Verarbeitet Kuttner tatsächlich ihre eigenen traumatischen Erlebnisse in "Mängelexemplar"? Schließlich beschreibt die Moderatorin so detailliert die Symptome von Angstzuständen und Depression erzählt, dass man kaum glauben kann, dass sie es nicht wirklich erlebt hat. Ja, sie habe selbst auch mal unter Panikattacken gelitten, gesteht sie gegenüber der Frauenzeitschrift "Brigitte", wo sie als Gesprächspartnerin zum Thema Ängste gefragt ist. Das habe ihr das Schreiben darüber erleichtert. Doch eine Therapie habe sie nicht gemacht, selbst wenn, würde sie es nicht erzählten, sagt Kuttner im Interview mit der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung". Das sei kein autobiografisches Buch und auch nicht ihre Geschichte, bemüht sie sich zu betonen, auch wenn sie selbst wissen muss, wie wenig ihre Beteuerungen gehört werden.
"Mängelexemplar" Karo wird in der öffentlichen Wahrnehmung die Gestalt von Schöpferin Kuttner annehmen wie Helen Memel mit Charlotte Roche gleichgesetzt wird, bei deren Anblick sich Millionen Menschen fragen, ob sie wohl beim Pinkeln erst mal mit ihrer Muschi über den Klodeckel wischt? Da kann Roche noch so oft in Interviews betonen, dass es sich bei "Feuchtgebieten" um Fiktion handelt und sie nicht ihr eigenes ausschweifendes Masturbationsverhalten beschreibt.
Offensichtlich nimmt Kuttner, und das muss man ihr hoch anrechnen, die Verschmelzung ihrer eigenen Biografien mit der ihrer Romanheldin für eine gute Sache in Kauf: nämlich um das Bewusstsein zu stärken, dass psychische Defekte Krankheiten sind, die man ernst nehmen muss und die man heilen kann. Denn eines hat sie erreicht nach der Lektüre des Buches: Man versteht besser, wie Depressive ticken. Und das ist wichtig in einer Zeit, in der skrupellose Renditegeier die Zukunftschancen junger Leute dezimieren. Viel schlimmer als ein leeres Bankkonto ist das, was in den Köpfen der Menschen angerichtet wird.
Es ist also das richtige Buch zur richtigen Zeit. Vielleicht sollte Kuttner ein Forum im Internet eröffnen für verstörte Twens, die in Zeiten wachsenden Drucks die bösen Geister nicht mehr aus dem Kopf vertreiben können. Keine Kleinanzeigensendung mehr, sondern nach Größerem streben. Das tun, was sie am Besten kann: Moderieren. Und die Glaubwürdigkeit nutzen und als Sprachrohr den Kontakt zwischen Betroffenen und Helfern herstellen. Denn eines wird Sarah Kuttner in den nächsten Monaten so oder so sein: das Gesicht der Depression.
Das Buch "Mängelexemplar" von Sarah Kuttner ist am 11. März 2009 im S. Fischer Verlag erschienen