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24. März 2004, 09:59 Uhr

Vom Sockel geholt, ans Herz gewachsen

Original-Klamroth: Den Kaminspruch (Warmer Herd, Harm er wehrt) ließ Bruhns' Großvater Kurt einmeißeln. "Ein scheußlicher Kamin"

Wie immer druckreif, spricht Wibke Bruhns in die laufenden Kameras: "Mein Vater galt später ja immer als Beleg dafür, dass nicht alle Deutschen Schweine waren - aber das nützte mir gar nichts. Was hatte ich davon, dass er ein Held war?" Als sie ihn erstmals 1979 in einem alten Film sah, wie er schmal und "mit erloschenem Gesicht" in einem viel zu großen Anzug vor dem Volksgerichtshof stand und vom tobenden Freisler zum Tode verurteilt wurde, versprach sie ihm: "Jemand muss dich an die Hand nehmen." 20 Jahre lang durchforschte sie die zahllosen Briefe und Tagebücher, die von allen Mitgliedern der Familie in scharfer Sütterlinschrift geschrieben worden waren. Ihre Spurensuche wurde auf Anhieb zum Bestseller.

Sie hätte es sich einfach machen und ein Heldenepos schreiben können. Sie hätte den Vater da oben auf dem Sockel stehen lassen können, unerreichbar, einsam. Aber sie hat ihn heruntergeholt, mit all seinen Ängsten, Schwächen, Widersprüchen, Lügen und liebevollen Seiten. Sie hat nichts ausgespart, weder die schwarze SS-Uniform noch die furchtbaren Tagebuchnotizen aus Russland.

Und sie hat dem Verführer nachgespürt, der Frauen wie Drogen konsumierte. Seine Frau Else hat sich bis zu ihrem Tod 1987 nicht davon erholt. HG macht keinen Versuch, seine zahllosen Affären mit dänischen Dienstmädchen, Nachbarinnen und "den angeblich besten drei Freundinnen" der Gattin zu verbergen. Als er mit Cläreliese, der Frau eines Freundes schläft, rächt sich Else und schnappt sich deren Mann Helmuth. Eine groteske ménage à quatre beginnt, zwei Jahre lang spielen die Großbürger abends Bridge zu viert, nachts verschwinden sie in fremden Betten.

Die Tochter erfährt von der "absurden Viererbande" erst Jahrzehnte später, als sie die Briefe und Tagebücher des Vaters durchliest. Jede Geliebte hat er darin aufgezählt, nur schwach verschlüsselt: Er glaubte, in griechischen Buchstaben blieben sie unentdeckt. Seine Frau ist an der Untreue des Mannes zerbrochen. Noch bevor er am Galgen endete, war die Ehe nicht mehr zu retten. In seiner schlimmsten Zeit war der Vater allein - und seine Frau quälte sich deswegen noch 43 Jahre lang. Die Trauer darüber treibt die Tochter bis heute um.

Wibke Gertrud Klamroth kommt im September 1938 auf die Welt, noch ist Frieden. Ihren Vornamen erhält sie, weil sie so nordisch aussieht, dass "der Führer seine helle Freude an mir gehabt gehabt hätte". Das kleine blonde Mädchen fürchtet sich vor dem Chaos im riesigen Elternhaus, vor den Flüchtlingen, die später in jedem Winkel hausen, überall toben Kinder, die den Kopf voller Läuse haben. Die heile alte Welt zerfällt, in die Mahagonitäfelung werden Nägel geschlagen, die Russen tanzen mit dreckigen Stiefeln auf den Chippendale-Sofas der Großmutter. Wo früher Schwertlilien im Garten standen, wird nun Rotkohl angebaut, Wibke muss "Rotkäppchen-Kleider" tragen, die aus alten Hakenkreuzfahnen geschneidert wurden. Verstört flüchtet sie in ihre eigene Welt. Sie erfindet Geschichten, für die sie von der Mutter mit der Reitpeitsche verprügelt wird, weil "Lügen" in dieser großbürgerlichen Familie nicht erlaubt waren.

Die Fantasie hat sie vom Vater. Der litt darunter und schrieb voller Selbstanklage in sein Goldschnitt-Tagebuch: "Ich lüge! Von all dem, was ich in den letzten Jahren zu erzählen pflegte, ist wohl nichts buchstäblich wahr." Den Eltern warf er vor, die Lügen nicht energisch genug bekämpft zu haben: "Warum sahen sie mich bloß mit sanftem Vorwurf an, statt mich im Dunkeln einzusperren und mich tagelang hungern zu lassen? Sie sagten: Was hat der Junge für eine Phantasie! statt zu sagen: Wie rotten wir das aus?"

 
 
 
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