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1. Mai 2008, 08:03 Uhr

Ein Phantom mit Humor

...wie bei "Vineland", wo ein Nonsens-Lied vorkommt, das aber, wenn man es laut liest, wie die französische Nationalhymne klingt...

Oder bei "Gegen den Tag" die Geschichte von den beiden italienischen Bomberpiloten, die den ersten Sturzflug der Fliegergeschichte machen und dabei singen "Im Sturzflug über der Sta-hadt, Mensch, was für einen Spaß man da ha-hat. Sieh, wie sie rennen, sieh, wie sie fliehen, wenn unsere MGs die Nähte ziehen. Wir stürzen hinab auf Städte und Flecken, wir sind ihr Schrecken landauf landab" - so was zu übersetzen macht Spaß!

Aber so ganz ohne Recherche kommt man doch nicht aus, oder? Wenn man vor bestimmten wissenschaftlichen Passagen steht und sich überlegen muss, "Kann ich mir da ein Fremdwort ausdenken oder ist das etwas, was es wirklich gibt?"

Das ist ja das Interessante. Pynchon spinnt sich eigentlich nie etwas zusammen, das denkt er sich nicht aus...

Na ja, manchmal schon... Die "Hohlraum"-Flüge der "Freunde der Fährnis" zum Beispiel...

Ja, gut, aber es gab ja mal diese Theorie, dass die Erde hohl ist. Also nimmt man auch den entsprechenden Begriff wieder. Diese ganzen mathematischen und wissenschaftlichen Begriffe bei Pynchon, die gibt es alle. Aus dem Bergbauwesen oder was weiß ich. Die gibt es alle. Und das muss man dann auch so eins zu eins nehmen. Dann gibt es noch Passagen, die spielen zum Beispiel in Ostende. Und da wird dann auch sehr genau beschrieben, welche Wege ein Protagonist da geht, in welchem Hotel er absteigt, und so weiter. Diese Namen sind im Original alle französisch - aber nun liegt Ostende im flämischen Teil. Das heißt, auf den Straßenschildern stehen beide Namen drauf: großgeschrieben der flämische Name und drunter klein der französische. Um das stimmig zu machen, habe ich mir die Mühe gemacht, über Google Earth herauszufinden: Wie heißt dieser Kai auf Holländisch?

Hat Pynchon da ausnahmsweise schlecht recherchiert?

Er fährt da ja nicht selber hin, sondern arbeitet mit Reiseführern. Und wahrscheinlich - ich spekuliere jetzt mal - war er in diesem Fall an einen Reiseführer geraten, in dem die Bezeichnungen eben auf Wallonisch, also Französisch, dastanden. Er streut ja auch gern mal einzelne deutsche Wörter ein, und die sind dann oft falsch geschrieben. Also "Herr Oberhauptheitzer" - da ist dann "Heizer" mit "tz" geschrieben. Das haben wir natürlich stillschweigend korrigiert. Es wäre ja auch kleinlich, so einen Autor darauf hinzuweisen, "Hier ist ein 't' zuviel!".

Wenn Sie "Gegen den Tag" in einem Satz beschreiben müssten, wie würde dieser lauten?

Das ist schlechterdings nicht zu machen. Ich würde sagen... es ist ein historischer Roman, der in der Zeit zwischen 1880 und 1914 spielt. Unter anderem geht es um die Zeit, wo die Wissenschaft großartige Fortschritte gemacht hat, wo aber noch nicht so ganz festgeschrieben war: "Was ist jetzt eigentlich wirklich wissenschaftlich?" Da spekuliert man zum Beispiel darüber, was ist eigentlich außerhalb dieser Lufthülle, die die Erde umgibt? Da ist der Äther - und was ist das eigentlich, wozu dient das, kann man da reisen oder nicht? Was heute so abgetan wird als "unwissenschaftlich" - das war damals noch gar nicht so richtig festgelegt. Es spielen alchemistische Ideen rein, spiritistische Sitzungen kommen vor - das wird alles durchaus ernst genommen. Das ist wirklich eine sehr interessante Zeit. Ich hab mir vorher nie Gedanken darüber gemacht, wie fließend die Grenzen zwischen Wissenschaft und Parawissenschaft damals waren.

Andreas Rosenfelder hat in der FAZ geschrieben, bei Pynchon träfen deutscher Ingenieurgeist und amerikanische Verschwörungstheorie aufeinander...

So kann man es ausdrücken. Pynchon hat in seiner Buchbeschreibung, die er selber bei amazon reingestellt hat, ja von der Welt geschrieben, wie sie sein könnte, im Gegensatz zu der Welt, wie sie ist. Wenn man sich darauf einlässt, stellt man fest: Es könnte tatsächlich so sein. Das Unterwüstenboot, das tatsächlich so funktioniert wie ein Unterseeboot, das fährt halt unter der Wüste durch und man stößt dabei auf allerlei Ruinen und alte Städte. Es wäre eben denkbar. Damit spielt Pynchon, und das finde ich eben das Schöne.

Pynchons Romane spielen ja auch immer in Zeiten des Übergangs, wo sich ein großer Möglichkeitsraum eröffnet...

...und wo einfach kein fester Bezugspunkt da ist, an dem sich alles ausrichtet. So dass alles relativ ist oder in eine Art Zwielicht getaucht ist.

Warum sollte sich jemand einen in der deutschen Fassung doch immerhin 1760 Seiten schweren Roman antun?

Einfach weil es ein unglaublich tolles Buch ist. Ich wüsste wenig Bücher, die mich so gefesselt oder fasziniert haben wie dieses. Es ist ein richtig tolles Buch, und es ist für jeden was dabei.

Was fesselt Sie konkret daran? Ist es die Spannung, weil man wissen will, wie es weitergeht? Ist es die intellektuelle Brillanz des Autors?

Beides. Es ist die handfeste Kolportage einerseits - es passiert was. Da ist diese Familiengeschichte, die dem Ganzen einen Rahmen gibt. Da ist dieser Gewerkschaftsführer bei dieser Minengesellschaft am Ende des 19. Jahrhunderts, und die Kapitalisten versuchen das zu unterdrücken mit gemieteten Killern, und der wird erschossen. Und seine Kinder versuchen den Vater zu rächen. Da wollte ich zum Beispiel einfach wissen: Wie geht das aus? Schaffen die das? Und wenn ja: wie. Da ist dieser Plutokrat, an den kommt man gar nicht ran, und der ist umgeben von lauter bösen, bösen Handlangern.

Es gibt albernes Gekasper, wie immer bei Pynchon. Es gibt unzählige Seitenstränge, aus denen andere ein ganzes Buch gemacht hätten - und er reißt das nur mal so kurz an. Und es gibt unheimlich viel Stoff zum Nachdenken, so dass man das Buch zur Seite legt und überlegt, "Mensch, wie wäre das gewesen, wenn das anders gelaufen wäre...?" oder "Was wäre, wenn das wirklich so möglich wäre...?" Oder Leute, die einen Weg gefunden haben, in der Zeit zurückzureisen. Wie, das wird gar nicht so genau geschildert. Und das ist auch gar nicht so interessant. Aber wie wäre das, so jemanden zu treffen. Leute, bei denen sich rausstellt: Die sind abgehauen, einfach geflohen aus ihrer Zeit.

Das Buch

Das Buch Thomas Pynchon: Gegen den Tag. Roman. Aus dem Amerikanischen von Nikolaus Stingl und Dirk van Gunsteren. Gebunden, 1760 Seiten. 29,90 Euro.

Anstatt einer Inhaltsangabe "'Gegen den Tag' ist Pynchon in Hochform: dunkel, witzig, voller Hinweise, Querverbindungen und phantastischer Einfälle. Mathematische Abhandlungen, Erörterungen über das Wesen der Zeit und des Films, schräge Erotik, Slapstick, Machenschaften. Werner Heisenberg und Groucho Marx (der übrigens auch vorkommt): Ich kenne keinen amerikanischen Schriftsteller, der Pynchon gleichkommt, er ist wirklich genial. Für einen Übersetzer der absolute Glücksfall." (Dirk van Gunsteren)

 
 
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