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6. Februar 2007, 14:36 Uhr

"Wenn ich kein Weichei wäre, hätte ich weniger zu erzählen"

In der Altstadt von Campobasso prügelte sich Antonio mit den Nachbarjungs - unter den Augen des Allzweckheiligen Padre Pio© Antonina Gern

Diesem höflichen Deutschen kann man nicht böse sein. Niemals ist er gallig. Im Kreise seiner italienischen Verwandten muss sich Weiler auf Gestik und Mimik beschränken, denn er hat nie den Ehrgeiz gehabt, ihre Sprache zu lernen. Er genießt die Distanz innerhalb der Familie. Hier kommt ihm niemand zu nahe, und gleichzeitig ist das Fremde nicht gar so bedrohlich wie draußen in der Welt. Offen gesteht Weiler seine Ängste: "Ich bin wirklich kein über die Maßen mutiger Mensch. Antonio hat mir unheimlich geholfen, Ängste zu überwinden."

Außerhalb der Familie werden die anderen mit Humor in Schach gehalten. Weiler leidet beinahe an Pointenzwang. Beim Schreiben denkt er vor allem an das lachende Lesungspublikum: "Wenn die Leute lachen, muss man keine Angst mehr haben." So ist es sein Fremdeln, das ihn zu seinem humorvollen Stil treibt, der ihm so viel Erfolg gebracht hat. Die Angst ist sein größtes Kapital. "Ich bin nicht gerne Weichei, aber ich kann das gut gebrauchen. Wenn ich keines wäre, hätte ich weniger zu erzählen."

Fasziniert vom Chaos

Während der zwei Tage in Campobasso werden unzählige Anekdoten ausgetauscht, die Weilers Frau alle geduldig übersetzt. Für seine Bücher konnte Weiler aus einem lebendigen Fundus schöpfen. Der Bildungsbürgersohn - Vater Unternehmer mit Liebe zur klassischen Musik, Mutter mit eigenem Klavier, zum Abitur eine Ente für den Sohn - ist fasziniert von dem Chaos: "Dieses tierische Durcheinanderschnattern und Vor-sich-hin-Krümeln, das gab es bei uns nicht." Diese schnatternden und krümelnden Menschen fragen nicht nach sozialem Status. Es ist ihnen egal, dass dieser etwas blasse Deutsche sie zu literarischen Figuren verarbeitet hat. Selbst wenn sie Deutsch sprächen, würden sie seine Bücher niemals lesen. Auch hierfür hat Weiler eine Pointe: "Für die ist es dasselbe, als würde man mit einer Penisvakuumpumpe zu Geld kommen." Oma, Mario, Anna und all die anderen: Ihnen ist Literatur wurscht. Genau wie sie Antonio wurscht ist, der nie neugierig darauf war, die Romanfigur kennenzulernen, die er inspiriert hat. Auf jede Frage zu Weilers Büchern antwortet Antonio kurz und bündig in seinem drolligen Deutsch: "Stimmte alles!"

Romane zählen in dieser Sippe nicht. Hier zählen nur Menschen, und die müssen gefüttert werden. Es scheint, als hätte sich Weiler diesen wertfreien Blick auf die Mitmenschen zum Vorbild genommen. Der ehemalige Style- und Zeitgeist-Journalist, der früher Wohnaccessoires von Star-Friseur Gerhard Meir besprechen ließ, ist heute einfach nur noch gerührt von den kitschigen Auswüchsen biedermeierlicher Träumerei. Die Heiligenfiguren der Nonna oder die Froschsammlung der freundlichen Tante würden ihm niemals einen höhnischen Kommentar entlocken: "Es geht nicht mehr darum - so wie bei deutscher Pop-Literatur -, zu sagen, wir sind elitär, wir zeigen unser Leben, unsere Haltung, und unser Lifestyle ist überhaupt das Allergrößte, sondern das Leben der anderen nicht zu werten, es nur zu beschreiben. Man muss nicht ständig alle Leute erziehen wollen."

Weder in Deutschland noch in Italien zu Hause

Zwischen Biscotti, Gelati und tutti quanti erkunden wir Campobasso. Die Stadt ist keine touristische Perle. In vielen Vierteln offenbart sie ihren Reiz erst bei genauerem Hinsehen. Weiler hat diesen zweiten Blick, der immer wieder von Absonderlichkeiten angezogen wird. Auf dem Bahnhof entdeckt er ein vergilbtes Werbeplakat der Deutschen Bahn, auf dem eine Rheinlandschaft mit Burg zu sehen ist. Es scheint, als hätte Antonio dieses Plakat hier in seiner Geburtsstadt aufgehängt, als eine Art Spiegelbild zu jener neapolitanischen Hafenansicht, die den Flur seines rheinländischen Reihenhauses schmückt. Nichts fasst Antonios Drama besser zusammen als diese Bilder: Weder in Deutschland noch in Italien wirklich zu Hause, sehnt er sich in jedem Land nach dem anderen.

Über das Gastarbeiter-Original Antonio hat Weiler zu den Deutschen gefunden. Sein letztes Buch erzählt von einer neunmonatigen Lesereise durch seine Heimat. Sein Urteil ist wohlwollend: "Unser Land ist völlig in Ordnung. Und das ist überhaupt keine nationalistische Bilanz oder Patriotismus-Gedöns. Sondern das ist die Überraschung, dass dieses kleine, in sich ängstliche Land mit neun Landesgrenzen im Grunde genommen viel netter und viel lockerer und viel cooler ist, als wir das immer auf der Rechnung haben."

Am besten gefällt Weiler die Sicherheit seiner Heimat: "Ich bin unheimlich ängstlich." Als die Dunkelheit über Campobasso hereinbricht, würden wir gern noch das Café sehen, in dem Antonio seinem Schwiegersohn einen Teil seiner Lebensgeschichte erzählt hat. Weiler wird unruhig. Das Café befindet sich im verrufenen Teil der Stadt. "Da würde ich nicht ohne meinen Schwiegervater hingehen", sagt er mit einer Stimme, die plötzlich nicht mehr ganz so nach sizilianischer Führungskraft klingt.

Wenn Weiler wieder an seinem sauber gewischten, gut aufgeräumten Schreibtisch am Starnberger See sitzt und seinen neuen Roman beginnt, wird er sich noch auf manch unbekanntes Terrain wagen müssen - diesmal ganz ohne seinen Schwiegervater. Aber das macht ihm keine Angst.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 06/2007

Von Stephan Maus
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