, da man die Werbung und die Aktionäre nicht mitbezahlen muss.
Ah ja,
und wenn man statt Fertigprodukte zu kaufen, sich die Mühe macht, mal was selber zu kochen, dann spart man sogar Geld.
freddd (03.07.2008, 12:10 Uhr)
Ein paar Anmerkungen
Vielen Dank für die aufmerksame Lektüre!
Lieber „Lammbock“ – zu Ihrer Info: Das Buch wurde auf FSC-zertifiziertem Papier gedruckt, also umweltgerecht aus nachwachsenden Beständen. Und die Vergabe des Biosiegels wird von unabhängigen Prüfern nach einem langen Kriterienkatalog überprüft. Wenn die Hersteller gegen die Kriterien verstoßen, wird ihnen das Siegel für mindestens ein Jahr aberkannt. Also, wo das Siegel draufklebt, ist auch Bio drin.
Lieber Piet82 – auch zu Ihrer Info: Die 1,19 Euro sind der Preis für Biomilch mit Fairpreis-Aufschlag. Beim Discounter kostet der Liter Biomilch zwischen 89 und 99 Cent. Nehmen wir 99 Cent, das wären pro Liter 28 Cent mehr als für die Normalmilch bei Lidl. Wenn Sie einen Liter am Tag trinken, sind das 8,40 Euro mehr im Monat – in dieser Welt lebe ich.
Herzliche Grüsse, Fred Grimm
piet82 (03.07.2008, 11:29 Uhr)
1,19 €..
.. der liter milch, in welcher welt lebt der bitte? wer soll sich das leisten können?
Lammbock (03.07.2008, 09:53 Uhr)
@kfpdm
Siehst du, da fängt die Irreführung schon an...
So, ich trink mir jetzt erstmal ne Ökonade, is ja nicht auszuhalten bei der Hitze hier!
kfpdm (03.07.2008, 09:48 Uhr)
"Nicht überall wo Öko drauf steht, ist auch Öko drinn."
Und vor allem ist nicht überall Öko drin, wo Bio drauf steht.....
Lammbock (03.07.2008, 09:21 Uhr)
Eine Frage Herr Grimm?
Wie viele Bäume mussten denn ca. gefällt werden, um ihr Buch zu drucken? Aber hier fällt der Blick auf den Kontostand vermutlich leichter, als auf den ökologischen Hintergund. Und by the way: Nicht überall wo Öko drauf steht, ist auch Öko drinn. Vielmehr wird dieses "Schlagwort" teilweise genutzt, um Verbraucher - bewusst - in die Irre zu führen und die MArge zu erhöhen.
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