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5. Oktober 2009, 16:30 Uhr

Eine quälend langsame Reise zum Mond

Tokio Hotel rocken als Mittdreißiger die Bühne

Auf dem Mond geht dann alles schief: Es brennt, qualmt und der Sauerstoff wird knapp. Dazwischen führt mich Schätzing - zweiter großer Handlungsstrang - nach China, wo ein Privatdetektiv eine junge, attraktive Dissidentin sucht. Er findet sie, beide überleben Mordanschläge, nach ungefähr 700 Seiten kommt diese Mond-Sache ins Spiel, und noch immer ist der wahre Feind nicht enttarnt: Ist es China, die CIA oder ein ominöser Geheimbund?

Viele Menschen sterben jedenfalls. Und viele Seiten beschriftetes Papier führen zu einer Auflösung, die viel, viel unspektakulärer ist als der irrsinnige Einsatz von Technik, mit dem der verspielte, fantasiebegabte große Junge Frank Schätzing sein selbst geschaffenes Universum ausgerüstet hat: Es gibt senkrechtstartende Flugtaxis, fliegende Autos, Helden und Schurken verfolgen sich auf fliegenden Motorrädern, Fahrzeuge ändern auf Knopfdruck ihre Größe und Gestalt. Menschen tragen Brillen mit eingebauten Personen-Scannern, erscheinen einander als Holografien in 3D-Technik oder werden gleich ganz durch sprechende Computer ersetzt. Das Wissen der Welt ist in zuckerstückähnlichen "Gedächtnis-Kristallen" abgelegt, Sitzmöbel bestehen nicht mehr aus Kissen oder Matratzen, sondern aus mit Nanorobotern gefüllten Elementen.

All das darf und soll und muss Science Fiction dürfen. Wie aber Schätzing seine Zukunftswelt immer wieder mit der Gegenwart des Jahres 2009 koppelt, wirkt auf mich unglaublich bemüht: In der Welt der Jahre 2024/2025 mit ihren fliegenden Motorrädern und Menschen, die bei Psychologiecomputern seelischen Beistand suchen, treten Tokio Hotel und der hochbetagte David Bowie auf. Und man geht in Berlin noch immer ins "Borchardt", um ein Schnitzel zu essen.

"James Bond"-Skript als Vorlage?

Die China-Story und die Mond-Story wären eigene Bücher. So wie Schätzing sie zusammenführt, wird die Geschichte unübersichtlich, entwickelt sich das Drama in zu kleinen Schritten. Lasse ich mich auf Schätzings Mondfantasien ein, gerät mir sein China-Plot aus dem Blick, bin ich gerade halbwegs wieder in China angekommen, werde ich zurück auf den Mond geschossen.

Und immer wieder bremsen Einschübe, psychologische Betrachtungen, Vermittlung von Wissen à la Volkshochschule über Siedepunkte, Temperaturverhältnisse und anderes meine Neugierde. Immer wieder Längen. Ich ertappte mich beim Überblättern, sprang zurück, nahm wieder Anlauf, überblätterte erneut. Das kannte ich schon von früher, als ich beim "Schwarm" manch Passage überflüssig fand. Bei "Limit" waren es noch viel mehr. Und diese Längen waren es, die mir die Lektüre so schwer machten.

Bis Schätzing mich wirklich packte, vergingen 500 Seiten. Da genoss ich eine rasante Verfolgungsjagd in einer chinesischen Industriebrache, die der Autor mit ebenso brillantem Timing erzählte wie viele Seiten später ein Showdown auf der Berliner Museumsinsel. Das Finale auf dem Mond wirkte dagegen wie ein längst bekanntes James Bond-Script, wie "Moonraker" reloaded. Danach: Noch ein Finale. Wieder Psychologie. Geplänkel. Und noch ein Finale. Und die Auflösung. Und das Ende. Ich stelle mir vor, es hätte jemand gewagt, den überbordenden Erfindungsreichtum Frank Schätzings in etwas geordnetere Erdumlaufbahnen zu lenken. Ich stelle mir vor, ich wäre Schätzing-Fan geblieben.

Von Tobias Schmitz
Seite 1: Eine quälend langsame Reise zum Mond
Seite 2: Tokio Hotel rocken als Mittdreißiger die Bühne
 
 
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