Wie ein faires Zusammenspiel von Urheber- und Nutzerrechte im Internet-Zeitalter aussehen könnte, versucht der Urheber Doctorow mit seinen eigenen geistigen Produkten auszuloten. Jeder seiner Romane erscheint in zwei Versionen: Einmal als klassisches Printexemplar, das man im Buchhandel kaufen kann, gleichzeitig stellt Doctorow die digitale Version in allen verfügbaren E-Book-Formaten zum kostenlosen Download auf seiner Website zur Verfügung.
"Mein Problem als Autor ist nicht Piraterie, sondern Unbekanntheit", erklärt er. "Wenn die Leute mein Buch nicht kaufen, dann nicht etwa, weil sie es sich umsonst herunterladen können, sondern weil sie mich nicht kennen. Natürlich gibt es Leute, für die eine kostenlose digitale Kopie ein Ersatz für ein gedrucktes Buch ist. Aber für die meisten ist die digitale Kopie ein Kaufanreiz für die gedruckte Version." So befremdlich dieses Geschäftsmodell erst einmal klingt, so erfolgreich ist es. Fast 100.000 gedruckte Exemplare hat Doctorow von "Little Brother" verkauft. Raubkopien betrachtet er als eine legitime Steuer auf Ruhm.
Doctorows Strategie ist nicht der Traum eines naiven Info-Hippies, sondern der Versuch, den Realitäten des Netzes gerecht zu werden. "Niemand weiß, was die Zukunft bringen wird", erklärt er. "Aber eins ist sicher: Ich werde niemals verhindern können, dass Leute meine Bücher kostenlos herunterladen, wenn sie es wollen. Es ist nicht besonders schwierig, Bücher einzuscannen. Und sobald ein Buch im Netz ist, können wir das Kopieren nicht aufhalten. Wenn Ihr Plan für E-Books auf der Idee gründet, dass die Leser es nicht irgendwo umsonst bekommen, haben Sie ein Problem. Jedes Geschäftsmodell muss auf der Idee gründen, dass die Leute uns freiwillig bezahlen."
Doctorow weiß so wenig wie alle anderen Auguren, in welche Richtung sich das Verlagsgeschäft entwickeln wird. Vielleicht werden Amazons Kindle oder Apples iPad alles verändern. Aber ihm ist es wichtig, an der vordersten Front der Technik dabei zu sein, um experimentieren zu können. "Es ist falsch zu glauben, dass wir uns auf eine Periode technischer Stabilität zu bewegen", sagt er. "Wir werden nicht in fünf Jahren aufwachen und sagen können: 'So, jetzt haben wir alle technischen Veränderungen hinter uns. Jetzt wissen wir für die nächsten 100 Jahre, wie das Verlagsbusiness funktioniert.' Nein. Wir werden das Verlagsgeschäft bis zum Ende aller Zeiten neu erfinden müssen. Und mein Fingerspitzengefühl wird besser sein, wenn ich verstehe, was im Markt passiert und darauf reagieren kann. "Fingerspitzengefühl" - er sagt das Wort auf Deutsch - "ist mein Lieblingswort in Ihrer Sprache."