
Kriegskindheit
Gefährliche Neugier
"Meine Mutter ist eine deutsche Spionin" - 60 Jahre sind vergangen, seit der kleine Keith Hayward diesen Satz gesagt hat. Sechs Worte, die seinen damaligen Freund Stephen bis heute nicht losgelassen haben. Jetzt ist der zurückgekehrt an den Ort seiner Kindheit, eine farblose Londoner Vorstadt. Er erinnert sich an jene sommerlichen Kriegstage, als alles ein großes Abenteuer war. Der Bau einer imaginären Eisenbahnlinie zwischen den Beeten zum Luftschutzbunker. Das Erforschen eines von deutschen Bomben zerstörten Hauses.
Als die beiden Jungs beginnen, Keiths Mutter auszuspionieren, ist dies der Anfang vom Ende ihrer Unschuld. Die Frau scheint tatsächlich etwas zu verbergen, hinterlegt geheimnisvolle Botschaften in einem Eisenbahntunnel und schaut verdächtig oft bei ihrer Schwester vorbei. Stück für Stück verfließen Realität und Imagination ineinander, bis Autor Michael Frayn in einem Epilog die vielen Mosaikteile zu einem überraschenden Bild zusammensetzt. Der renommierte britische Dramatiker und Schriftsteller erzählt hier eine Entwicklungsgeschichte über Freundschaft, Verlust, Loyalität, Tod, aufkeimende Sexualität und die Gefahren, die in der Kraft der Fantasie lauern können. Beeindruckend, wie ökonomisch, unangestrengt und elegant Frayn seinen vielschichtigen Roman erzählt. Ein reifes Buch. Das Werk eines alten Meisters.
Michael Frayn: "Das Spionagespiel", Hanser, 224 Seiten, 19,90 Euro