Zweites Beispiel für Browns fantasievollen Umgang mit der Geschichte: das Konzil von Nicäa 325 nach Christus. In "Sakrileg" wird behauptet, dort habe man in einem Handstreich per Abstimmung den Menschen Jesus zum Gott gemacht. (Übrigens nicht vier Jahrhunderte, wie Brown schreibt, sondern schon knapp 300 Jahre nach Christi Tod.) Historisch ist zwar belegt, dass auf diesem ersten Konzil unter den Bischöfen erbittert um die Göttlichkeit von Jesus Christus gestritten wurde. Doch es ging nie darum, ob er nun Mensch oder Gott sei, sondern nur darum, ob er, der Gottessohn, auf gleicher Ebene mit Gottvater stehe oder doch etwas darunter. Seine grundsätzliche Göttlichkeit stand aber nie infrage.
Historisch anfechtbar ist auch der "kühne Handstreich", mit dem Kaiser Konstantin angeblich nach dem Konzil die apokryphen Evangelien "ächten, konfiszieren und verbrennen" und nur die von Markus, Matthäus, Lukas und Johannes übrig ließ.
Ohne Zweifel wollte der Kaiser einen einheitlichen christlichen Glauben in seinem riesigen, bröckelnden Reich. Doch schon lange vor seiner Regierung hatten sich die vier heutigen Evangelien in den meisten Gemeinden ohne Ächten und Verbrennen durchgesetzt, und noch lange nach Konstantins Tod existierten andererseits neben diesen "kanonischen" heiligen Schriften apokryphe Geschichten über und um Jesus als populäre Lektüre. Der Kirchenhistoriker Kurt Aland: "Es darf nicht übersehen werden, dass man in manchen Teilen der Kirche bis ins 7. Jahrhundert hinein einen durch die Aufnahme von apokryphen Schriften erweiterten Kanon besaß." Von einem "kühnen Handstreich" der römischen Staatsmacht oder gar "der größten Verschleierungsaktion in der Geschichte der Menschheit", wie Buchheld Teabing tönt, kann da schwer die Rede sein.
Schwierig, schwierig, genau zu wissen, was vor 2000 Jahren geschah, sagt Dan Brown mit seinem sympathischsten Lächeln. Vielleicht sei in Nicäa ja wirklich nicht der Mensch Jesus aus dem Neuen Testament ausradiert worden. "Wichtig und unbestreitbar ist aber, dass dort die Göttlichkeit Christi von einem Haufen irdischer Wesen durchdebattiert wurde. Die Bibel ist nicht wie ein Fax direkt vom Himmel auf uns herabgekommen, sondern vor einem politischen Hintergrund historisch entstanden. Mit meinem Buch öffne ich beim Leser so was wie ein Tor für diese Erkenntnis."
Je weiter im Roman seine drei Helden durch dieses offene Tor der Erkenntnis in die Familienchronik des menschelnden Jesus vordringen, umso tiefer tauchen sie in Fantasyland ein. Sie enthüllen, dass Maria Magdalena zur Zeit der Kreuzigung ihres Gatten schwanger war, sich nach dessen Tod nach Frankreich ausschiffte und dort eine Tochter zur Welt brachte. Und da Magdalena eben keine Hure, sondern vielmehr eine edle Dame königlichen Geblüts gewesen sei, habe ein paar Jahrhunderte später ein langmähniger Merowingerkönig es für durchaus standesgemäß angesehen, einen weiblichen Spross aus der Blutlinie Jesus/Maria Magdalena zu ehelichen.
Zwar wurden die fränkischen Merowinger, die gern die Schädeldecke ihrer Feinde zu Trinkschalen umarbeiteten, von den ebenfalls fränkischen und gut katholischen Karolingern entmachtet. Doch eine Seitenlinie des Geschlechts überlebte die Jahrhunderte bis in unsere Tage: Jesu Gene sind unter uns! Und der Heilige Gral, dem Heerscharen mittelalterlicher Ritter erfolglos nachspürten, ist nicht der wundertätige Kelch, den Jesus beim Letzten Abendmahl benutzte. In Wahrheit ist der Gral nur ein Bild für den Schoß Maria Magdalenas, durch den das Erbgut, das "Blut" Jesu, weitergegeben wurde.
Die bestürzende Wahrheit einer ununterbrochenen Reihe von Jesuskindern hienieden entdecken im "Sakrileg" ein paar französische Kreuzritter. Sie durchwühlen nach der Eroberung Jerusalems im Jahr 1099 den Tempelberg Zion und finden dort, voila!, diesbezügliche Dokumente. Sie gründen eine Gesellschaft, die "Prieur de Sion", die bis heute diese Dokumente bewahrt. Weil deren Inhalt die katholische Kirche in den Ruin treiben würde, müssen die Brüder von Sion im Geheimen wirken. Ansonsten drohen Folter und Scheiterhaufen.
Die Großmeister der Geheimsekte waren stets Kulturriesen erster Ordnung: Leonardo da Vinci, Sandro Botticelli, Isaac Newton, Victor Hugo, Claude Debussy bis hin zu Jean Cocteau, der heute gerade mal 40 Jahre tot ist. Ab und an wagten sie, in ihren Werken die große geheime Wahrheit verschlüsselt unter die Kenner zu bringen - ein gefundenes Fressen für unsere drei akademischen Meister-Dechiffrierer im "Sakrileg". Leonardo etwa: In seinem berühmtesten Gemälde "Das Abendmahl" sei mit dem tatsächlich sehr feminin aussehenden Lieblingsjünger Johannes eigentlich Maria Magdalena gemeint. Und diese Gestalt bilde mit Jesus grafisch ein V, das uralte Zeichen für das weibliche Geschlecht!
Woher Autor Dan Brown das alles weiß? Vor allem aus den "Dossiers Secrets", einer Sammlung merkwürdiger Schriften und Urkunden, die irgendwann in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in der Pariser Nationalbibliothek deponiert wurden. Bei diesen "Geheimen Akten" handelt es sich nicht um Originaldokumente, sondern lediglich um angebliche Auswertungen, Abschriften oder Zusammenfassungen historischer Quellen. Fast alle stammen aus dem Umfeld von Pierre Plantard. Dieser im Jahr 2000 verstorbene Gelegenheitsschriftsteller aus der Esoterik-Ecke bezeichnete sich selbst als letzten Großmeister der "Prieur de Sion" und zwischendurch auch als Abkömmling der Merowinger, sprich von Jesus Christus.
Hingegen gibt es durchaus Originaldokumente von 1953, die belegen, dass Plantard in seiner Jugend wegen Betrugs oder Unterschlagung zu einem halben Jahr Gefängnis verurteilt worden war. Als alter Mann gestand er 1993 unter Eid bei der richterlichen Untersuchung des Selbstmords von Roger-Patrice Pelat, einem engen Freund von Francois Mitterand, er habe Pelat ohne dessen Wissen fälschlich auf die Großmeister-Liste der "Prieur de Sion" gesetzt. Der Richter ließ Plantard als harmlosen Spinner laufen mit der Auflage, in Zukunft "keine Mätzchen zu machen".
Monsieur Plantard ein kleiner Schwindler? Die "Dossiers Secrets" ein Machwerk? Zu Plantard möchte er sich nicht äußern, sagt Brown. Und über die Geheimen Akten und ihren Wahrheitsgehalt solle sich jeder Leser selbst seine Meinung bilden. "Ich habe vor drei Jahren meine Recherchen mit höchster Skepsis begonnen. Aber heute glaube ich, dass die Geschichte im Kern stimmt. Schauen Sie das "Abendmahl" genau an. Der Johannes dort ist in Wahrheit eine Frau und sollte es auch sein. Wenn das Genie Leonardo einen bartlosen jungen Mann hätte malen wollen, glauben Sie, er wäre dazu nicht in der Lage gewesen?"
Außerdem habe er, der skeptische Brown, in Frankreich während der Recherche zwei Schlüsselerlebnisse gehabt. Sie hätten ihn zum Gläubigen in Sachen Sion gemacht. "Keine religiöse Erweckung. Nichts Mystisches. Sondern zwei ganz diesseitige Zusammentreffen. Doch darüber kann und will ich jetzt nicht sprechen. Vielleicht in einem späteren Buch." Schade.
Wenn man Browns esoterisches Koordinatensystem akzeptiert, macht es Spaß, dem verschlungenen roten Faden bis zur Lösung zu folgen, den seine klugen Helden so trefflich entwirren. Man erfährt enorm viel. So lernen wir die geometrische Figur des "Goldenen Schnitts", eine der Plagen unserer Schulzeit, mit ganz neuen Augen als "Göttliche Proportion" zu sehen. Wir lernen da Vincis genialische Entwürfe von Flugmaschinen und Tauchanzügen kennen. Wir erfahren über die Lust unserer Vorväter an der Spiegelschrift oder an Buchstabenrätseln. Da muss in der deutschen Übersetzung allerdings das englische Original stehen bleiben: "O Draconian Devil" etwa wird, wenn man die Buchstaben umgruppiert, zu "Leonardo da Vinci".
Und wir tauchen tief ein in die Welt der Gnosis, dieser Parallelreligion zum Christentum. Für Gnostiker müssen das männliche und das weibliche Element zu einer mystischen Einheit verschmelzen. Nur so kann der göttliche Funke im Menschen leuchten. Die Bruderschaft von Sion im "Sakrileg" nimmt diese heilige Einheit sehr wörtlich und bezieht sie direkt auf die fleischliche Vereinigung von Jesus und Maria Magdalena. Dieser "heiligen Hochzeit" eifert die Bruderschaft bei ihren okkulten Treffen ab und an wacker nach. Wie genau, wird an dieser Stelle nicht verraten. Nur so viel: Die kluge Sophie jedenfalls trägt allein vom Zuschauen einen Schaden fürs Leben davon.
Manchmal müsse er sich kneifen, sagt Dan Brown angesichts seines Riesenerfolgs. Er würde ja gern glauben, dass seine Schreibkunst die Ursache sei, "doch wenn ich ehrlich bin - es ist der Stoff.
Geheime Gesellschaften, verstecktes Wissen, verloren gegangene Geschichte, sinistre Verschwörungen, so etwas spricht alle Schichten an, vom Chefarzt bis zum Klempner, von der Designerin bis zur Küchenhilfe." Nicht zu vergessen die vielen Menschen auf Sinnsuche, enttäuscht von den Lehren der Amtskirchen. "Ich weiß ja, dass vieles an Browns Jesusbild so nicht stimmt. Aber ich hätte gern genau diesen Jesus, der ein Mensch ist, mit einer Frau an seiner Seite", so ein begeisterter amerikanischer Leser, nach eigener Aussage gläubiger Baptist.