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24. März 2004, 09:59 Uhr

Vom Sockel geholt, ans Herz gewachsen

Wibke Bruhns schaut hinauf in den zweiten Stock. Der kleine Balkon gehörte zu ihrem Kinderzimmer. Glücklich war sie damals nicht. Sie war einsam, in den Krieg hineingeboren, die völlig überlastete Mutter hatte keine Kraft mehr für sie, und nach dem Krieg wurde das nicht besser, "erzogen wurde ich eigentlich nicht, ich lief irgendwie nebenher".

Johannes Georg Klamroth, ihr Vater, wird 1898 in eine wohlhabende, kaisertreue Familie geboren. Großvater Kurt ist ein exzellenter Geschäftsmann und "wilhelminisch bis in die Knochen". Er lässt schon den zweijährigen Sohn im Garten antreten, dann wird "mit Gewehr und Fahne marschieren geübt". Das Kaiserreich verlangt harte Männer, Mutter Gertrud macht sich Sorgen um den zarten Sohn, er sei "eine kleine feige Memme", schreibt sie 1904 in ihr Tagebuch, so einer passt nicht "in eine Zeit, in der die Kerle schneidig und tapfer zu sein haben und dem Tod freudig ins Auge sehen sollen" (Bruhns). Im Juli 1916 wird der 17-Jährige felddiensttauglich geschrieben und darf mit einem feinen Dragoner-Regiment an die Ostfront reiten. Schon am zweiten Tag erwischt ihn ein Schulterdurchschuss, der aber nicht seinen "Blutdurst" mindert. Er möchte zu einem anderen Regiment, weil es dort gefährlicher sei. Im Winter 1918 erschießt HG einen Russen, "das dumme Gesicht von dem Mann hättet ihr sehen sollen, es war zum Malen!", schrieb er stolz nach Hause, "der erste Mensch, den ich bewusst getötet habe, Krieg!" Der zweite Mensch, den er tötet, verfolgt ihn ein Leben lang. Im April 1918 erschießt er im Baltikum den betrunkenen deutschen Infanteristen Franz Vitt, der ein Schwein gestohlen hatte und sich bei seiner Verhaftung durch Klamroth wehrte. Hans Georg ist tief verstört, der tote Vitt lässt ihn selbst in schlimmsten Zeiten nicht mehr los. Bruhns klagt nicht an in ihrem Buch, sie stellt Fragen, manchmal fassungslos: "Haben die alle den Verstand verloren?" Zwei Jahre vor den Nürnberger Rassegesetzen war man stolz darauf, dass sämtliche Mitglieder der Sippe "rein arischer Abstammung" seien. Die Tochter ist ratlos, als sie liest, dass der Vater sich 1933 freiwillig zur SS-Reiterstaffel gemeldet hat: "Kann das wirklich sein, dass ein intelligenter, erwachsener Mann eine Uniform anzieht, und dann ist er glücklich?" Sie verzweifelt fast, wenn er in sein Tagebuch schreibt, gegen die Partisanen müsse mit aller Härte vorgegangen werden: "Jede unangebrachte Milde ... kann Hunderte deutscher Soldaten ihr Leben kosten", da sei es doch besser, wenn "eher mehr als weniger von diesen Untieren ins Gras beißen."

Wann er beschlossen hat, sich dem Widerstand gegen Hitler anzuschließen, ist nicht ganz klar, denn mit Außenstehenden hat er darüber nicht geredet, und die Mitverschwörer sind alle tot. Seine Tagebücher aus jener Zeit hat die Gestapo beschlagnahmt, sie sind nie wieder aufgetaucht. Als Abwehroffizier hatte er mehr Einblick in die Gräuel als normale Offiziere, die Tochter glaubt, ihm seien "schon in Russland die Augen aufgegangen". Als verantwortlicher Abwehrmann für die "Wunderwaffen" V1 und V2 habe er gewiss auch die unmenschlichen Arbeitsbedingungen im KZ Mittelbau-Dora erlebt. Dort war "die Sterblichkeitsrate höher als in jedem anderen deutschen KZ". HG spricht mit niemandem darüber, als Abwehrmann ist ihm "nichts zu sagen zur zweiten Natur geworden". Nur am Tag nach dem Attentat auf Hitler, am 21. Juli 1944, als er ein letztes Mal nach Halberstadt kommt, offenbart er sich seiner Frau. Sie schreibt in ihr Tagebuch: "Ich weiß noch, wie einleuchtend mir Vaters Darstellung von der Notwendigkeit des Attentats war, aber er sagte nur so wenig, so wenig ... Er wollte nicht, dass ich durch Wissen bei einem etwaigen Verhör durch die Gestapo belastet wäre, er kannte ja ihre Methoden." Sie hat ihn nie wiedergesehen.

Am Abend ist Lesung im wieder aufgebauten Rathaus von Halberstadt, auch zwei Vettern und eine Kusine sind gekommen, um Wibke Bruhns zu hören. Sie hätte es sich einfach machen können und das Heldenkapitel vom Schluss vorlesen können. Und alle im Saal hätten sich ein bisschen besser fühlen können: Was es doch für feine Deutsche gab! Die Tochter liest das Kapitel vor, in dem die Mutter endgültig über die Untreue des Mannes verzweifelt. Danach ist es totenstill im Saal. Bis ein schwer atmender, alter Mann aufsteht: "Meine Schwestern hätten mich bis Grönland gejagt, wenn ich so was über unseren Vater geschrieben hätte!" Auch Wibke Bruhns fürchtete anfangs, die Familie würde sie "vielleicht in der Luft zerreißen". Vetter Lutz räumt ein, er hätte zwar "schwer geschluckt", aber nach der letzten Seite hätte er zugeben müssen, dass es "wohl wertlos gewesen wäre, wenn sie nur ein klein wenig geschummelt oder schön gefärbt hätte". Kusine Annegert dachte anfangs, "Wibke hat mal wieder eine gute Geschichte erfunden, das kann sie ja", aber dann war sie "tief bewegt". Und für Vetter Klaus, bei dem zu Hause auch immer nur geschwiegen wurde, war das Buch ein "Befreiungsschlag".

Claus Lutterbeck
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