
Christhard Läppple hat für das ZDF jahrelang zur Stasi recherchiert© Mike Minehan
Das ist für mich auch ein Ergebnis dieser Recherchen. Es hat in der DDR eine Veränderung des persönlichen Gewissens gegeben, mit der wir heute noch zu tun haben. Ich nenne das die Verstaatlichung des Gewissens. Man konnte seine eigene Verantwortung abgeben. Der Staat hat gesagt: "Unser Land ist bedroht. Wir haben Feinde. Es ist gerecht und gerechtfertigt mit allen Mitteln dagegen zu kämpfen." Der Bruder war also bereit zu sagen: "Wenn der Staat mich braucht, mache ich das." Aber er hatte trotzdem Zweifel. Er war nicht bereit, eine Verpflichtungserklärung zu unterschreiben. Ihm war die Brisanz der Sache doch irgendwie klar.
Das ist ein Abwehrargument. Ich selbst habe diese Recherchen nicht im luftleeren Raum gemacht. Ich lebe seit 28 Jahren mit einer Frau zusammen, die eine DDR-Biografie hat. Wir haben diesen mühsamen Weg der Annäherung im privatesten Bereich schon hinter uns. Natürlich gibt es Dinge, die ich so nicht verstehen kann oder konnte. Aber ich habe sehr viel dazu gelernt. Ich warne davor eine Demutshaltung einzunehmen und zu sagen: Das können wir Wessis gar nicht beurteilen. Was die Ossis vor allem stört ist die Selbstgerechtigkeit. Denn: Wir Westler hätten uns in einer ähnlichen Situation nicht anders verhalten.
Bei uns ging es sehr lebhaft zu. Wir haben diskutiert und gestritten. Sie war übrigens strikt gegen das Projekt. Man schaut da in die Herzkammern. Verrat geht in die Seele, trifft in die Haarspitzen. Deshalb auch der Titel: "Verrat verjährt nicht". Juristisch gesehen tut er das zwar, nach zwanzig Jahren. Ab 2. Oktober 2010 können die nicht entdeckten Spione aufatmen. Aber das Problem ist, dass Verrat immer auf Vertrauen basiert. Je mehr Vertrauen ich erwerbe, desto besser bin ich im Bespitzeln. Deshalb hält die Enttäuschung der Betroffenen oft ein Leben lang an. Wir haben über 500.000 Menschen gehabt, die für die Staatssicherheit gearbeitet haben. Es ist eine richtig, große politische Kategorie. Und wir haben seit 1993/1994 um die 2,5 Millionen Menschen, die bereits in ihre Akte geschaut haben und mit diesem Thema konfrontiert wurden.
Die Trabi-Safari etwa ist überhaupt kein Problem. Man erinnert sich an seine Jugend, an schöne Erlebnisse. Der kritische Punkt beginnt da, wo es politisch benutzt und umgesetzt wird. Warum solidarisieren sich viele Ostdeutsche mit angegriffenen IMs? Es gab 1989 noch einen Konsens: Man fand das eigentlich nicht gut.
Durch die Form der Aufarbeitung ist der aufgeweicht worden, weil wir eine besondere Situation hatten: Der große Bruder BRD hat nach der Wende an seinen kleinen Bruder DDR Zensuren verteilt. Das hat den kleinen trotzig gemacht.
Sicher. Da ist vieles nicht optimal gelaufen. Wir leisten uns einerseits die größte Aufarbeitungsbehörde der Welt - und trotzdem sagen die Opfer, dass sie sich verraten und verkauft fühlen. Die fehlende Fähigkeit, zuzuhören, ist das Hauptproblem. Zu sagen: Jetzt setzen wir uns hin und erzählen uns, wie es wirklich war, was die Gründe waren. Schwarz-weiß macht es einfach, aber es gibt sehr viele Grautöne. Wenn wir die nicht zulassen, verlängern wir den Kalten Krieg.
IM-Schicksale: der wendige Meisterspion Johannes Diba ist Doktor der Philosophie und interessiert sich für die Leipziger Künstlerszene. Er lässt sich von der Stasi anwerben um als junger, attraktiver "Tangotänzer", wie er sich selbst nennt, über das Oppositionellenmilieu zu informieren. Später wird er Professor und inszeniert sich als Regime-Kritiker, während er es gleichzeitig stützt und dem Mielke-Ministerium zuarbeitet. Er meldet Kontakte einer Doktorandin zu kritischen Künstlern, schwärzt jugendliche Verfasser von vermeintlichen "Hetzzetteln" an oder fährt in den Westen, um flüchtige Hochschulangehörige zur Rückkehr zu überreden. Als die DDR sich 1989 endgültig aufzulösen droht, gibt er öffentlich den radikalen Reformer - und spitzelt weiter. Selbst nach dem Mauerfall hört er einige Tage lang damit noch nicht auf. Nach der Wende arbeitet er als Rechercheur für renommierte Politmagazine und verkauft seine alten Ostkontakte. Er wird zum Stasi-Ankläger. Elf Jahre nach dem Mauerfall trifft ihn zuhause der Schlag. Mühsam muss er sich den Weg aus der Lähmung und Sprachlosigkeit zurück ins Leben kämpfen. Es gelingt ihm. Den Schlaganfall betrachtet er als "Quittung".
Das Buch Christhard Läpple, "Verrat verjährt nicht - Lebensgeschichten aus einem geteilten Land". Hoffmann und Campe. 352 Seiten, 19,95 Euro
IM-Schicksale: die schöne Idealistin Anna Heß ist eine junge Lehrerin und glaubt an die DDR-Gesellschaft. Nach einem Besuch von zwei Herren der Staatssicherheit lässt sie sich als IM verpflichten. Von Anfang an möchte die Stasi sie im "Operationsgebiet", also in der BRD, einsetzen. Als Heß sich von ihrem Mann getrennt hat, ist sie bereit, mit ihrem Geliebten, einem Afrikaner, in die Bundesrepublik zu gehen - ihren Sohn lässt sie in der DDR zurück. Während ihres West-Einsatzes gelangt sie als Praktikantin beim ZDF in die noch junge Redaktion des Historikers Guido Knopp und freundet sich mit dem Redenschreiber von Kanzler Brandt, Klaus Harpprecht, an. Sie benutzt ihn für ihre Spitzeltätigkeit, gleichzeitig nährt er ihre Zweifel am "real existierenden Sozialismus". Schließlich fühlt sie sich weder im Westen zuhause, noch mit der DDR wohl. Auch die Beziehung zu ihrem afrikanischen Freund, der für die technische Übertragung ihrer Nachrichten in die DDR zuständig ist, zerbricht zusehends. Ein Jahr vor dem Mauerfall steigt sie aus. Die Stasi lässt die ehemalige Inoffizielle ziehen.