
"Wir brauchen fünf Abholzentren für den Klimaschutz in Deutschland! Mit gigantischen Solare-Effizienzrevolutions-Produkten, wo man mit der ganzen Familie hingeht und die Photovoltaikanlage und das Passivhaus erleben kann"© Jan Zappner
Peter: Ich habe den Film sofort als für den amerikanischen Markt gemacht durchschaut und analysiert, wie der Regisseur Al Gore als massentaugliche Figur aufbaut. Wie aus diesem alten Langweiler Gore plötzlich ein Popheld werden sollte. Das fand ich schon sehr dick aufgetragen, aber es hat trotzdem funktioniert, denn die Idee dahinter war gut: Leute, hört mir zu, ich hab was zu sagen. Wir haben nur noch zehn Jahre. Man braucht diese Art der Zuspitzung, um die Leute wachzurütteln. Das habe ich alles kalt analysiert und trotzdem fand ich: Das Herz des Films ist einfach rein. Und das hat mich angesprochen - über das übliche Nach-Kino-Gefühl à la "ich möchte ein besserer Mensch werden" hinaus.
Martin: Für mich war ja das Verblüffende: Dieser Film wird für das amerikanische Publikum gemacht, wo es noch keinen Konsens gibt, "Ja, der Klimawandel findet statt" - und in Europa, wo es diesen Konsens eigentlich längst gibt, funktioniert der Film trotzdem. Das Wuppertal-Institut und die europäischen Think Tanks, die waren richtig geplättet. Die Ökobewegung hat unterschätzt, dass man für den Klimaschutz Gefühle wecken muss. Es geht nicht nur ums Begreifen. Das Auto ist das beste Beispiel. Seit ich mich mit dem Klimaschutz beschäftige, schaue ich Autos anders an. Dieses Nichtvorhandensein von Emotionen nach 15 Jahren Klimaschutzdebatte, das ist absolut niederschmetternd.
Peter: Da spielen zwei Dinge eine Rolle. Zum einen waren die Ökolobbys jahrzehntelang nicht in der Lage, mit uns Normalos und Hedonisten zu kommunizieren, und zum anderen waren wir amerikanisch geschult. In dem Moment, in dem wie bei Gore jemand auf diese amerikanische Weise mit einem kommunziert, springt man auf einmal darauf an. Aber diese Entwicklung, dass die Ökologie typisch deutsch startet, um dann über den Umweg Amerika in Form von Konsumprodukten - in diesem Fall einem Film - wieder zu uns kommt, das ist schon sehr interessant. Wo dann die Leute auf einmal sagen: "Hey super, der Film von Al Gore und diese Smarts" - die es in Amerika jetzt auch gibt - "das ist ja ganz toll!"
Martin Oder Leute wie Frau Langer von utopia.de. Die ganze Werbebranche. Ich bin natürlich froh, dass es passiert, aber irgendwie fasse ich mir auch an den Kopf und frage mich: "Jungs, was habt ihr eigentlich die ganzen Jahre gemacht" Das ist schon irgendwie tragikomisch.
Martin: Das hängt auch mit dem zusammen, was ich "Klimaschutz-Paradox" nenne. Nehmen wir ein Produkt wie das Dreiliterauto: In der Konsumgesellschaft bestimmen die "Vibrations", wie erfolgreich ein Produkt ist. Durch die ganze bierernste Klimaschutzberichterstattung von Johannesburg bis Rio sind die Vibrations eben schlecht. "Oh Gott, die Amerikaner, das ist ja alles so schrecklich, und ich darf nicht fliegen!" Und das führt dazu, dass das Dreiliterauto, obwohl es ein so faszinierendes Hightech-Produkt ist, derart negativ aufgeladen wird, dass jeder meint, "das kaufen sich doch nur Leute, die leiden wollen - viel Geld für wenig Spaß". Und das ist natürlich tödlich. Ähnlich war es bei den sogenannten "Passivhäusern". Das fängt schon mit dem unglücklichen Begriff an. "Passivhaus - da darf man das Fenster nicht aufmachen..." Obwohl das Passivhaus seit der Mondlandung das Faszinierendste ist, was der Mensch technologisch zustande gebracht hat.
Peter: Ich glaube, dass inzwischen Moral wieder etwas mehr nachgefragt wird, und zwar nicht, weil ich jetzt in ein bestimmtes Alter gekommen bin, sondern insgesamt. Das hat verschiedene Gründe: die Leute haben Kinder, fangen an nachzudenken, suchen nach etwas Sinnhaftem - gleichzeitig hat die Wirtschaft die Moral als Produkt entdeckt. Man muss da auch vorsichtig sein und darf es nicht übertreiben. Wenn der stern diese Woche mit "So retten wir die Welt" aufmacht, dann ist sie gerettet, dann kann man damit nicht noch mal in der nächsten Woche kommen.
Martin: In der Konsumgesellschaft ist das Pathos kontraproduktiv. Da braucht man positive Gefühle.
Peter: Aber ich glaube, dass die Konsumorientierung richtig ist. Man muss die entsprechenden Produkte anbieten, und darüber passiert dann etwas. Dass ich sage, das Dreiliterauto ist das geilste Auto der Welt, dafür musste ich erst mal die Erfahrung machen. Das kam ja nicht allein daher, dass ich dachte, damit rette ich die Welt. Sondern daher, dass ich sehr gern damit fahre. Das beinhaltet natürlich den ökologischen Aspekt, dass ich Sprit spare.
Martin: Auf der Produktebene geht es vor allem um die Frage: "Was ist jetzt modern? Was finden wir hip?" Nehmen wir das iPhone. Oder das Prius-Phänomen in Kalifornien, wo die Showbiz-Elite sagt, "Jungs, wir fahren jetzt Prius, das ist total angesagt!" Das würde auch bei uns funktionieren. Bislang sagt die Automobilindustrie eben noch, "Der Fahrspaß besteht darin, 250 zu fahren", aber das ist völlig beliebig. Der Claim könnte auch völlig anders lauten. Ich glaube nicht an den konditionierten Verbraucher, der immer nur "schneller, schneller, schneller" sagt. Durch intelligente Werbung kann man diese Reize auch umpolen. Wenn Franz Beckenbauer, Boris Becker, Harald Schmidt und Heidi Klum plötzlich im Zweiliterauto fahren - da würde sich was tun. Wir müssen aber auch darauf achten, dass wir keine Pseudo-Ökologisierung bekommen, kein "Green-Washing". Wo die großen Konzerne alles unternehmen, um ihr Image grün aufzufrischen, ohne dass substanziell etwas dahinter steckt.
Martin: Zusätzlich braucht der Klimaschutz natürlich eine konsequente Medien- und Kommunikationsstrategie. Man kann das nicht so einfach nebenbei machen. Man braucht einen Masterplan. Wenn man sich zum Beispiel die Abholzentren der Autohersteller anguckt, die Erlebnisparks in Wolfburg und München: Milliardensummen, um das Produkt Auto gefühlsmäßig aufzuwerten. Wir brauchen fünf Abholzentren für den Klimaschutz in Deutschland! Wo man mit der ganzen Familie hingeht und die Photovoltaikanlage und das Passivhaus erleben kann und denkt, "Wow, geil!"
Utopia.de Die Unternehmerin Claudia Langer gründete im November 2007 eine Kommunikations-Plattform für Kunden und Hersteller, die nachhaltige Produkte kaufen bzw. anbieten wollen. Laut Eigenwerbung ist utopia.de "das Internetportal für strategischen Konsum und nachhaltigen Lebensstil". Sie richtet sich an die neue Zielgruppe der LOHAS. Dieses typisch amerikanische Akronym steht für "Lifestyle Of Health And Sustainability" - zu deutsch: einen gesunden und nachhaltigen Lebensstil.