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Interview

"Er war der erste Umweltschützer auf unserem Planeten"

Alexander von Humboldt gilt als Welterklärer und der erste Umweltschützer. Ein Gespräch mit der Historikerin Andrea Wulf über einen Ausnahmeforscher.

Stern: Frau Wulf, Sie reisen seit zwei Monaten durch Amerika und reden über den Deutschen . Was ist so interessant an dem Mann, der vor über 200 Jahren geboren wurde?

Wulf: Er war der erste Umweltschützer auf unserem Planeten. Der Vater der Umweltbewegung, der Mann, der entdeckt hat, dass der Mensch das Klima verändern kann.

Stern. Eine kühne These. Wie kommen Sie darauf?

Wulf: Ihm wurden auf seiner Reise durch grundlegende Zusammenhänge in der Natur klar. Er sah auf einmal die Natur als Netz des Lebens. Alles hängt zusammen. Er begriff die Welt erstmals als einen lebendigen Organismus. 

Stern: Was war daran so revolutionär?

Wulf: Er erkannte den Schaden, den Menschen anrichten. Durch Rodung, künstliche Bewässerung und die großen Massen an Gas, die schon damals aus den Industriezentren kommen.

Stern: Was öffnete ihm die Augen?

Wulf: Eine Reise durch Südamerika. Im Februar 1800 erreichte er mit seiner Expedition im heutigen den Valencia See. Er schwärmte zunächst über dieses Paradies und schrieb: "Bei Sonnenuntergang bot sich den Reisenden ein besonderes Schauspiel: Tausende von Fischreihern, Flamingos und Wildenten flogen über den See und setzten damit den Himmel in Bewegung – ein idyllischer Anblick." 

Stern: Zerstörte Natur sieht aber anders aus?

Wulf: Als er genauer hinsah, fiel ihm auf, dass der Wasserspiegel des Sees dramatisch schnell sank. Heute würden wir sagen, er beobachtete ein Ökosystem, das am Kippen war.

Stern: Woran erkannte er die sich anbahnende Umweltkatastrophe?

Wulf: Humboldt kam von Caracas über die Berge ins Tal geritten. Überall auf seinem Weg waren die Hügel bewaldet, aber rund um den Valencia See waren die Bäume abgeholzt worden. Humboldt verstand den Zusammenhang. Der Wald diente als Speicher, der Wasser langsam in den Kreislauf einschleust. Eingriffe an einer Stelle, können an anderer Stelle zur Katastrophe führen. Das war in seiner Zeit eine überwältigende Erkenntnis.

Stern: Sie haben viele tausend Briefe und seine Tagebücher gelesen. Welches Bild vom Menschen hatte er?

Wulf: Als ich das Material las, gab es einen echten Gänsehautmoment. Kurz nach seinem Aufenthalt am Valencia See schrieb er sinngemäß: "Es kann kann sein, dass wir irgendwann zu fernen reisen werden und dorthin werden wir dann unsere Mixtur aus Arroganz, Gier und Gewalt mitnehmen. Wir werden diese so veröden, wie wir es schon mit unserer Erde tun.“ Mir stockte beim Lesen dieser Passagen der Atem. Wir reden hier vom Anfang des 19. Jahrhunderts. Was für eine Vision. Der Mensch ist laut Humboldt nicht mehr die Krönung der Schöpfung, sondern ein Teil des Ganzen.

Stern: Humboldt war Anfang 30 als er durch Südamerika reiste. Wenn er jetzt hier durch die Tür kommen würde, was für einen Mann würden wir erleben?

Wulf: Wir drei würden nicht zu Wort kommen. Mit seiner sanften Stimme redete Humboldt in einem fort. Er war ambitioniert und eitel. Er sprang von Thema zu Thema. Er sprach Deutsch, Englisch, Französisch und Spanisch. Saßen Ausländer mit am Tisch wechselte er in einem Satz die Sprachen. Er war ein rastloser Mann, bis ins hohe Alter. Wissbegierig, fast unerträglich umtriebig.

Stern: War Humboldt ein sympathischer Mensch?

Wulf: Ich glaube ja. Er war großzügig, unterstützte andere Wissenschaftler und Künstler mit seinem letzten Geld. Er teilte sein Wissen.

Stern: Keine Schwächen?

Wulf: Wenn er jemanden nicht mochte, konnte er ziemlich biestig werden. Für dumme Leute hatte er nicht viel übrig. Und Musik interessierte ihn nicht. Ein junger Pianist sollte einmal für Humboldt spielen. Humboldt unterbrach aber seinen Redefluss nur kurz. Der Pianist hörte dann auf und sagte: Das war ein Duett, das ich nicht gewinnen konnte.

Stern: Humboldt erschien nicht zum Begräbnis seiner Mutter. Warum?

Wulf: Der Vater starb früh, Humboldt und sein Bruder erlebten eine ziemlich unglückliche Kindheit. Die Mutter wird als kalt und seelenlos beschrieben. Sie zwang Humboldt zunächst ja auch zu einer Karriere im Staatsdienst. Er einigte sich mit ihr darauf, dass er Geologie studieren durfte und dann als Bergassessor für Preußen arbeitete. Mehr Nähe zur Natur erlaubte sie ihm nicht.

Stern: Dann war der Tod der Mutter eine echte Befreiung?

Wulf: Absolut. Er war 27, erbte 10.000.000 Taler und war frei. Ich habe den Brief eines Freundes gefunden, darin schreibt er an Humboldt, dass "dieser Tod insbesondere für dich erwünscht seyn muss.": "Du musst ja so froh sein, dass deine Mutter endlich tot ist.“

Stern: Wie viel war das Erbe damals wert?

Wulf: Zum Vergleich, ein Handwerker in Berlin verdiente 200 Taler im Jahr. 

Stern: Der junge Humboldt schrieb über sich selbst den Satz: "Es ist ein Treiben in mir, dass ich denke, ich verliere mein bisschen Verstand." Und seine Schwägerin sagte einmal: "Er schnappt wohl über."

Wulf: Sein Leben lässt sich in zwei Abschnitte trennen. Vor der Reise nach Südamerika war er unglücklich, kränklich, depressiv. Danach wie ausgewechselt. Sein größter Wunsch war es unbeobachtet durch die Welt zu ziehen. Als er einmal in London am Hafen die vielen Schiffe sah, weinte er hemmungslos vor Fernweh.

Stern: Klingt nach Flucht. In Ihrem Buch deuten Sie an, er sei homosexuell gewesen.

Wulf: Ich bin mir zu 99 Prozent sicher. Aber als Historikerin kann ich es nicht endgültig beweisen. 

Stern: Bekannt ist, dass er sehr intensive Freundschaften mit Männern hatte, auch während der Expeditionen.

Wulf: Das stimmt, seine Schwärmereien für Freunde waren extrem. Es gibt auch keine Hinweise auf Verhältnisse mit Frauen. Was ungewöhnlich ist. Humboldt war zu seiner Zeit einer der berühmtesten Männer der Welt. 

Stern: In Südamerika war ein einheimischer Assistent immer an seiner Seite.

Wulf: José war wichtig für die Expedition – er war für die Sicherheit des Barometers zuständig, schwärmte Humboldt sehr. Ich konnte aber nicht herausfinden, ob Humboldt und José gemeinsam auch nach Europa zurückgereist sind. Das wäre ein starker Beleg gewesen. 

Stern: War er vielleicht sexuell gar nicht aktiv. Er schrieb einmal: "Ich kenne keine sinnlichen Bedürfnisse."

Wulf: Vielleicht unterdrückte er seine Bedürfnisse. Vielleicht ist dies auch eine Erklärung dafür, warum er sich auf seinen Reisen so extremen körperlichen Anstrengungen und Qualen aussetzte. Im Dschungel ließ er sich schier von den Moskitos auffressen und in den Anden erfror er beinahe. 

Stern: Humboldt betrieb auch intensiv Selbstversuche. Er verpasste sich Stromstöße, um zu erforschen wie Nerven darauf reagieren. Er schnitt sich mit einem Skalpell in Arme und Oberkörper, rieb Chemikalien in die offenen Wunden. Viele dieser Verletzungen entzündeten sich. War das mehr als Forscherdrang?

Wulf: Experimente am eigenen Körper waren in der Wissenschaft in der Zeit üblich. Das gehörte im 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts dazu. Da ist er im Bereich des normalen neugierigen Wissenschaftlers. Die körperlichen Strapazen, die er während der Reisen aushielt, das war er extrem. Aber wenn man damals auf Entdeckungsreise ging, musste man damit rechnen, dass man es nicht überlebt.

Stern: Wie wichtig war Goethe in Humboldts Leben? Sie sezierten zusammen Leichen in Jena. 

Wulf: Sie betrieben anatomische Studien zusammen. Sie trafen sich oft. Es war eine Freundschaft, die für beide Männer sehr wichtig war. Aus Goethes Briefen wissen wir, immer wenn Humboldt auftauchte, erlebte er eine neue Begeisterung für die Naturwissenschaften. Wir wissen, Goethe schrieb Faust nicht an einem Stück, sondern in Schüben. Mir fiel auf, immer wenn er Humboldt getroffen hatte, schrieb er weiter. Ich glaube Humboldt inspirierte ihn stark für die Figur des Heinrich Faust.

Stern: Faust gab dem Teufel seine Seele im Tausch für grenzenloses Wissen...

Wulf: Das hätte Humboldt auch sofort getan. Faust sagt: "Dass ich erkenne, was die Welt im Inneren zusammen hält." Das ist purer Humboldt. Faust sagt, er sei von einem inneren Toben getrieben. Auch das ist Humboldt.

Stern: Und umgekehrt? Welche Rolle spielte Goethe für Humboldt?

Wulf: Ich gehe so weit und sage: Ohne Goethe wäre Humboldt nicht möglich gewesen. Humboldt wäre ein guter Wissenschaftler gewesen, er hätte seine empirischen Forschungen in der Natur betrieben. Aber Goethe ist derjenige, der Humboldt sagte: wir können die Natur nicht nur durch Instrumente und Messungen begreifen, sondern auch durch unsere Vorstellungskraft, unsere Fantasie und unsere Gefühle. 

Stern: Konnte der Wissenschaftler Humboldt damit etwas anfangen?

Wulff: Humboldt sagt, Goethe habe ihm neue Organe gegeben, mit der er die Welt sehe. Als er aus Lateinamerika zurück kam, schrieb er Goethe: Die Natur muss gefühlt werden. Als junger Mann hatte er noch gesagt: Die Fantasie verwirrt mich.

Stern: Nun ermöglichte ihm die Fantasie Zusammenhänge zu sehen, die kein Mensch vor ihm sah. Heute sagen wir dazu "Ökosystem“.

Wulf: Ja, für mich ist es das, was den Humboldt ausmacht, der heute noch so relevant ist. Weil er eben keine Trennlinien zwischen Kunst, Poesie und der Wissenschaft zog. 

Stern: Aber ist es nicht so, dass wir zu wenig Wissenschaft und zu viel Fantasie und Unvernunft in der Welt haben?

Wulf: Ein Beispiel, beim Klimagipfel in Paris wurde viel über das Zwei-Grad-Ziel gesprochen. Aber Ziffern erreichen zumindest bei mir nicht die Seele. Ich glaube es wäre genauso wichtig, darüber zu sprechen, was wir verlieren, wenn sich der Planet weiter aufheizt. Wir schützen nur, was wir lieben. Es wäre schön, wenn wir jetzt einen Mann wie Humboldt hätten, der auf der ganzen Welt für seine Naturliebe verehrt wird.

Stern: Wo haben Sie so viel Neues über Humboldt gefunden?

Wulf: An der Humboldtforschungsstelle in Berlin traf ich die tollsten und hilfreichsten Akademiker. Ich erlebte eine humboldtsche Gelehrtenwelt in der Wissen und Information ganz selbstverständlich geteilt werden. So wie es Humboldt auch tat. Für mich haben sie Adressbücher und Archive geöffnet. 

Stern: Wie war der Blick in Humboldts Welt?

Wulff: Er schrieb 5.000.000 Briefe und erhielt über 10.000.000. An der Staatsbibliothek in Berlin hatte ich Zugang zu den sogenannten Humboldt-Kästen. Darin findet man seine Vorlesungsnotizen. Das sind Gedankenskizzen, Zeichnungen, Ausrisse aus Zeitungen und wenn der Platz nicht reichte, klebte er Zettelchen auf Zettel. Manche kann man ausfalten. Es sind Collagen und Schichten aus Wissen, die auf den ersten Blick keine Ordnung haben. Humboldt dachte nicht linear. Er suchte fieberhaft nach Zusammenhängen.

Stern: Sie sind ihm ja nicht nur gedanklich nachgereist. Wie wichtig war es, dass Sie selbst auf seinen Spuren in Amerika unterwegs waren?

Wulf: Ich bin keine preußische Aristokratin, die 10.000.000 Taler geerbt hat und ich hatte auch nicht fünf Jahre Zeit. Ich musste mich auf einige Ziele konzentrieren. Ich wollte ja auch kein Buch über Humboldt schreiben, sondern eine Biografie über eine Idee, über die Erfindung der Natur. Ich war im Regenwald, am Orinoco, in der Llanos-Savanne und den Anden. 

Stern: Sie sind ihm sogar auf den Chimborazo hinterher gestiegen.

Wulf: Das war so wichtig für mein Verständnis von Humboldt. Die Astronauten, die die Erde zum ersten Mal aus dem Weltraum gesehen haben, berichteten vom "Overview Effekt". Sie sahen den Planeten aus einer neuen Perspektive. Humboldt hatte ein solches Erlebnis auf dem Chimborazo, der damals als der höchste Berg der Welt galt.

Stern: Der Vulkan ist 6310 Meter hoch, Humboldt kam auf fast 6000. 

Wulf: Er stellte damals einen Höhenrekord auf. Als er am 23. Juni 1802 auf dem Chimborazo stand, war noch niemand auf der Welt so hoch oben. Auch nicht die Ballonfahrer. Steine vom Chimborazo waren damals wie 1967 die ersten Steine vom Mond. Die Wissenschaftler drehten schier durch.

Stern: Wie weit kamen Sie?

Wulf: Wir schafften es bis ins Basislager auf 5.000 Meter.

Stern: Wer hat Sie begleitet?

Wulf: Meine beste Freundin. Wir kennen uns seit wir fünf waren. Und irgendwann sagten wir, zu unserem 40. Jubiläum machen wir eine verrückte Reise. Eines Tages meinte sie, lass uns deine Humboldt-Recherchereise zusammen machen. Sie überwies mir das Geld und sagte: Plan mal. Kurz vor dem Beginn der Reise fragte sie dann, und wann fahren wir an den Strand? Es war kein Strand dabei, dafür Dschungel und Vulkane. Ohne diese Eindrücke hätte ich das Buch nicht schreiben können. Ich brauchte diese Nähe.

Stern: Was war für Humboldt die wichtigste Erkenntnis auf dem Chimborazo?

Wulf: Die Expedition von Quito auf den Chimborazo war für Humboldt wie eine botanische Reise vom Äquator zu den Polen. Er sieht, wie sich die Vegetation verändert, von den Bananenstauden im Tal bis zur zartesten Flechte in eisigen Höhen. Gleichzeitig erkannte er, wie ähnlich die Pflanzen denen an anderen Orten auf der Welt sind. Etwa in den Alpen. Er war geradezu geschockt von den Ähnlichkeiten. Er sah die Vegetation der Welt aufeinander gestapelt.

Stern: Was folgerte er daraus?

Wulf: Humboldt zeichnete danach seine berühmten Naturgemälde, ein Querschnitt vom Tal bis auf den Gipfeln. Am Rand notierte er auf der jeweiligen Höhenlage die Pflanzen die dort vorkommen, die Temperatur, Feuchtigkeit, Schwerkraft, Luftdruck, chemische Zusammensetzung der Luft und vieles mehr.

Stern: Heute würden wir sagen, eine Infografik.

Wulf: Es war eine revolutionäre Erfindung. Auf einmal wurde klar, dass die ganze Welt von Vegetations- und Klimazonen umspannt wird. Humboldt zeichnete auch Linien für den Luftdruck und die Temperatur ein. Das sind die Isotherme und Isobaren, die wir heute noch auf der Wetterkarte sehen. Ich habe neulich auf der Esri-Konferenz in San Diego vor 15.000 Geografen über Humboldts Naturgemälde gesprochen. Die meisten hatten von Humboldt noch nie gehört. Dabei ist er ihr Gründungsvater.

Stern: Humboldt teilte sein Wissen leidenschaftlich. Wie wichtig war er für Darwin und seine Evolutionstheorie?

Wulf: Ohne Humboldt hätte Darwin nicht auf der Beagle die Welt umsegelt. Und ohne diese Reise hätte er  sein Buch "Die Entstehung der Arten" nicht verfassen können. Humboldt schreibt bereits über allmähliche Veränderung der Arten, über den Kampf der Tiere. Darwin las das, machte Notizen in Humboldts Bücher. Ich habe sie in der Universitätsbibliothek von Cambridge gelesen. Es ist, als ob Darwin mit Humboldt spricht. 

Stern: Aber erst Darwin zog den entscheidenden Schluss?

Wulf: Das Tragische ist, beide Männer trafen sich 1842. Darwin ist 32, Humboldt 72. Darwin war total begeistert seinen Helden kennen zu lernen. Und Humboldt kommt rein, redete ohne Punkt und Komma und Darwin kam nicht zu Wort. 1842 hatte Darwin die Evolutionstheorie bereits ziemlich konkret im Kopf. Und ich denke, wenn die beiden doch bloß miteinander gesprochen hätten.

Stern: Humboldt starb bevor Darwin sein Werk im November 1859 "Über die Entstehung der Arten" veröffentlichte.

Wulf: Ja, wie tragisch. Er starb fünf Monate zu früh. 

Stern: Nach Humboldt sind über 100 Tiere benannt, über 300 Pflanzen, es gibt den Humboldt-Strom und auf Grönland den Humboldt-Gletscher. Nach ihm sind mehr Orte auf der Welt benannt als nach irgendjemanden sonst. Aber warum wissen wir so wenig über seine Entdeckungen?

Wulf: Es gibt nicht die eine, die mit seinem Namen verbunden ist. Humboldt schenkte uns eine holistische Weltsicht, zeigte Zusammenhänge. Diese sind heute für uns so selbstverständlich, wenn wir über Ökosysteme oder Klimawandel sprechen, dass der Mensch Humboldt hinter der Idee verschwunden ist.

Stern: In den USA wurde ihr Buch zum Bestseller. 

Wulf: Vielleicht weil wir uns nach einem Welterklärer sehnen, der Wissenschaft und Kunst und Poesie wieder zusammen bringt. Vor unserem Gespräch habe ich hier in Greenwich mit Schülern diskutiert. Die waren so begeistert von Humboldt. Sie fragten: Was würde Humboldt heute Donald Trump sagen, der den Klimawandel für eine Erfindung der Chinesen hält?

Stern: Und, was sagen Sie?

Wulf: Er würde ihm ganz sicher vom Valencia See in Venezuela erzählen. Ich kam auf meiner Lesereise in Humboldt County in Kalifornien vorbei. Da ging in die Wälder wo die uralten Mammutbäume stehen. Da erlebe ich den Zauber der Natur. Das geht boom rein, da braucht man keine Worte. Ich glaube, dieses Gefühl trieb Humboldt auch an und das ist es was so viele heute wieder an ihm interessant und faszinierend finden. Ich möchte unbedingt, dass Humboldt wieder auf das Podest zurückkehrt, das ihm gebührt, neben Charles Darwin und Isaac Newton.

Stern: Trump stellt gerade seine Regierung zusammen. Wie erleben Sie Amerika nach der Wahl?

Wulf: Ich bin seit zwei Monaten hier auf Lesereise. Ich hatte das Gefühl, hey, das Umweltbewusstsein steigt. Auch Amerika ist endlich auf dem richtigen Weg. Und nun will Trump wieder Kohle verbrennen lassen, Fracking in Schutzgebieten zulassen. Am Morgen nach der Wahl dachte ich an Humboldt, der die Menschheit für eine parasitäre Spezies hält: Okay, vielleicht ist es das, was wir verdienen. Die Menschheit verschwindet, die Erde wird auch ohne uns weiter leben.

Stern: Was würde Humboldt über unsere Welt heute sagen?

Wulf: Als Historikerin hüte ich mich vor Antworten auf solche Fragen. Aber in diesem Fall bin ich sicher, Humboldt wäre schockiert. Ich bin ganz sicher, er würde niemals Trump wählen. Interview: Alexandra Kraft, Norbert Höfler

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