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1. Mai 2008, 08:03 Uhr

Ein Phantom mit Humor

"Gegen den Tag" sei Pynchons "komischster und zugleich sein zugänglichster Roman", schrieb die New York Book Review. Schließen Sie sich diesem Urteil an?

Nein, das zugänglichste Buch finde ich nach wie vor "Vineland". Das ist für meine Begriffe einfach geradliniger erzählt, viel geradliniger als hier, mit weniger Seitensträngen. Das hat sich mir vielleicht auch leichter erschlossen, weil es da um meine Generation geht. Aber das heißt nicht, dass "Gegen den Tag" kein zugängliches Buch ist. Man muss sich darauf einlassen. Man darf keine Angst haben vor diesem Zwei-Kilo-Wälzer. Und man muss auch nicht alles verstehen.

Von Burroughs gibt es ja das schöne Zitat: "Ein Paranoiker ist jemand, der alle Fakten kennt." Ist Pynchon ein Verschwörungstheoretiker? Oder einfach nur einer der ziemliche viele Fakten hat?

(lacht) Ich würde nicht sagen, er ist ein Verschwörungstheoretiker, aber es geht in seinen Büchern - man denke nur an "Die Versteigerung von Nr. 49" - immer wieder um Gegengesellschaften, die im Untergrund operieren, die nicht bekannt sind. Die "Gegenpost"...

Tristero...

...und hier sind es die Anarchisten. Oder eben die Quaternionisten, die ein anderes Verständnis von Raum und Zeit haben. Es geht in jedem seiner Bücher... - ich spekuliere jetzt, ich habe ihn ja nie kennengelernt - ...in seiner Welt gibt es für jede starke Bewegung, die manifest ist, über die man in der Zeitung liest, also die Regierung oder Wirtschaftskonglomerate und dergleichen, eine Gegenbewegung, über die man nichts liest oder ganz wenig, die aber trotzdem da ist. Und die holt er hervor und schildert sie, thematisiert ihr Wesen und Wirken.

Würden Sie sagen, dass Thomas Pynchon ein politischer Schriftsteller ist?

Nicht im landläufigen Sinne. Außer man sagt: Politisch ist eigentlich alles. Jeder der sich öffentlich äußert, gibt damit ein politisches Statement ab.

Aber es fällt ja schon auf, dass alle seine Romane versuchen, eine Art Gegengeschichte zu der landläufigen amerikanischen Geschichtsschreibung zu liefern.

Es kann natürlich sein, dass er sich als politischer Schriftsteller begreift. Ich sehe ihn nicht so. Ich sehe wohl, dass er in diesem Buch unter anderem versucht, ein Porträt der amerikanischen Arbeiterbewegung zu zeichnen, die ja in dieser Zeit mehr oder weniger zertrampelt worden ist. Und die in der normalen amerikanischen Geschichte, so wie wir sie kennen, so gut wie gar nicht vorkommt. Wer weiß denn heute noch, wer die Wobblies sind? [Anm. d. Red.: 1905 in Chicago gegründet, hatte die Gewerkschaft "Industrial Workers of the World", im Volksmund Wobblies genannt, auf ihrem Höhepunkt Anfang der Zwanzigerjahre 100.000 Mitglieder] Das kommt einfach nicht vor. Und er macht es zum Thema und zeigt: Es gab auch in Amerika eine starke Arbeiterbewegung.

Skurril ist in diesem Zusammenhang ja auch der Auftritt des österreichischen Erzherzogs in Chicago...

(lacht) Das spielt auch auf die "Katastrophe von Meierling" an [bei der Kronprinz Rudolf von Österreich unter ungeklärten Umständen zu Tode kam, Anm. d. Red.]. Pynchon treibt es auf die Spitze, indem er unter all diesen Dunkelmännern auch noch Jack the Ripper auftreten lässt.

Das ist doch der beste Beleg dafür, dass Pynchon auch Pop ist. Irgendwer hat mal gesagt, seine Romane seien im Grunde so etwas wie gewaltige Comic-Strips...

In gewisser Weise ja.

Sie haben "Gegen den Tag" zusammen mit Nikolaus Stingl übersetzt. Wie übersetzt man so einen elaborierten Schinken gemeinsam?

Na ja, das wurde erleichtert dadurch, dass wir früher schon gemeinsam übersetzt haben. Wir sind seit Jahren eng befreundet, telefonieren beinahe täglich wegen irgendwelcher übersetzerischen Fragen. Meist ruft einer an und fragt, "Wie verstehst du das?" oder "Hör dir mal das an!" Und so haben wir das auch bei Pynchon gehalten. Das heißt, wir haben erst mal festgelegt, wer welche Teile übernimmt. Normalerweise setzt man an ein derart in sich geschlossenes hochliterarisches Werk natürlich einen Übersetzer. Bei zweien wird es schwierig. Man muss sich erst mal einigen auf den Duktus und so weiter. Das fiel bei uns natürlich weg, weil wir uns da ohnehin einig waren. Die Notwendigkeit, da überhaupt zwei Leute dranzusetzen, hat sich daraus ergeben, dass die Vorstellungen des Verlags von der Produktionszeit eben sehr, sehr knapp waren. Das war für einen allein gar nicht zu machen. Wir haben innerhalb von elf Monaten mehr als 2000 Manuskriptseiten übersetzt. Das ist schon enorm.

Nikolaus Stingl hat die Teile 1, 2 und 4 übersetzt, während ich die Teile 3 und 5 gemacht habe. Wir haben täglich telefoniert. Dabei ging es um die Vereinheitlichung bestimmter Begriffe oder besondere Vorlieben wie z.B. dass ich ungern "Moment" schreibe und stattdessen lieber "Augenblick" schreibe, während Klaus lieber "nachgerade" schreibt statt "geradezu". All das musste irgendwie angeglichen werden.

Gab's denn eine Art Zuschlag für diese doch sehr schwere Kost?

Ja, den gab's schon. Aber das war nicht so doll. Es gab einen Euro mehr als sonst pro Seite, und dann haben wir noch ein bisschen gemault, worauf wir noch einen Zuschlag von zwei Euro für Rechercheaufwand bekommen haben. Letzten Endes haben wir also drei Euro mehr pro Seite als für irgendein anderes Buch bekommen. Insgesamt also 23 Euro. Und das ist in dem Fall schon...mager. Denn bei einem derartigen Schwierigkeitsgrad ist natürlich der Tagesausstoß, den man da hat, die Tagesleistung, entsprechend kleiner. Wenn ich bei einem anderen Autor acht Seiten am Tag schaffe, schaffe ich bei Pynchon nicht mehr als fünf. Und was man dabei nicht vergessen darf: die Redaktion, das Überarbeiten und die Fahnenkorrektur - das alles ist damit ebenfalls abgegolten. Über Stundenlöhne brauchen wir da gar nicht reden...

Wie muss man sich den Moment vorstellen, wenn man ein derart gigantisches Übersetzungsmanuskript beim Verlag abgibt? Erleichterung, Erschöpfung, Freude, Trauer?

Alles zusammen. Aber erst mal habe ich mich großartig gefühlt. Es war einfach toll, das geschafft zu haben. Also ich muss sagen: Ich hab nicht geglaubt, dass wir das schaffen in der Zeit. Dass wir das geschafft habe, das war einfach...richtig toll.

Kann man sich gleich auf ein neues Projekt einstellen? Und wie viel Verschnaufspause bleibt eigentlich im Übersetzeralltag?

Ich habe eine kleine Pause gemacht, und Klaus Stingl hat auch eine Pause gemacht. "Kleine Pause" heißt: eine Woche. Das ging nicht anders, weil schon die nächsten Projekte gedrängt haben.

Was übersetzen Sie als nächstes?

Als nächstes übersetze ich mit Kathrin Razum den neuen Roman von T.C. Boyle: "The Women"

Gibt es bestimmte Autoren, bei denen Sie sagen würden: Die fallen mir leichter?

Robert Coover zum Beispiel. Ganz wunderbar. Ich hab leider nur ein Buch von ihm übersetzt. Und dann gibt es andere, bei denen ich sage: Es langweilt mich. Es ist nicht so sehr der Schwierigkeitsgrad, sondern das Gefühl: Das sagt mir nichts.

Der Übersetzer

Der Übersetzer Dirk van Gunsteren wurde 1953 als Sohn eines holländischen Reederei-Kaufmanns und einer deutschen Journalistin geboren. Da er auf einem altsprachlichen Gymnasium zur Schule ging, lernte er das Englische erst Anfang der Siebzigerjahre im Zuge einer ausgedehnten Indien-Reise. Zurückgekehrt, fuhr er erst einmal sieben Jahre Taxi, bevor er ein Amerikanistik-Studium absolvierte und beschloss, Literaturübersetzer zu werden. Mittlerweile ist er einer der besten und angesehensten Englisch-Übersetzer. Zu den von ihm übersetzten Autoren gehören unter anderem Philip Roth, Colum McCann, Jonathan Safran Foer und John Irving. 2007 wurde er mit dem renommierten Heinrich-Maria-Ledig-Rowohlt-Übersetzerpreis ausgezeichnet. Van Gunsteren lebt in München und hat einen dreizehnjährigen Sohn.

Interview: Axel Henrici
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