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30. April 2008, 16:40 Uhr

Die Entweihung des weiblichen Körpers

Alexa Hennig von Lange hat in ihrem Debütroman "Relax" selbst offen und unverblümt über Sex geschrieben. Für stern.de kommentiert die Autorin den Erfolg des Buches "Feuchtgebiete" von Charlotte Roche und entdeckt dabei ein neues weibliches Feindbild.

"Der erotische Roman schafft es immer wieder, zu schocken, aufzurütteln und zu verstören"© colourbox

Mit dreizehn Jahren las ich zum ersten Mal einen Roman mit erotischem Inhalt. Das allerdings war ein Versehen – ich stand eigentlich mehr auf sozialkritische Bücher, in denen Jugendlichen etwas Schlimmes zustößt, sodass sie aus ihrem bisherigen, gut eingerichteten Leben fliegen und kraft ihres neu gewonnenen Selbstbewusstseins in die Gesellschaft zurückfinden. Ich dachte "Sprung in der Sonne" von dem brasilianischen Autor Marcelo Rubens Paiva sei auch so ein Buch. Schließlich wurde im Klappentext damit geworben, dass der zwanzigjährige Erzähler auf seiner Geburtstagsparty ins Meer springt, auf einen Felsen prallt und von nun an querschnittsgelähmt ist. Doch schon nach den ersten Seiten bekam ich ziemlich rote Ohren und las vorsichtshalber im Badezimmer weiter. Ich hatte ja keine Ahnung von dem, was da stand. Bis heute ist mir ein Satz im Gedächtnis geblieben: "Wir rauchten die Zigarette und genossen unsere Körper in diesem Zimmer, in dem der Duft eines Orgasmus hing, der Geruch von Sperma, Sekret und Liebe."

Ich dachte: "So deutlich schreibt man doch nicht!" Dann fand ich: "Warum eigentlich nicht? Literatur ist schließlich Kunst, und in der Kunst ist alles erlaubt." Anschließend erkannte ich: Der erotische Roman ist keine neue Erfindung. Auch nicht, wenn er aus der Sicht einer Frau geschrieben ist. In "Heiß & kalt" von Elisabeth Ambras machen sich beispielsweise die Protagonistinnen einen minderjährigen Jungen untertan. Von Melissa P.´s "Mit geschlossenen Augen" ganz zu schweigen. Trotzdem schafft es der erotische Roman immer wieder, zu schocken, aufzurütteln und zu verstören. Denn: Es werden immer wieder Menschen geboren, die alles zum ersten Mal sehen, lesen und erleben.

"My body is my temple"

Was den Roman "Feuchtgebiete" von Charlotte Roche anbelangt, mag der Tumult weniger von den Schilderungen sexueller Handlungen ausgelöst worden sein, sondern durch die Entweihung des weiblichen Körpers. Wie das Modell Gisele Bündchen kürzlich erklärte: "My body is my temple." Doch Charlotte Roche scheint den weiblichen Körper eher als eine Art nässenden, gärenden Komposthaufen zu verstehen. Ich kann dies allerdings nur vermuten, ich selbst habe das Buch nur in Auszügen gelesen. Vor manchen Schilderungen habe ich schlichtweg Angst. Vor einigen Wochen konnte ich im "Tagesspiegel" einen Teil des Romans lesen – und dieser kleine Auszug war derart eindrucksvoll, dass er an meinen innersten Widerständen gerührt hat. Er hat in mir eine Art Schock ausgelöst, dass ich nun befürchte, das Buch könnte über die Macht verfügen, mich bis ins Grab zu verfolgen.

Ich habe Hochachtung vor einer solch erzählerischen Leistung. Und ich habe Hochachtung vor denjenigen, die "Feuchtgebiete" gelesen haben. Sie scheinen über eine innere Stärke zu verfügen, von der ich nur träumen kann. Mein Körper ist für mich noch immer etwas Achtenswertes, etwas Reines, dem ich würdevoll begegne. Und ich werde immer den Wunsch haben, dass ihm ebenso von außen begegnet wird. Ein bisschen verstört es mich also, dass eine Frau über den weiblichen Körper auf diese Weise schreibt. Möglicherweise ist mir das gar nicht so recht. Es geht um fehlende Hygiene oder – wie immer wieder vermutet wird – um eine Art weiblichen Befreiungsschlag. Wozu, frage ich mich? Wo leben wir denn? In einem Land, in dem die Frau dringend vom Feindbild "Mann" Abschied nehmen sollte – und fehlende Hygiene dankenswerterweise kein Problem ist.

Das Feindbild "Mann" hat sich erledigt

Wer jetzt noch meint, es sei allerhöchste Eisenbahn, dass endlich eine Frau offen zugibt, sich beim Geschlechtsverkehr gern zu unterwerfen, hat – mit Verlaub – den Anschluss verpasst. In der "Süddeutschen Zeitung" ist zu diesem Thema lesen: "Eine Frau verliert sich aber nicht, wenn sie ihrer Lust folgt. Sie verliert sich, wenn sie gegen ihren Willen am Herd landet. Und vielleicht wäre Letzteres seltener der Fall, wenn sie, insofern sie eine Lust an der Unterwerfung verspürt, diese dort lebt, wo sie am Platz ist. Und nicht im alltäglichen Geschlechterkampf." Das Feindbild "Mann" darf getrost als erledigt angesehen werden. Wir haben ein neues: "den Körper der Frau".

Mehr zu dem Thema "Feuchtgebiete"...

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Zur Person

Zur Person Alexa Hennig von Lange, Jahrgang 1973, lebt und arbeitet als Moderatorin und Autorin in Berlin. Der Durchbruch gelang ihr 1997 mit dem Coming-of-age-Roman "Relax", in dem sie über Liebe, Sex und Drogen schreibt. Ihre Thrillerqualitäten bewies sie in ihrem bisher letzten Buch "Risiko", das 2007 bei Dumont erschienen ist.

Alexa Hennig von Lange
 
 
KOMMENTARE (10 von 19)
 
Nobilitatis (02.05.2008, 15:33 Uhr)
Kommentar oder Rezension?
Was kommt als nächstes? Ein vegetarischer Kritiker eines Steak-Restaurants?
Was soll uns dieser Artikel sagen? Dass es Totalverweigerer gibt? Nicht ein Grund für oder wider das Lesen dieses Buches. Da wollte sich wohl jemand ins Gespräch bringen. Ich finde, dieser Artikel ist ein guter Grund, niemals wieder was von dieser Frau zu lesen.
Tortist (02.05.2008, 13:41 Uhr)
Alexa schäme Dich !
Liebe Alexa,
ich habe Deine Bücher sehr gerne gelesen, aber das hier ist leider eine Frechheit. Wie kannst Du über ein Buch urteilen, das Du nach eignem Bekenntnis gar nicht vollständig gelesen hast ?
Schäme Dich
Schwaebin (01.05.2008, 11:46 Uhr)
Meine Güte....
muss diese Frau verklemmt sein, wenn sie sich nur im Bad getraut solche Sachen zu lesen. Das ist ja schon richtig peinlich.
faustjucken_de (01.05.2008, 11:06 Uhr)
Plumps
macht der umgefallene Sack Reis in China
acitapple (01.05.2008, 10:31 Uhr)
sowas darf man sich erlauben...
wenn man als gefeierte jungautorin gilt. ich sage es nochmal: überall wird NUR über die "ekelpassagen" des buches geschrieben, welche in ca. der ersten hälfte auftauchen. ich habe noch keine kritik über die andere hälfte gelesen. scheint auch keinen zu interessieren, da das thema scheidungskinder wohl nicht sooo interessant ist, nicht wahr ?
ein beispiel: den film "irreversible" habe ich nie gesehen, nur davon gehört. nur aufgrund der berichte werde ich mir diesen film nie im leben anschauen. trotdem maße ich mir doch nicht an ihn zu bewerten!
an die autorin: machen sie beim sex noch das licht aus ? ertragen sie den "duft des orgasmus" in der realität oder rennen sie nach dem akt unverzüglich ins bad um ihren körper zu reinigen, dem man ja würdevoll begegnen soll ? sorry, hört sich sehr nach verklemmter prinzessin an...wohlbehütet auf ihren 10 keimfreien matratzen.
H.P. (01.05.2008, 09:15 Uhr)
Feuchtgebiete
Liebe Frau Alexa Hennig von Lange, sind Sie vielleicht am Verkauf des Buches beteiligt? :-)
+++@Doch schon nach den ersten Seiten bekam ich ziemlich rote Ohren und las vorsichtshalber im Badezimmer weiter. Ich hatte ja keine Ahnung von dem, was da stand. Bis heute ist mir ein Satz im Gedächtnis geblieben:................+++
Ich habe ihn gelesen, den Satz der in ihrem Gedächnis geblieben ist, und war nicht einmal geschockt, ich werde ihn auch schnell wieder vergessen haben. :-)
Es wird so vieles gesagt und geschrieben, was mich nicht schockt, was mir mehr Angst macht, ist das viele Leid auf der Welt.
Ekel-Alfredo (01.05.2008, 09:07 Uhr)
Lauter
geschäftstüchtige junge Frauen, Respekt!
Bebuquin (01.05.2008, 09:07 Uhr)
Unglaublich...
Die Redaktion dieser Seite sollte sich für so einen stümperhaften Journalismus schämen. Was passiert als nächstes? Schreibt die Politikabteilung den Wetterbericht und sagt:"Eigentlich haben wir keine Ahnung, wie das Wetter morgen wird, aber wir hätten gerne Sonnenschein und behaupten, dass es morgen 30° wird."
Zum Glück wurde für diesen Artikel kein Blatt Papier verschwendet...
Rainhelt (01.05.2008, 09:01 Uhr)
@Mounedrah
Absolut. Da schreiben Leute die das Buch nicht kennen über diese Buch... Grosses Kino und 1A-Journalismus!
govinda76 (30.04.2008, 21:31 Uhr)
ist doch nur sex
ein buch ist ein buch ist ein buch, vielleicht aber einfach auch nur die seele seines autors. entweder ist ein buch gut oder schlecht geschrieben. wer will sich über die erdachten oder teils autobiographischen geschichten ein urteil anmaßen. lesen soll doch vergüngen bereiten, wer bock auf sex, crime oder pipi langstrumpf hat, der soll sich das reinziehen.
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