Aufstand der Gutmenschen, Hexenjagd, Meinungsdiktatur: Hier werden die ganz schweren Geschütze aufgefahren. Der Tabubrecher wird als das Opfer politisch korrekter Medien stilisiert. Doch herrscht wirklich eine Meinungsdiktatur? Jede Gesellschaft hat einen Rahmen, in dem sich die Bürger frei äußern dürfen. Dieser Rahmen wird durch Gesetze definiert, aber auch durch Regeln des politischen Diskurses, die permanent neu ausgehandelt werden. In Deutschland schrillen bei pauschalen Diffamierungen von Ausländern oder Muslimen schnell die Alarmglocken. Das heißt nicht, dass man keine Integrationsprobleme ansprechen darf, hier ist nur eine besondere Vorsicht gefragt. Komplett tabuisiert sind dagegen - aus bekanntem Grunde - unreflektierte Äußerungen zur NS-Zeit. Eva Herman ist in diese Falle getappt - obwohl ihr diese Regeln als Nachrichtensprecherin bekannt waren. Ihre Empörung und Selbststilisierung als Opfer ist deshalb scheinheilig.
Bei Sarrazin ist das Bild komplexer. Sein Buch greift zunächst einmal ein gesellschaftliches Problem auf, das niemand leugnet: die nicht überall geglückte Integration von Ausländern. Dazu enthält es einige gute Ideen für eine andere Bildungspolitik: Sarazins Vorschläge einer Kindergartenpflicht ab dem dritten Jahr und der flächendeckenden Einführung von Ganztagskindergärten und -schulen lohnen eine genauere Betrachtung. Gleichzeitig vermischt er diese Ideen mit vielen schrillen, alarmistischen und pauschalisierten Ansichten über Muslime, Bevölkerungsentwicklung und die Vererbbarkeit von Intelligenz. Erst dadurch entsteht der Skandal, auf den die Öffentlichkeit gewartet zu haben scheint. Möglicherweise hat Sarrazin bewusst diese grellen Töne angeschlagen: Weil er weiß, dass er ohne Skandalisierung gar nicht wahrgenommen würde. Doch der Preis ist hoch: Die sachliche Diskussion um Argumente bleibt auf der Strecke.
Das gleiche Phänomen tritt auf wie schon bei Eva Herman: Ab einem bestimmten Aufgeregtheitsgrad gewinnt die Debatte eine Eigendynamik, die den Einzelnen überwältigt und ihn zum Getriebenen macht. Eva Herman faselte plötzlich etwas von Hitlers Autobahn. Sarrazin sprach in der "Welt am Sonntag" davon, dass alle Juden ein bestimmtes Gen teilten. Ohne Not und ohne Grund, denn das ominöse Juden-Gen hat mit seinem Buch nicht das Geringste zu tun. Indem er aber Juden in einen Kontext stellt, wo von "Genen" und "Rasse" die Rede ist, betritt er vermintes Gebiet und provoziert öffentliche Ablehnung und Distanzierung. Die Sache ist plötzlich ganz unwichtig: Wie man die Integration von Ausländern verbessert - darüber wird schon lange nicht mehr gesprochen.