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21. April 2009, 17:59 Uhr

Das verschwiegene Sexorgan

Vulva, Mithu Sanyal, Kulturgeschichte

"Vulva. Die Enthüllung des unsichtbaren Geschlechts" heißt das Buch von Mithu M. Sanyal© Wagenbach Verlag

War Ihr Vulva-Buch auch Aufklärungsarbeit für Sie selbst?

Natürlich. Ich hatte ein erschreckendes Aha-Erlebnis: Ich saß mit einer Gruppe Wissenschaftlerinnen zusammen. Alle konnten einen Penis malen, doch keine eine überzeugende Vulva. Inzwischen kann ich das. Natürlich habe auch ich viel Zeit in meinem Leben damit verbracht, mit Spiegeln merkwürdigste unzugängliche Körperpartien zu untersuchen. Aber daraufhin, ob ich dort Zellulitis habe! Ich weiß, dass Männer ihre Penisse verglichen haben. Unter Mädchen gab es diese Form von Intimität nicht. Das Vergleichbarste war, dass sich meine Freundinnen gegenseitig die Haare färbten.

Sie schreiben, der "sprachgewaltige Phallus" beantworte klar und deutlich die Frage des Mannes nach seiner Identität. Was sagt denn der Phallus zu seinem Träger?

Im christlichen Abendland sagt der Phallus: "Eins" und "Ich". Der Gedanke ist: Der Mann kann Ich sagen, weil er einen Phallus hat. Die Frau hat zwei Lippen und das Chaos ihrer Genitalien. Sie weiß nicht, wie es aussieht. Sie weiß nicht, wie es heißt. Deshalb kann sie nicht Ich sagen.

Letztes Jahr hat die Rapperin Lady Bitch Ray in der "Harald Schmidt Show" Oliver Pocher ein Glas mit ihrem "Fotzensekret" überreicht. Sie proklamiert lauthals die "vaginale Selbstbestimmung". Sind wir nun dort angekommen, wo Sie hinwollen?

Ich freue mich über all diese Einwürfe. Ich muss die gar nicht im Einzelnen toll finden. Es heißt: Lady Bitch Ray, das ist doch platt. Aber das ist mir erst mal egal. Ich fand Bitch Ray erst mal entzückend. Ich freue mich, dass es die gibt. Ebenso Charlotte Roche. Es heißt, das sei billig, auf Skandal geschrieben. Aber ich fand das erfrischend. Ich erwarte von dem Buch nicht, dass es "Krieg und Frieden ist".

Die Pop-Kritikerin Kerstin Grether wirft Charlotte Roche vor, sie baue Schein-Tabus auf, nur um sie besonders medienwirksam zu brechen. Der Zwang zur Achselhaarrasur sei für den Feminismus kein satisfaktionsfähiger Gegner. Stimmen Sie Grether zu?

Nein. Ich fand die Hygiene-Thematik spannender als die Konzentration auf den Genitalbereich. Ich finde, das sind keine Schein-Tabus. Es gibt eine neue Körpernorm, die heißt Rasur. Wenn ich im Sommer meinen Sohn in den Kindergarten bringe, fragen mich andere Kinder: "Was hast du da unter den Armen?" Das haben die noch nie gesehen. Und wenn ich mir die Beine nicht rasiere, fühle ich mich, als hätte ich mir die Zähne nicht geputzt. Das gab es früher nicht. Und ich frage mich: Wieso kommt von außen plötzlich diese Norm? Da werden Produkte verkauft. Das ist eine neue Zielgruppe. Es gab gerade eine Studie, die zeigte, dass junge Frauen das meiste Kapital zur Verfügung haben.

Insgesamt denken Sie ziemlich kompliziert. Ist alles nicht viel einfacher: Dunkle, feuchte Höhlen sind ganz einfach unheimlicher als übersichtlich gen Himmel gereckte Pfähle.

Als Jugendliche fand ich diesen Pfahl auch ziemlich unheimlich. Vor allem die Frage: Was macht man damit? Er setzt einen unter Leistungsdruck. Und dann noch so ein Hoden! Zieht man an einer Seite, wirft er an der anderen Wellen. Ich dachte immer: Männer haben es einfacher. Die müssen nur anfassen.

Ihrer Forschungsarbeit liegt die Annahme zugrunde, die Vulva sei eine Tabu-Zone. Stimmt das denn heute noch nach mehreren Feminismus-Wellen, nach Madonna und Masturbations-Workshops?

Das Tabu ist so perfekt, dass man gar nicht merkt, dass man nicht darüber spricht. Auch ich habe nicht gemerkt, wo die weißen Flecken auf meiner intellektuellen Landkarte waren. Ich bin aufgewachsen mit der Doktrin: Wir sind alle so offen und so frei. Wir reden nur noch über Sexualität in jeder Talk-Show. Erstens stimmt das nicht. Und dann redet man nur über Sexualität, um ganz viel auszublenden.

Kann man nicht tolle Sachen mit etwas anstellen, über das man nicht offen spricht?

Ich bin Wissenschaftlerin und glaube, dass es ganz gut ist, Dinge zu wissen.

Ist Unwissen nicht manchmal erotischer als Wissen?

Ich glaube schon, dass die Viktorianer unglaublich begeistert von irgendwelchen Knöcheln sein konnten, weil sie noch keinen weiblichen Körper gesehen haben. Ich glaube aber, dass das für ein ausgefülltes Sexualleben nicht förderlich ist.

Brauchen wir nicht eigentlich mehr Tabus? Man kann doch froh sein, dass einem die Insassinnen des Dschungelcamps nicht auch noch ihre gebleckte Vulva entgegenstrecken.

De facto ist das doch alles verklemmt. Das, was man immer als die totale Offenheit in den Medien bezeichnet, ist nur eine Wiedergabe von Normen. Wenn ich etwas wie Tabus haben möchte, brauche ich so etwas wie "Dschungelcamp" und unsere Talkshows. Ich brauche etwas, das allen suggeriert: Ihr seid doch schon total offen. Meine Eltern haben immer erzählt, sie seien ganz offen und könnten über alles reden. Und haben sich dann mit demselben verschämten Kichern "Mainz wie es singt und lacht" angeguckt. Das war ein Ventil, um diese ganzen Erkenntnisschranken und Ängste ertragen zu können.

Sie haben einen fünfjährigen Sohn und eine neinjährige Tochter. Wie führen Sie die beiden an das Thema Sex heran?

Die wissen, was ein Penis und eine Vulva ist. Die benutzen beide Worte gerne und begeistert.

Und wie klären sie auf?

Wir haben ein tolles Pop-Up. Das Kamasutra. Sex auf Elefanten. Ganz entzückend.

Mithu M. Sanyal: "Vulva. Die Enthüllung des unsichtbaren Geschlechts", Wagenbach, 19,90 Euro

Mithu M. Sanyal Mithu M. Sanyal, geboren 1971, ist indisch-deutscher Abstammung und wuchs in Düsseldorf auf. Sie hat einen Sohn und eine Tochter und arbeitet als Journalistin und Autorin.

Interview: Stephan Maus
Seite 1: Das verschwiegene Sexorgan
Seite 2: War Ihr Vulva-Buch auch Aufklärungsarbeit für Sie selbst?
 
 
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Erregung Hirn Latein Scheide Schwert Vagina Vulva
KOMMENTARE (10 von 15)
 
Nil.Jang (22.04.2009, 17:03 Uhr)
Die Vulva ist doch
in aller Munde, aber kein unbekanntes Organ!
Henning100 (22.04.2009, 11:01 Uhr)
@1Stejn - Das letzte Wort
Na, Sie pochen ja unwahrscheinlich auf Ihr Recht. Gut. Dann habe ich zum Schluss noch eine Frage an Sie: sagt Ihnen das Wort MAKRUMAH etwas? Ja? Dann ist ja alles klar!!! In diesem Sinne. Leben Sie wohl !!!
Kattzoff (22.04.2009, 10:25 Uhr)
Probleme
Donnerwetter,wie gut geht es Deutschland wenn dieses unsere Probleme sind.
1Stejn (22.04.2009, 09:56 Uhr)
@Henning100
die autoren mögen sich mit dem thema beschäftigt haben, das ändert jedoch nichts an ihrer dummen unwahren behauptung. ich bezweifle dass sie die bücher jemals gelesen haben, und selbst wenn, dann haben sie sie nicht verstanden. noch einmal, die beschneidung von frauen ist kein islamischer ritus. wenn es so wäre, würde sich jeder halbwegs intelligent mensch fragen wieso in urislamischen ländern wie saudi arabien keine solchen beschneidungen stattfinden. diese beschneidungen finden nicht einmal im islamischen gottesstaat iran statt.
Bruddler07 (22.04.2009, 09:42 Uhr)
Toll !
Das wollte ich schon immer mal wissen ;-)
Henning100 (22.04.2009, 08:15 Uhr)
@1Stejn
Hallo, Dr. Allwissend !!!!!!!!!!!!! Schon Mohammed sagte: ashimmi wa-la tanhiki !! Nachfolgend ein paar Namen von AUTORINNEN, die sich sehr ausfuehrlich mit dem Thema Beschneidung befasst haben: Astrid Prange, Sara Corbett, Linda Morison,Katrin Kulik, Carla Obermeyer, etc. Abschliessend noch ein privater Hinweis: ich wohne in keinem deutschsprachigen Land und gehoere keiner rechtsradikalen Bewegung an.
Mastergirl (22.04.2009, 07:05 Uhr)
immer niveauloser
Einfach schrecklich, was man hier immer wieder für Artikel findet. Hier fehlt einfach die Seriosität.
susiwolf (22.04.2009, 05:21 Uhr)
Vereinigung eines Elefanten ...
Im Zuge der Kamasutra-Vielfalt gibt es bekanntlich die "Vereinigung der Elefanten" - was so viel heißt: Der männliche Part vergnügt sich mit mehreren Elefanten-Kühen im See, Schwimmbad oder Sauna-Pool. Ein Versuch in der Regentonne würde wohl am langen Rüssel scheitern (im übertragenen Sinne) - da der Träger aus Platzgründen ihn eher als störend empfinden müßte ...
Also doch wieder ins Elefantengras ... ?
Bremer-Alexander (22.04.2009, 02:47 Uhr)
wieder
wieder mal ein, buch das die welt nicht braucht. Dass der stern solcher Müll-Lektüre ein Forum bietet, zeigt, dass der Stern nicht mehr als eine zweite Bildzeitung ist.
interpolantics (22.04.2009, 01:39 Uhr)
Wo ist der Bedarf?
Ich verstehe den Bedarf an einem solchen Buch oder einer solchen Diskussion nicht. Vielleicht werden Tabus gebrochen, aber es werden auch jede Menge Klischees bedient. Ich würde jedenfalls ungern mit dem Stern Journalisten tauschen: Diese Frau hätte ich sehr ungern zum Interview getroffen! Und wenn man dann noch an ihre armen Kinder denkt!
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