
"Vulva. Die Enthüllung des unsichtbaren Geschlechts" heißt das Buch von Mithu M. Sanyal© Wagenbach Verlag
Natürlich. Ich hatte ein erschreckendes Aha-Erlebnis: Ich saß mit einer Gruppe Wissenschaftlerinnen zusammen. Alle konnten einen Penis malen, doch keine eine überzeugende Vulva. Inzwischen kann ich das. Natürlich habe auch ich viel Zeit in meinem Leben damit verbracht, mit Spiegeln merkwürdigste unzugängliche Körperpartien zu untersuchen. Aber daraufhin, ob ich dort Zellulitis habe! Ich weiß, dass Männer ihre Penisse verglichen haben. Unter Mädchen gab es diese Form von Intimität nicht. Das Vergleichbarste war, dass sich meine Freundinnen gegenseitig die Haare färbten.
Im christlichen Abendland sagt der Phallus: "Eins" und "Ich". Der Gedanke ist: Der Mann kann Ich sagen, weil er einen Phallus hat. Die Frau hat zwei Lippen und das Chaos ihrer Genitalien. Sie weiß nicht, wie es aussieht. Sie weiß nicht, wie es heißt. Deshalb kann sie nicht Ich sagen.
Ich freue mich über all diese Einwürfe. Ich muss die gar nicht im Einzelnen toll finden. Es heißt: Lady Bitch Ray, das ist doch platt. Aber das ist mir erst mal egal. Ich fand Bitch Ray erst mal entzückend. Ich freue mich, dass es die gibt. Ebenso Charlotte Roche. Es heißt, das sei billig, auf Skandal geschrieben. Aber ich fand das erfrischend. Ich erwarte von dem Buch nicht, dass es "Krieg und Frieden ist".
Nein. Ich fand die Hygiene-Thematik spannender als die Konzentration auf den Genitalbereich. Ich finde, das sind keine Schein-Tabus. Es gibt eine neue Körpernorm, die heißt Rasur. Wenn ich im Sommer meinen Sohn in den Kindergarten bringe, fragen mich andere Kinder: "Was hast du da unter den Armen?" Das haben die noch nie gesehen. Und wenn ich mir die Beine nicht rasiere, fühle ich mich, als hätte ich mir die Zähne nicht geputzt. Das gab es früher nicht. Und ich frage mich: Wieso kommt von außen plötzlich diese Norm? Da werden Produkte verkauft. Das ist eine neue Zielgruppe. Es gab gerade eine Studie, die zeigte, dass junge Frauen das meiste Kapital zur Verfügung haben.
Als Jugendliche fand ich diesen Pfahl auch ziemlich unheimlich. Vor allem die Frage: Was macht man damit? Er setzt einen unter Leistungsdruck. Und dann noch so ein Hoden! Zieht man an einer Seite, wirft er an der anderen Wellen. Ich dachte immer: Männer haben es einfacher. Die müssen nur anfassen.
Das Tabu ist so perfekt, dass man gar nicht merkt, dass man nicht darüber spricht. Auch ich habe nicht gemerkt, wo die weißen Flecken auf meiner intellektuellen Landkarte waren. Ich bin aufgewachsen mit der Doktrin: Wir sind alle so offen und so frei. Wir reden nur noch über Sexualität in jeder Talk-Show. Erstens stimmt das nicht. Und dann redet man nur über Sexualität, um ganz viel auszublenden.
Ich bin Wissenschaftlerin und glaube, dass es ganz gut ist, Dinge zu wissen.
Ich glaube schon, dass die Viktorianer unglaublich begeistert von irgendwelchen Knöcheln sein konnten, weil sie noch keinen weiblichen Körper gesehen haben. Ich glaube aber, dass das für ein ausgefülltes Sexualleben nicht förderlich ist.
De facto ist das doch alles verklemmt. Das, was man immer als die totale Offenheit in den Medien bezeichnet, ist nur eine Wiedergabe von Normen. Wenn ich etwas wie Tabus haben möchte, brauche ich so etwas wie "Dschungelcamp" und unsere Talkshows. Ich brauche etwas, das allen suggeriert: Ihr seid doch schon total offen. Meine Eltern haben immer erzählt, sie seien ganz offen und könnten über alles reden. Und haben sich dann mit demselben verschämten Kichern "Mainz wie es singt und lacht" angeguckt. Das war ein Ventil, um diese ganzen Erkenntnisschranken und Ängste ertragen zu können.
Die wissen, was ein Penis und eine Vulva ist. Die benutzen beide Worte gerne und begeistert.
Wir haben ein tolles Pop-Up. Das Kamasutra. Sex auf Elefanten. Ganz entzückend.
Mithu M. Sanyal: "Vulva. Die Enthüllung des unsichtbaren Geschlechts", Wagenbach, 19,90 Euro
Mithu M. Sanyal Mithu M. Sanyal, geboren 1971, ist indisch-deutscher Abstammung und wuchs in Düsseldorf auf. Sie hat einen Sohn und eine Tochter und arbeitet als Journalistin und Autorin.