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24. März 2006, 13:08 Uhr

Die Blausäure des Tyrannen

Ute Scheub, findet den Abschiedsbrief des Vaters zwischen "unordentlichen Familienangelegenheiten" und altem Geschirr. Sie ist inzwischen fast 50. "Aber die Tür zum Dachboden ist immer noch die Geheimnistür meiner Kindheit. Auch damals hat sie wie ein Gespenst geheult, als ich sie geöffnet habe." Jetzt fällt das Gespenst aus einer brüchigen Pappkiste, besteht aus Blättern mit flüchtigen Notizen, Schreibmaschinenblättern. Im Abschiedsbrief steht: "Der Bausparvertrag ist auch gesichert. ... Was ich Euch darüber hinaus sein könnte bin ich auch so. Meine Hoffnung ist sogar, auf diese Weise Besinnung zu sein für Euch alle." Ute Scheub hatte in Berlin gegen diesen schwäbischen Bausparvertrag-Vater Häuser besetzt.

Zu Härte erzogen

Während die Autorin verschrobene Sätze von gilbem Papier liest, nimmt sie den Leser mit in die SA-Zeit des Vaters, in seine Wachmannschaft bei der Göring-Villa, seinen Krieg und gleichzeitig ihre eigenen Kindheitserinnerungen. Die endlosen Waldspaziergänge mit ihm die endlosen Examina in Vogelstimmen-, Kröten- und Kräuterkunde. Die für das kleine Mädchen zu schweren Gießkannen, die Dornen, die bei der Gartenarbeit die Hände blutig rissen. Das Erziehungsprinzip: abhärten, zu Härte erziehen, Härte zeigen.

Ute Scheub zeigt den gepanzerten Vater, der den eigenen Körper wie einen Feind behandelt, seine Einsamkeit im inneren Bunker. Ein Nazi, der an seinem Schweigen erstickt. Sie blickt in die Kindheit des Sohnes eines jähzornigen Schwarzwälder Dorfschullehrers, "verratener" Weltkriegsheimkehrer, der noch in den 60er Jahren mit dem Rohrstock unterrichtete, an dessen Mittagstisch gebetet wurde, nicht geredet. "Nicht zurückzucken, die Hand oder das Gesäß hinhalten, die Strafe akzeptieren, das geplatzte Fleisch nicht spüren - darum ging es. An der Grenze der eigenen Identität, dort wo auf der Haut auch die Lust siedelt."

Zwischen Gehorsam und Selbstbehauptung

In den wenigen persönlichen Zeilen unter den vielen Phrasen aus dem großen Karton schreibt der Vater, über sich, den Klassenbesten, der bei "Spiel und Kameradschaft manche Zurücksetzung erlitt." Über sich, den Apothekeraspiranten, den der SA-Dienst innerlich ausfüllte. "Diesen nahm ich so, wie ich in der herkömmlichen evangelischen Frömmigkeit empfand." Die Tochter beschreibt den Vater schwankend zwischen Gehorsam und Selbstbehauptung, der in der Kameradschaft der Nationalsozialisten vergessen konnte, wie schmächtig er war, eingebettet in eine Volksgemeinschaft, wenn nicht vom Vater, so doch vom Führer geliebt, Teil einer Sippe, Rasse, aufgehoben in einer rasenden Hetzmeute. Als einziges Gefühlserlebnis die Gruppenekstase.

Auf dem Kirchentag faselte dieser von seiner Meute alleingelassene von alter Kriegskameradschaft und fehlenden Werten, von der Kirche, die seinesgleichen nicht mehr unterstützte, wie einst. Und später das Schweigen. Ist es möglich, fragt die Autorin, dass Täter durch ihre Reaktionen, Gesten, ihr Vermeiden, ihre Abwehr einen Schattenriss ihrer Taten zeigen. Und andere so die verdrängten Erinnerungen fast bildlich spüren? Gibt es eine "Trauma-Übertragung"? Tief in seinem Inneren fühlte ich eine Giftkapsel, schreibt die Tochter, und fragt: Hat die Kapsel auch mich, die Vaterhasserin, vergiftet? Erst in seinen Aufzeichnungen von 1967 findet die Tochter auch die Alpträume ihres Vaters.

Ihre Mutter hat damals extra die Gardinen gewaschen, als sich der berühmte Dichter ankündigte. Dann hat Günter Grass mit der Familie am Tisch gesessen, vom Kaffeetrinken bis zum Abendbrot. Die kleine Ute bewunderte ihre großen Brüder, die so klug und gelassen mit ihm redeten. Grass erwähnt die Jungen später nur in einem Satz. Das Mädchen erwähnte er nicht. Jetzt hat es selbst ein Buch darüber geschrieben, eines von befreiender Offenheit. Auch das ist ein Gegenentwurf.

Von Kuno Kruse
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