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3. Oktober 2008, 10:55 Uhr

"Wir verlängern den Kalten Krieg"

Christhard Läppple hat für das ZDF jahrelang zur Stasi recherchiert© Mike Minehan

Der Bruder scheint dies aber nicht aus Überzeugung zu tun, sondern eher ein bisschen trotzig und womöglich aus einem Pflichtgefühl dem Staat gegenüber heraus.

Das ist für mich auch ein Ergebnis dieser Recherchen. Es hat in der DDR eine Veränderung des persönlichen Gewissens gegeben, mit der wir heute noch zu tun haben. Ich nenne das die Verstaatlichung des Gewissens. Man konnte seine eigene Verantwortung abgeben. Der Staat hat gesagt: "Unser Land ist bedroht. Wir haben Feinde. Es ist gerecht und gerechtfertigt mit allen Mitteln dagegen zu kämpfen." Der Bruder war also bereit zu sagen: "Wenn der Staat mich braucht, mache ich das." Aber er hatte trotzdem Zweifel. Er war nicht bereit, eine Verpflichtungserklärung zu unterschreiben. Ihm war die Brisanz der Sache doch irgendwie klar.

Sind diese Beziehungsgeflechte für einen Menschen aus dem Westen überhaupt nachvollziehbar? Das Argument der Betroffenen ist oft: Ihr versteht das nicht. Die Rede ist von Siegerjustiz.

Das ist ein Abwehrargument. Ich selbst habe diese Recherchen nicht im luftleeren Raum gemacht. Ich lebe seit 28 Jahren mit einer Frau zusammen, die eine DDR-Biografie hat. Wir haben diesen mühsamen Weg der Annäherung im privatesten Bereich schon hinter uns. Natürlich gibt es Dinge, die ich so nicht verstehen kann oder konnte. Aber ich habe sehr viel dazu gelernt. Ich warne davor eine Demutshaltung einzunehmen und zu sagen: Das können wir Wessis gar nicht beurteilen. Was die Ossis vor allem stört ist die Selbstgerechtigkeit. Denn: Wir Westler hätten uns in einer ähnlichen Situation nicht anders verhalten.

Wie verlief die Auseinandersetzung mit Ihrer Frau?

Bei uns ging es sehr lebhaft zu. Wir haben diskutiert und gestritten. Sie war übrigens strikt gegen das Projekt. Man schaut da in die Herzkammern. Verrat geht in die Seele, trifft in die Haarspitzen. Deshalb auch der Titel: "Verrat verjährt nicht". Juristisch gesehen tut er das zwar, nach zwanzig Jahren. Ab 2. Oktober 2010 können die nicht entdeckten Spione aufatmen. Aber das Problem ist, dass Verrat immer auf Vertrauen basiert. Je mehr Vertrauen ich erwerbe, desto besser bin ich im Bespitzeln. Deshalb hält die Enttäuschung der Betroffenen oft ein Leben lang an. Wir haben über 500.000 Menschen gehabt, die für die Staatssicherheit gearbeitet haben. Es ist eine richtig, große politische Kategorie. Und wir haben seit 1993/1994 um die 2,5 Millionen Menschen, die bereits in ihre Akte geschaut haben und mit diesem Thema konfrontiert wurden.

Gleichzeitig scheint die Ostalgie-Welle, die Verklärung, stärker zu werden. In Berlin gibt es eine Stasi-Kneipe, Trabi-Safaris und Ostels.

Die Trabi-Safari etwa ist überhaupt kein Problem. Man erinnert sich an seine Jugend, an schöne Erlebnisse. Der kritische Punkt beginnt da, wo es politisch benutzt und umgesetzt wird. Warum solidarisieren sich viele Ostdeutsche mit angegriffenen IMs? Es gab 1989 noch einen Konsens: Man fand das eigentlich nicht gut.

Der Konsens ist aufgeweicht?

Durch die Form der Aufarbeitung ist der aufgeweicht worden, weil wir eine besondere Situation hatten: Der große Bruder BRD hat nach der Wende an seinen kleinen Bruder DDR Zensuren verteilt. Das hat den kleinen trotzig gemacht.

Zu Recht?

Sicher. Da ist vieles nicht optimal gelaufen. Wir leisten uns einerseits die größte Aufarbeitungsbehörde der Welt - und trotzdem sagen die Opfer, dass sie sich verraten und verkauft fühlen. Die fehlende Fähigkeit, zuzuhören, ist das Hauptproblem. Zu sagen: Jetzt setzen wir uns hin und erzählen uns, wie es wirklich war, was die Gründe waren. Schwarz-weiß macht es einfach, aber es gibt sehr viele Grautöne. Wenn wir die nicht zulassen, verlängern wir den Kalten Krieg.

IM-Schicksale: der wendige Meisterspion Johannes Diba ist Doktor der Philosophie und interessiert sich für die Leipziger Künstlerszene. Er lässt sich von der Stasi anwerben um als junger, attraktiver "Tangotänzer", wie er sich selbst nennt, über das Oppositionellenmilieu zu informieren. Später wird er Professor und inszeniert sich als Regime-Kritiker, während er es gleichzeitig stützt und dem Mielke-Ministerium zuarbeitet. Er meldet Kontakte einer Doktorandin zu kritischen Künstlern, schwärzt jugendliche Verfasser von vermeintlichen "Hetzzetteln" an oder fährt in den Westen, um flüchtige Hochschulangehörige zur Rückkehr zu überreden. Als die DDR sich 1989 endgültig aufzulösen droht, gibt er öffentlich den radikalen Reformer - und spitzelt weiter. Selbst nach dem Mauerfall hört er einige Tage lang damit noch nicht auf. Nach der Wende arbeitet er als Rechercheur für renommierte Politmagazine und verkauft seine alten Ostkontakte. Er wird zum Stasi-Ankläger. Elf Jahre nach dem Mauerfall trifft ihn zuhause der Schlag. Mühsam muss er sich den Weg aus der Lähmung und Sprachlosigkeit zurück ins Leben kämpfen. Es gelingt ihm. Den Schlaganfall betrachtet er als "Quittung".

Das Buch Christhard Läpple, "Verrat verjährt nicht - Lebensgeschichten aus einem geteilten Land". Hoffmann und Campe. 352 Seiten, 19,95 Euro

IM-Schicksale: die schöne Idealistin Anna Heß ist eine junge Lehrerin und glaubt an die DDR-Gesellschaft. Nach einem Besuch von zwei Herren der Staatssicherheit lässt sie sich als IM verpflichten. Von Anfang an möchte die Stasi sie im "Operationsgebiet", also in der BRD, einsetzen. Als Heß sich von ihrem Mann getrennt hat, ist sie bereit, mit ihrem Geliebten, einem Afrikaner, in die Bundesrepublik zu gehen - ihren Sohn lässt sie in der DDR zurück. Während ihres West-Einsatzes gelangt sie als Praktikantin beim ZDF in die noch junge Redaktion des Historikers Guido Knopp und freundet sich mit dem Redenschreiber von Kanzler Brandt, Klaus Harpprecht, an. Sie benutzt ihn für ihre Spitzeltätigkeit, gleichzeitig nährt er ihre Zweifel am "real existierenden Sozialismus". Schließlich fühlt sie sich weder im Westen zuhause, noch mit der DDR wohl. Auch die Beziehung zu ihrem afrikanischen Freund, der für die technische Übertragung ihrer Nachrichten in die DDR zuständig ist, zerbricht zusehends. Ein Jahr vor dem Mauerfall steigt sie aus. Die Stasi lässt die ehemalige Inoffizielle ziehen.

Von Johannes Gernert
Seite 1: "Wir verlängern den Kalten Krieg"
Seite 2: Der Bruder scheint dies aber nicht aus Überzeugung zu tun, sondern eher ein bisschen trotzig und womöglich aus einem Pflichtgefühl dem Staat gegenüber heraus.
 
 
KOMMENTARE (10 von 17)
 
mutti1 (03.10.2008, 23:07 Uhr)
na so was
es gibt literatur zu kaufen, die ich gelesen habe, in berlin, gibt es den HELP.ev,
DAS GESTOHLENE LEBEN , ist ein buch, das ein ex-gefangener u. viele andere mit ihren aussagen geschrieben haben.über 500 ,die letzten seiten mit opfer-zahlen zu allen regimen u.
das 2. buch
keine frau ist so schön wie die freiheit
beschreibt ausbrüche aus stasi u. gefängnissen in der EX-DDR.
den help .ev und die kollegen findet man hoffentl. noch in der ruschestr. 103, haus 1.
Und mehrere bücher bekommt man auch dort oder den p. a. hussock- verlag , der in eigenregie sein schicksal verlegte, es ist wirklich sehr wichtig, wenn jemand mitreden u. genaues wissen möchte.
mutti1 (03.10.2008, 22:48 Uhr)
na so was
das grundgesetz wurde jedenfalls so umgearbeitet, das es gegen jedermann-frau angewendet kann, wenn er seine rechte in anspruch nimmt.
nicht umsonst werden die ex-stasis und regierungsmitglieder so sanft behandelt.
niemand hat in der DDR rücksicht auf alter, geschlecht, gesundheit und eventuelle unzurechnungsfähigkeit genommen.
es wurden sogar leute systematisch krank gemacht, geschädigt, schlimmster physischer u. psychischer folter unterworfen, das fing schon bei einfachen zeugenaussagen an, oder endete bei dunkel+einzelhaft.
sowie schlechte ärztl. versorgung u. misshandlungen im stasi-sowie normalem knast, selbst heute gelten strengere regeln im ost-knast.
das schlimmste ist, das die ex-sed-genossen meist west-verwandte hatten u. am schlimmsten gegen den westen hetzten.
auf einmal haben sie sich ruck-zuck kaufen lassen von ex-besitzern u. deren neue knechte gespielt. die haben noch etl. jahre bis zum schluss geld verdient, zuerst die mütter gefeuert.
brandenburger (03.10.2008, 19:46 Uhr)
Zu Klaus_P
Schon wieder dieser Blödsinn über Schäuble!
kette1 (03.10.2008, 19:27 Uhr)
@mupfeline
Hallo liebe Blocker-innen,
ich finde es überhaupt nicht schön, wenn ihr alle die Gleichberechtigung vergesst.
Drückt euch bitte nicht diskriminierend aus.
Korrekt heißt es:
Stasi-Spitzel -innen, Judassinen und Judasse, Folterknechtinnen und Folterknechte (ihr dürft auch Foltermagd sagen) Bitte gebt euch also Mühe
herdubreid (03.10.2008, 18:36 Uhr)
Noch immer schreiben Leute aus den Altbundesländern darüber,
wie es bei uns gewesen ist. Das stört mich zunächst an diesem Artikel. Warum konnte zu diesem Sachverhalt nicht jemand aus der Birthler-Behörde Stellung nehmen, der diese Situation selbst erlebt hat? Man könnte manchem kleinen IM verzeihen, wenn er sich zu seiner Schuld bekennen würde und sich geoutet hätte. Das sind aber nur einzelne, die den Mut hatten. Die Opfer der Diktatur tragen ihr Leben lang die Folgen, sei es, dass sie als Kinder von nicht linietreuen Bürgern nicht zur Oberschule zugelassen wurden und eine schlechtere Ausbildung hatten und damit bis zur Rente auch ein schlechteres Einkommen, seien es psychische Folgen oder (bei wenigen) Gefängnis oder Gewalt. Wenn man mal schaut, sind die früheren Mitarbeiter der Stasi in der BRD meist gut gelandet, da sie in der DDR die einflussreichen Stellen inne hatten und oft als kompetente Ansprechpartner schnell die Seite wechseln konnten.
L.Gleichmann (03.10.2008, 18:31 Uhr)
$241a STGB
§ 241a
Politische Verdächtigung(1) Wer einen anderen durch eine Anzeige oder eine Verdächtigung der Gefahr aussetzt, aus politischen Gründen verfolgt zu werden und hierbei im Widerspruch zu rechtsstaatlichen Grundsätzen durch Gewalt- oder Willkürmaßnahmen Schaden an Leib oder Leben zu erleiden, der Freiheit beraubt oder in seiner beruflichen oder wirtschaftlichen Stellung empfindlich beeinträchtigt zu werden, wird mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.
(2) Ebenso wird bestraft, wer eine Mitteilung über einen anderen macht oder übermittelt und ihn dadurch der in Absatz 1 bezeichneten Gefahr einer politischen Verfolgung aussetzt.
(3) Der Versuch ist strafbar.
(4) Wird in der Anzeige, Verdächtigung oder Mitteilung gegen den anderen eine unwahre Behauptung aufgestellt oder ist die Tat in der Absicht begangen, eine der in Absatz 1 bezeichneten Folgen herbeizuführen, oder liegt sonst ein besonders schwerer Fall vor, so kann auf Freiheitsstrafe von einem Jahr bis zu zehn Jahren erkannt werden.
----------------------------------
Noch Fragen was diese Behörde tut?
Tausende wurden so ihrer wirtschaftlichen Existenz im Osten beraubt:
Die Definition kriminelle Vereinigung liegt sehr nahe.
Pamela_1971 (03.10.2008, 18:02 Uhr)
@ UR63
Na, na, na! Wer wird denn gleich ausfallend und beleidigend werden? Auf dieses Niveau lasse ich mich bestimmt nicht herab.
.
Aber wie kommen Sie darauf, dass ich an irgendeiner Diktatur etwas "tolles" finde? Ich habe mich doch gerade ausdrücklich GEGEN Bespitzelungen jeder Art ausgesprochen... egal in welchem System! - Merke: erst lesen - dann nachdenken - und erst DANN antworten (oder eben - wie Sie - sinnlos lospöbeln) ;-))
mupfeline (03.10.2008, 17:02 Uhr)
@Pamela_71
Hatte die Tätigkeit von "westdeutschen Spitzeln" auch dieselben "Erfolge" für die Betroffenen. Was für ein Schwachsinn. Natürlich gab es westdeutsche Spione, aber das Volk selber wurde in Ruhe gelassen. Warum auch nicht. Wer wollte konnte ja ohne weiteres den Staat verlassen.
DAS meine Dame sind die eminenten Unterschiede. Wenn Sie nicht in der DDR gelebt haben und keine Zwangsadoptionen, Todesschüsse und jahrelange politische Gefangenschaft erlebt haben - dann haben Sie wirklich keine Ahnung wenn Sie diese beiden Systeme miteinander vergleichen. Und genau deshalb müssen die IM's - und das ist das Mindeste - wenigstens zu ihren Untaten stehen. Aber nicht mal dazu haben sie den Mut. Sie lügen, sie verschweigen und sie schwören falsch Zeugnis. Und genau deshalb habe ich vor diesen Leuten keine Achtung und keinen Respekt. Es waren falsche und verlogene Menschen die für ein paar Vorteile und ein paar Mark ihre Mitbürger verraten haben. Also eben Judasse - mehr nicht.
Klaus_P (03.10.2008, 16:58 Uhr)
Aufarbeitung?
Schäuble arbeitet doch gerade an einer neuen Totalüberwachung. Schön wenn man aus der Vergangenheit übherhaupt nichts gelernt hat...
flyingfree (03.10.2008, 16:26 Uhr)
Das beschränkt sich nicht auf die DDR
Das kommt mir bekannt vor:
"Meine Erfahrung aus den Recherchen ist, dass viele alte Kader in der neuen Bundesrepublik sehr weich gelandet und teilweise sogar in Führungspositionen
wieder aufgetaucht sind."
...und das kenne ich auch:
"Der Staat hat gesagt: "Unser Land ist bedroht. Wir haben Feinde. Es ist gerecht und gerechtfertigt mit allen Mitteln dagegen zu kämpfen." Der Bruder war also bereit zu sagen: "Wenn der Staat mich braucht, mache ich das."
Außerdem, bespitzelt werden wir auch.
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