
Superdasisses© Aktueller Titanic Titel
Ist ein Witz dann gut, wenn er einen Prozess nach sich zieht? Thomas Gsella denkt nach und schüttelt den Kopf. Nein, man habe es nie darauf angelegt. Eine Rechtsanwältin prüft jedes Heft, und wenn die anmahnt, irgendwo ein "Arschloch" durch "Idiot" zu ersetzen, wird das umgehend erledigt. Die Redaktionsräume sehen so ähnlich aus wie das "Titanic"-Layout. Antiquiert, schäbig, vollgerümpelt. Im Flur schlägt der Fußboden hohe Wellen, hinten im Grafikraum stehen zwischen Kleiderständern Kartons mit Aufschriften wie "Flossen/ Schlafanzüge/Geweihe" oder "Sex". Hier sitzt Art-Director Thomas Hintner, ein gemütlicher Unterfranke, dessen Geduld oft stark beansprucht wird. Eben hat er wieder auf ausdrücklichen Wunsch der Kollegen Vorschläge für eine kleine Layout-Reform unterbreitet. Ein neues Logo entworfen für die Rubrik "Briefe an die Leser", die Schrifttype der "Humorkritik" modernisiert – aber am Ende beschlossen "die feinen Herren Autoren da vorne", wie Hintner sie nennt, dass doch alles bitte schön beim Alten bleiben soll. Hintner kocht vor Wut.
Die feinen Herren Autoren da vorne, das sind die Redakteure Oliver Nagel, Stefan Gärtner und Mark-Stefan Tietze. Die Redaktions-Intellektuellen, die stundenlang das "FAZ"-Feuilleton sowie jedes andere verfügbare Medium online und offline lesen. Tietze studiert sogar Werbebroschüren von Pizzabringdiensten. Witzrohstoff findet sich an den unmöglichsten Orten! Das ist mal eine klar gegliederte Redaktion: Im vorderen Bürotrakt sitzt der Geist und betreibt Medienreflexion, oft mit desillusionierten, mitunter auch zynischen Ergebnissen. Hinten vertraut man eher auf die Kraft der Intuition, auf Zartheit und Feingefühl. Gegenüber von Art-Director Hintner sitzt der Zeichner Stephan Rürup, ein Alt-78er mit Latzhose und einem Kinnbart, der in drei Zöpfe mündet. Berufsmäßig in einem Büro Witze erfinden, von 9 bis 17 Uhr, geht das überhaupt? Es geht. Harte Drogen sind dazu nicht zwingend notwendig. In der Redaktionsküche stehen vier Kaffeemaschinen sowie zwei Kästen "Licher Premium Pilsner". Und die Sache mit der Anwesenheitspflicht wird nicht allzu streng gehandhabt. "Arbeitsbeginn ist um 11 Uhr", sagt Chef Gsella.
"Um 12 Uhr sind dann alle da." Um 13 Uhr geht die Redaktion meist geschlossen zum Mittagessen, in eine verlotterte Kneipe names "Doctor Flotte". Man kann wählen zwischen Schnitzel und Schnitzel. Zum Nachtisch eine Tasse Bohnenkaffee, dann wird weiterkonferiert. Der Praktikant meldet sich zu Wort. Das Heft sei zu wenig sexistisch in letzter Zeit. Zustimmendes Gemurmel. Gut wäre etwas Frauenverachtendes und zugleich Ossifeindliches, darüber herrscht Konsens. Gsella schweigt und macht sich Notizen. Und sonst? Irgendwas zum Fall Seehofer? Vielleicht eine Telefonaktion, CSU-Abgeordnete anrufen, ihnen Affären andichten? Aber wir haben doch keinen, der Bayerisch kann. Stimmt auch wieder. Vorschlag abgeschmettert. Und was ist mit dem Titel? Wieder werden Haare gerauft, Hände geknetet.
Tietze, dessen Magisterarbeit den Titel "Komische Kommunikation – Ein theoretischer Entwurf " trug, macht weitschweifige Erläuterungen zum Bau von Witzen. Keiner hört zu. "Ach, warum muss es denn immer so, äh, gehaltvoll sein?", ächzt Rürup. Die Intuitions- Fraktion ist sichtlich genervt von der Intellekt-Fraktion. Also nee, mit Theorie komme man jetzt nicht weiter. Der Mythos "Titanic", die historischen Leistungen, die legendären Titelbilder – all das scheint jetzt schwer auf der Redaktion zu lasten. So schwer, dass sich eine Witzblockade einstellt. Nichts geht mehr. Zwei, drei, vier Minuten Stille. Gsella macht sich Notizen. Dann schaut er auf und sagt: "Ein Foto von bin Laden. Hoffnung in Deutschland: Kann er Schäuble stoppen?" Superdasisses.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 32/2007