18. Dezember 2002, 10:27 Uhr

"Meine Frauen hatten Geschmack"

Ihr Schriftstellerkollege Cees Nooteboom konnte es kaum fassen, dass einer Ministerpräsident werden wollte, der stolz darauf war, "dass er am Samen eines zufälligen Liebhabers schmecken könne, was dieser tags zuvor getrunken habe".

Ja, ja, das ist fantastisch! Jeder andere Politiker wäre sofort abserviert worden. Fortuyn war ein begnadeter Rattenfänger. Er hatte Charisma, ich habe das selber gespürt. Hitler hatte das auch. Wenn man nachliest, was Hitler gesagt hat, ist das völliger Unsinn. Und wenn ein anderer genau das Gleiche gesagt hätte wie Hitler, wäre nichts passiert. Warum standen die Deutschen mit erhobenem Arm da, als er vorbeilief? Es war dieser physische Wirrwarr, es waren diese Augen. Ich habe mich mit Albert Speer in den frühen 70ern über Hitler unterhalten. Speer war kein Nazi, er war viel zu vornehm. Er war einfach verliebt und sagte: "Hitler ist für mich immer noch leibhaft anwesend." Und ich habe ihn gefragt, ob jemals wieder irgendein Politiker so eine Wirkung auf ihn gehabt habe? "Ja", sagte er, "Rudi Dutschke." Auch er hatte diesen Blick.

Herr Mulisch, Sie sind der Autor des wohl merkwürdigsten Dialogs zwischen Mutter und Sohn. Am 1. August 1951, dem Tag, an dem Ihre Mutter nach Amerika auswandert, sagen Sie zu ihr: "Verflixt noch mal, da mache ich dir den Hof mit einem Ödipuskomplex, will Papa ermorden, mit dir ins Bett."

Ist doch lustig.

Und: "Ich bin schon mit älteren Frauen als dir im Bett gewesen."

Das ist der Ödipuskomplex. Meine Mutter war eine lebenslustige, attraktive Frau, sie war nicht kleinbürgerlich. Ich bin ihr sehr ähnlich. Ich war ein bisschen großmäulig, habe Freud zitiert, bin ein bisschen weitergegangen.

Was sind Sie für einer?

Na ja, so einer. Meine Mutter war kaum älter als ich, gerade mal 19 Jahre. Viele Männer gehen mit Frauen ins Bett, die 19 Jahre jünger sind, und denken: Das könnte nun meine Tochter sein, bei mir war es halt meine Mutter.

Sie waren süchtig nach Frauen.

Ist das ein Fehler? Ich war ein lebensfreudiger junger Mann. In den 50ern, 60ern waren wir Künstler die Avantgarde, Tabubrecher. Ich hatte keine soziale Verantwortung. Ich war süchtig nach Frauen, so wie andere nach Heroin. Es war eine Art Gefräßigkeit, so wie einer gern viel isst oder viel trinkt. Aber es ist eine gesunde Sucht, man wird nicht dick, endet nicht in der Gosse. Ich lebte in dieser wunderbaren Periode, in der man unbekümmert machen konnte, was man wollte: Syphilis war besiegt, Aids gab es noch nicht. Es war toll.

Sie verletzen die Menschen, die Sie verlassen.

Ja, aber umgekehrt tut es auch weh, und so wichtig war das doch alles nicht. Ich habe ja auch immer eine Freundin gehabt. Es war bei mir ja nicht so, wie Homosexuelle in einen Dark Room gehen. Das ist für mich undenkbar. Warum eigentlich gibt es keine Dark Rooms mit Frauen?

Ihre literarischen Anfänge haben Sie so beschrieben: "Ich habe von Freundinnen gelebt. Ich lag im Bett bis um elf Uhr und fing dann an, meine frühen Meisterwerke zu schreiben."

Das hieß aber nicht, dass die Frauen mich bezahlten wie einen Gigolo oder so. Die Frauen hatten Jobs, sie hatten Geschmack, sie hielten mich für ein großes Genie.

Die Frauen waren stolz auf Sie?

Ja, so war es. Ich habe bis zu meinem 30. Jahr nichts verdient. Es gab einen gemeinsamen Geldtopf, und manchmal kam da auch etwas von mir rein. Wir alle waren arm wie die Ratten. Aber das machte nichts, denn niemand war reich. Wenn man heute arm ist, sieht man einen Mercedes vorbeifahren - das gab es nicht.

Sie hätten sich umgebracht, wenn Sie den Durchbruch nicht geschafft hätten?

Ich habe nie etwas für Geld gemacht. Ich wäre lieber verreckt, als nicht zu schreiben. Aber ich wäre vor allem am niederländischen Volk verzweifelt, wenn es nicht eingesehen hätte, dass mein Schreiben in Ordnung ist.

Ich nehme an, es gefällt Ihnen, dass nun die Verfilmung Ihres Bestsellers "Die Entdeckung des Himmels" in die deutschen Kinos kommt?

Ach, ich war ja dafür, dass mein Buch verfilmt wird. Und ich finde, die haben das ganz gut gemacht, mein Roman ist allerdings besser. Der Film kann dem Buch nichts anhaben, er läuft ein paar Monate im Kino, dann ist er weg, aber das Buch bleibt da. Von Anna Karenina sind fünf Filme gemacht worden, die man sich heute noch ansehen kann, so als Kuriosität. Aber das Buch ist immer noch so reizvoll wie am ersten Tag.

Mich erinnert der Film an "Indiana Jones und der letzte Kreuzzug" - ein bisschen intellektueller ist er vielleicht.

Er ist einfacher als das Buch, nicht so vielschichtig, plakativer, mit mehr Effekten.

Diese Liebesgeschichte zwischen Max, Ada und Onno und einem Gott, der seine Gesetzestafeln zurückhaben will, weil er sauer auf die Menschen ist, hat eine klare Botschaft: Leute, die Welt geht drauf, es ist alles sinnlos, so sinnlos!

Nein! Der Erzengel und der liebe Gott sagen im Himmel zwar: Die Menschen können mich am Arsch lecken. Aber es gibt noch einen anderen Engel, und der sagt: Ich gehe nach unten auf die Erde.

Doch der Erzengel weiß: Bald wird die Erde eine lebendige Hölle sein.

Das ist sie ja schon heute... Aber hören Sie, der Roman, der Film, ist auch ein Spiel. Kunst ist stets ein Spiel mit Menschen und Geschehnissen, ist etwas Mythisches. Wenn ich eine Vision hätte, wie schrecklich die Zukunft tatsächlich wird, würde ich ein Essay für die "FAZ" schreiben.

 
 
 
 
 
stern - jetzt im Handel
stern (21/2013)
Geht's jetzt an mein Geld?