Neudeckers Romanfiguren jedoch gelingt diese Brechung. Dabei beschreibt sie keine Helden. Sie schreibt Geschichten von jungen Menschen auf der Suche nach Wahrheit - über das Land, über sich selbst -, die "teilweise sogar sehr naiv", wie sie selbst sagt, durch Myanmar reisen. Sie sind fehlbar, teilweise sogar unsympathisch, doch gerade das macht sie lebendig. Gedankensplitterhaft eingeschobene englische Sätze - Sprache der Touristen untereinander und mit den Einheimischen - machen die Reise authentisch, die Ängste und Vorurteile, mit denen die Charaktere kämpfen, holen Myanmar nah an den Leser heran.
Den Hauptcharakter etwa befällt panische Angst, wenn er abseits der Wege reist. Ihm springen bruchstückhafte Sätze von Formularen ins Gedächtnis, die er bei seiner Einreise unterschrieben hat. "I will not engage in any activities irrelevant to the purpose of entry. - Legal action will be taken. - I shall not interfere in the internal affairs." ("Ich werde keine Aktionen unternehmen, die irrelevant für den Zweck meiner Einreise sind - Rechtliche Schritte werden eingeleitet. - Ich darf nicht in interne Angelegenheiten eingreifen.")
Neudeckers These: In einem Regime, das sich abschottet und seinen Bürgern den Kontakt nach außen verbietet, sind die Rucksacktouristen die einzigen, die sich auf die Suche nach der Realität machen. Sie sind wie "trojanische Pferde" für Myanmar. "Der Vergleich ist nicht von mir", so die Autorin. "Das hat mir wirklich jemand so gesagt."
So lässt sie ihren Reisenden einen Mister Khin treffen. Einen Mann, der als Bergführer arbeitet und trotz mehrfacher Verhaftungen den Mut hat, offen mit den Backpackern zu sprechen. Mister Khin stellt den Reisenden vor eine Entscheidung: Er "weiß, dass er jetzt nach der Folter fragen sollte, von der er gelesen hat. Nach der Verschleppung von Frauen, dem Rauschgifthandel, Export von Rohopium, Vergewaltigungen im Karen-Staat, verschwindenden Menschen. Ist das alles wahr, müsste er fragen." Am Ende steht eine Bitte Mister Khins: "At least tell your friends" - "Erzähl wenigstens deinen Freunden davon".
Ist dieser Satz wirklich so gefallen - war das Neudeckers Motivation, ein Buch über Myanmar zu schreiben? "Ja", sagt sie zögernd. "Aber man muss sehr vorsichtig sein, weil ich niemanden in Gefahr bringen darf. Sagen wir so: Ich bin mehreren Leuten begegnet, die in ihrer eigenen Form versuchten, ihren Beitrag zu leisten."
Seit 2003 ist sehr viel passiert, das Land wurde offener, immer mehr Touristen fuhren nach Myanmar. Die Bevölkerung hat sich bewegt - bis hin zu der versuchten Revolution im Herbst 2007. Doch nach der Niederschlagung dieser Proteste bleibt nicht viel von der Hoffnung, die sie in "Nirgendwo sonst" heraufbeschwört. Die aktuelle Situation kommentiert Neudecker: "Lieber die eigene Bevölkerung sterben zu lassen, als das Land zu öffnen, das ist ein so unfassbarer Gedanke, den kann man gar nicht nachvollziehen".
Es bleibt ein kleiner Hoffnungsschimmer: dass die kurze Welle der Aufmerksamkeit nicht wieder so schnell abebbt wie im Herbst 2007, dass klar wird, dass die Situation dort immer schlimmer wird. Wie das gelingen kann? Vielleicht durch Geschichten, die die goldene Fassade von Myanmar durchbrechen.