
Dieses Jahr wurde der Maler Anselm Kiefer mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet. Zum ersten Mal in der Geschichte dieses Preises wurde damit ein Künstler geehrt© Daniel Roland/AP
Also befragten wir den Schriftsteller Alban Nikolai Herbst, dessen avantgardistisches Großoeuvre gerade Thema der neuesten Ausgabe der renommierten Literaturzeitschrift "Die Horen" ist ("Panoramen der Anderswelt. Expedition ins Werk von Alban Nikolai Herbst", edition die horen, 14 Euro). Herbst kennt sich aus mit Börse: "Ich war fünf Jahre Broker. Ich war als Währungshändler in Chicago und New York akkreditiert. Für mich war das eine abenteuerliche Zeit. Damals bekam ich hautnah mit, wie der Kapitalismus funktioniert. Vor allem aber hatte das alles sehr viel mit Fiktion zu tun. Im Grunde war es eine ähnliche Arbeit, die ich nach Feierabend ohnehin schon tat, wenn ich schrieb: Ich handelte mit Geschichten. Als Broker erzählt man Geschichten. Ich habe mit Zockern gearbeitet. Für die ist das Unterhaltung, Entertainment. Ich war Croupier. Als ich einstieg, war gerade der große Crash '87 gewesen. Einige Broker sind aus dem Fenster gesprungen. Danach bin ich gekommen. Es war eine ganz schöne Zeit. Man baute gerade wieder auf. Ich konnte zuschauen, wie die Welt durch etwas gestaltet wird, von dem man gemeinhin sagt, das gibt es gar nicht. An der Börse konnte ich sehen, wie wirklichkeitsbildend Imaginationen sind. Letztendlich bin ich dann ausgestiegen, weil ich mich zu stark verändert hatte. Man geht an der Börse mit sehr viel Geld um. Man verdient sehr viel und gibt sehr viel aus. Eines Tages war ich mit meiner Lebensgefährtin essen. Wie es so passiert, hat uns die Bedienung übersehen. Da habe ich 500 DM auf den Tisch gelegt und gesagt: 'Wenn Sie das als Trinkgeld bekommen, geht's dann?' Da ist sie gesprungen. Meine Lebensgefährtin hat mich mit einem derart verachtenden Blick angeschaut, dass ich am nächsten Tag gekündigt habe."
Hoffen wir, dass die Fiktionen der Börsenmakler eine nicht allzu apokalyptische Übermacht gewinnen, nachdem die Geschichtenmakler in Frankfurt ihre Messestände abgebaut haben.
Der feierliche Schlusspunkt einer jeden Buchmesse ist die Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels in der Paulskirche. Dieses Jahr wurde der Maler Anselm Kiefer ausgezeichnet. Zum ersten Mal in der Geschichte dieses Preises wurde damit ein Künstler geehrt. Immer wieder feierte Kiefers Werk die sinnliche Materialität des Buches.
Das Objekt Buch steht im Zentrum vieler seiner Bilder und Installationen, einmal auch als mächtiger Blei-Foliant. Mit diesem Preisträger schien der Deutsche Buchhandel die Sinnlichkeit eines Traditionsmediums beschwören zu wollen, das niemals so bedroht war wie in den Zeiten des E-Book-Hypes, der die Messe beherrschte wie kein anderes Thema. Mit Kiefers bleiernen Folianten errichtete der Börsenverein des deutschen Buchhandels einen symbolischen Schutzwall gegen die Buch-Pulverisierer Amazon und Sony.
Nicht zuletzt drückte die Ehrung des Naturmystikers Kiefer auch eine Sehnsucht der vergeistigten Büchermenschen nach Gras, Erde und mythischem deutschen Wald aus. Und tatsächlich verspürt man selten eine so starke Natursehnsucht wie nach einer Woche in stickigen Messehallen. So verließen wir nach Kiefers Dankesrede voller pathetischer Fantasy-Metaphern schnell die Paulskirche und gingen hinab zum Main, im Rucksack unsere Lieblingsbeute der diesjährigen Buchmesse - Peter Berthold und Gabriele Mohr: "Vögel füttern - aber richtig. Das ganze Jahr füttern, schützen und sicher bestimmen", Kosmos Verlag, 7,95 Euro. Am Fuße der hohen Bankentürme warfen wir einem Stockenten-Pärchen ein Stück Bratwurst mit Senf ins Wasser. Dieses Gespann ist bestens gegen jede Krise gewappnet: "Enten sind Allesfresser, die an Futterstellen nahezu alles verzehren, was nicht zu groß oder zu hart zum Schlucken ist."