Vielleicht hatte sie es einfach satt, immer nur zu lesen, wie andere sie sehen. Also hat die unermüdliche Alice Schwarzer ihren Lebenslauf mal selbst aufgeschrieben. Von Ulrike Posche

"Der Motor meines ganzen Handelns ist die Gerechtigkeit", ein Leitsatz für Alice Schwarzer© Jörg Carstensen/DPA
Hinterher ist man immer schlauer. Aber vor zehn Jahren etwa, da saßen wir einmal in irgendeiner Redaktionsrunde zusammen. Alice Schwarzer hatte gerade ein neues Buch geschrieben. Die Frage war: Sollen wir ein Interview mit ihr machen, ja oder nein? "Aliiiice Schwarzer?", quiekten die Mitzwanzigerinnen entsetzt, "was hat die uns denn noch zu sagen?"
Jeden Job, den sie erreichen wollten, jeden Chefposten und Karrieresessel würden sie sich doch heute nehmen können, riefen die Alphamädchen. Auch ohne die alte Feministin. Tja.
Die Wahrheit ist: Fast alle aus unserer Runde sind weg vom Fenster. Manche haben geheiratet und den Namen ihres Mannes angenommen. Andere haben beschlossen, mit den Kindern zu Hause zu bleiben. ("Ist doch irgendwie besser für Sophie und Marie. Und Oliver hat ja gerade diesen tollen Job angefangen.") Wenige haben sich in überschaubare Halbtagsjobs retten können und versuchen dort, mit der Uhr im Kopf, Kind und Arbeit zu verschränken. Keine von uns hat Chefkarriere gemacht.
Aber sie, die Feministin, sie ist noch da. Und zwar dort, wo sie immer schon war, oben. Sorry, Alphamädels, aber so ist es nun mal. Ob man sie mag oder nicht.
Alice Schwarzer, 68, ist Chefin und Karrierefrau, Merkel-Fan, Verlegerin, Bestsellerautorin, "Bild"-Kolumnistin, Modeexpertin und Krawalltalkerin. Ihre Lebensgeschichte ist die Geschichte eines grandiosen Aufstiegs und eines noch grandioseren Bestehens über Jahrzehnte. Kaum eine Frau in Deutschland ist aus eigener Kraft und ohne die Hilfe von Männern je höher aufgestiegen. Nicht einmal die Bundeskanzlerin. Keine ist übler ("Schwanz-ab-Schwarzer"), verletzender ("Die Hexe mit dem stechenden Blick") und vernichtender kritisiert worden als sie. Alice Schwarzer hat sieben Leben. Und seit Kinderzeiten eine Katze. Die Frau mit dem breitesten Lachen Deutschlands ist zudem die einflussreichste Gleichstellungsbeauftragte, die dieses Land hervorgebracht hat. Das Mandat dazu riss sie vor 35 Jahren kühn an sich. Sie kann bis heute eine sich verbeißende Kampfmaschine sein, wenn es um die Rechte von Frauen geht. Eine schlagfertige Streiterin, eine herbe Nervensäge in wallendem Gewand. Frauen minderer Intelligenz höhnen: Die habe doch weder Mann noch Kind, sei "notgedrungen Lesbe".
Die stets mit solcher Wucht Angegriffene kann heute selbst gehörig abledern, wenn Frauen ihr doof kommen oder sie kritisieren. Genauso derbe, wie Männer das tun. Sie ist schon irgendwie Hirn mit Schnauze. Oder Schnauze mit Hirn. Je nachdem.
Maischberger, Illner, Plasberg. Alice Schwarzer ist oft im TV. Deshalb glauben wir, dass wir sie bereits ewig kennen und alles über sie wissen. Es ist bekannt, dass sie gegen Jörg Kachelmann ist, gegen fundamentalistische Kopftuchträgerinnen und gegen Charlotte Roches Bücher. Dass sie Hennes & Mauritz trägt, aber auch Issey Miyake. Wir wissen, dass ihre gerstenblonden Strähnen renaturiert sind und der goldene Armreif handgeschmiedet. Dass sie Romy Schneider und die Gräfin Dönhoff mochte. Sie gehört zum Inventar dieser Republik. Wie ein besonders sperriges Möbel. Und auch deshalb, weil sie, wie ein Journalist neulich schrieb, zu den geistigen Koryphäen des Landes zählt, wie Helmut und Harald Schmidt, wie Habermas und Precht.
Wir glauben also, über sie Bescheid zu wissen. Tun wir aber nicht. Wir kennen immer nur das offizielle Klischee und seine medialen Offenbarungen.
Alice Schwarzer hat deshalb ihren "Lebenslauf" geschrieben. Aufzucht und Pflege, Triumph und Niederlage und die Lehrjahre des Gefühls. Es ist das persönliche Geschichtsbuch der Alice Schwarzer. Und darin stehen mindestens zwei oder drei Dinge, die wir nicht von ihr wussten. Es geht damit los, dass die Leute im Fränkischen, wo sie als Kleinkind lebte, dass die sie "Alois" nannten, weil der Name Alice viel zu exotisch klang. Alice Schwarzer wird 1942 in Wuppertal geboren, mitten im Krieg. Die Mutter ist unverheiratet, unreif, zu jung. Ein Vormund wird bestellt. Alice nennt die Großeltern "Mama" und "Papa". Bei ihnen wächst Alicelein auch auf, während sich die Mutter als Propagandistin durchschlägt und "Goldener Oktober" an den Mann bringt, einen beliebten Weinverschnitt. Alice ist ohnehin eher Großvatertochter, nur die Neigung, stets alles politisch zu nehmen, kommt von der Großmutter. Die sozialdemokratisch gesinnte Familie flieht vor den Bomben nach Stadtlauringen, bis die amerikanischen Panzer anrollen. Sechs Jahre ist das blonde Kind mit dem so akkurat geschnittenen Pagenkopf alt, als es schließlich zurückkehrt ins Bergische Land. Zu der Zeit spricht Alois Schwarzer Englisch und Fränkisch: "Häf ju Schokoläd for mei?" und "Wolln wir fei Fangerles spielen?" Drollige Vorstellung, sie spräche jetzt noch so.
Sie geht ohne Abitur von der Schule ab und beginnt eine Lehre als kaufmännische Angestellte in einem Autohaus, bricht jedoch schnell wieder ab. Sie musste für den Chef Urinproben in die Apotheke bringen und für die Chefin die "Hörzu" kaufen. 50er Jahre eben, typisches Mädchenleben. Aber schwer zu ertragen für eine 16-Jährige, die selbst lieber "Die Zeit" liest und "Twen". Die ins Kino geht oder zum Tanzen in die Düsseldorfer Altstadt. Girl meets Boy. Fräulein Schwarzer lernt einen Jungen kennen.
"Lebenslauf" Alice Schwarzer bei Kiepenheuer & Witsch, 512 Seiten, 22,99 Euro