
"Die Ökobewegung hat unterschätzt, dass man für den Klimaschutz Gefühle wecken muss", sagt Martin Unfried.© Jan Zappner
Peter: Das ist eigentlich seltsam, denn wir kommen ja aus demselben Zimmer. Wir hatten ein Zimmer unter dem Dach, in dem wir beide unsere Jugend verbracht haben, und im Prinzip auch denselben Werdegang: Schule, Fußballverein usw. Aber der Martin war - was mir damals gar nicht so klar war - immer etwas "gemeinwohliger" angelegt und ich eher ironisch.
Peter: Nein. Früher habe ich meine Kraft aus der Ironie gezogen, aus dem Distinktionsgewinn, und heute finde ich es großartig, eine Sache völlig unironisch zu machen.
Martin: Vielleicht ist es so, dass die Ironiker ernster werden mussten und die klassischen Ökos, mit ihren "Wir-haben-die-Erde-von-unseren-Kindern-nur-geerbt"-Aufklebern, etwas entspannter.
Peter: Nein, das war ja eher so katholische Jugendarbeit, und ich hatte ja auch so eine katholische Phase.
Martin: Der Unterschied war vielleicht eher, dass er sich ein paar Jahre lang eher dem Saufen gewidmet hat, und da war ich wohl eher etwas abstinenter...
Peter: Ich habe einfach nicht zugehört. Das Thema war immer da, und es wurde immer darüber geredet, aber ich habe einfach nicht zugehört. Ich hab's kapiert, aber es hat mich nicht erreicht. Ich musste erst ein bestimmtes Alter und eine bestimmte Lebensphase erreichen, um zu kapieren, was der mir da erzählt hat. Ich konnte nicht zwischen dem Inhalt und dem, was mich äußerlich gestört hat, unterscheiden. Sprich: Ökotum und Ökos. Diese ganzen Vorurteile, die es teilweise ja auch zu Recht gibt, also dass das Leute sind, die einem ständig was vorhalten wollen und einem erzählen, dass sie das bessere Leben führen und dass man das gefälligst auch tun soll. Aber durch diesen Film, durch Martin und andere Dinge, die sich in diesem Zeitraum 2006 ereignet haben, fing ich auf einmal an, anders zuzuhören und bestimmte Dinge zu verstehen. Und dann fängt man an, Sachen auch wissen zu wollen.
Martin: Nein. Damals war das ja auch noch sehr moralisch geprägt. Wir müssen das für unsere Kinder tun und so weiter. Irgendwann war mir aber klar, man erreicht die Leute gar nicht über diese Schiene. Es gab ja keinen moralischen Rahmen für diese Debatte. Man konnte vielleicht über die Frage diskutieren, "Ist es gut oder schlecht, im Supermarkt zu stehlen?" - aber nicht über die Frage, "Ist es jetzt gut oder schlecht, ob man CO2 emittiert?" Erst später habe ich kapiert, dass man in einer Konsumgesellschaft die Leute anders kriegt - dass längerfristig vielleicht eher die Produkte ein Bewusstsein schaffen und nicht umgekehrt das Bewusstsein die Menschen zu anderen Produkten hinführt.
Martin (lacht): Nee, nee, da muss der Peter noch einiges machen.
Martin: Konsequenter seinen eigenen Verbrauch im Bereich Strom und Wärme prüfen. Bis Ende 2008, das ist ja das große Ziel von meinem "taz-Klimaclub", soll jeder seinen persönlichen Verbrauch um 50 Prozent gesenkt haben. Ich werde das gut schaffen, aber wie er das machen will, ist mir noch schleierhaft.
Martin: Wir wollen zeigen, dass das mit den angeblich so ehrgeizigen Klimazielen eigentlich Pipifax ist. Wir machen das einfach. Das ist nicht komplex und schrecklich. Für jemand, der über einen halbwegs normalen Lebensstandard verfügt, ist das überhaupt kein Problem, dieses Ziel bis nächstes Jahr zu erreichen. Und die G8 sagt, das machen wir bis 2050. Wir müssen doch nicht auf George Bush warten oder auf Angela Merkel. Wir haben das in dieser Produktgesellschaft doch selber in der Hand - durch unsere Kaufentscheidungen.
Der kleine Bruder Martin Unfried, geb. 1966 in Ellwangen an der Jagst, studierte Politik und Theaterwissenschaften in Erlangen. Während des Studiums arbeitete er als freier Radio- und Fernsehjournalist für den Bayerischen Rundfunk. Nach dem Studium wurde er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Erlangen. Nach einem Forschungsaufenthalt am "European Institute of Public Administration" in Maastricht, kehrte er später als Dozent dorthin zurück und ist seither mit EU-Richtlinien und Verordnungen im Bereich Umwelt- und Klimapolitik beschäftigt. Zum Ausgleich schreibt er heitere Artikel zu den emotionalen und gesellschaftlichen Aspekten der Umwelt- und Klimapolitik und hält sich für den Erfinder des Ökotainments. Für seine taz-Kolumne "Ökosex" erhielt er im Jahre 2007 den "Deutschen Solarpreis" in der Kategorie Medien. Seine Familie ist auch als Stromproduzent tätig und erzeugt mit Photovoltaik und Windenergie ungefähr 18 000 Kwh Strom im Jahr.
Der große Bruder Peter Unfried, geb 1963 in Schwäbisch Gmünd, lebt mit Frau und zwei Kindern in Berlin-Kreuzberg. Seit 1999 stellvertretender Chefredakteur der Berliner "tageszeitung (taz)", davor Sportredakteur, Fußballreporter und Kulturjournalist. Nahm ein Jahr Elternzeit, steht auf Kalifornien und den VfL Wolfsburg. Strich in diesem Jahr den jährlichen Kalifornien-Flug und stieg in die Windenergie-Produktion ein. Sein Ziel: Seine Kinder sollen einmal im Interstrom-Net so selbstverständlich Strom einspeisen und rausholen wie wir heute im Internet surfen.