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Die Fürstin der Finsternis findet zum Licht

Nach zahlreichen Vampir-Romanen kehrte Anne Rice zurück zum katholischen Glauben. Jetzt überrascht sie mit einem ganz besonderen Untoten: Sie veröffentlicht die fiktive Autobiografie von Jesus Christus.

Von Stephan Maus

"Nach draußen? Maximal für zwei Minuten." Anne Rice zurrt an dem Tuch, das der Fotograf über ihr Sofa drapiert hat – als würde sie sich am liebsten in den schwarzen Stoff hüllen. Wie düster ihr Blick glänzt; beinahe wie ihr Bösendorfer- Flügel. Ob der Fotograf dieses Tuch durch ihre Pupillen direkt aus dem Dunkel in ihrem Kopf gezogen hat? Warum will sie ihren Bungalow nicht verlassen? Hat sich diese Königin der modernen Schauerliteratur schon so sehr den Schattenwesen aus ihren Vampir-Romanen angeglichen, dass sie beim ersten Kontakt mit dem Tageslicht zerfallen würde? Ist das der teuflische Preis für eine Gesamtauflage von mehr als 50 Millionen Exemplaren?

Nein, so kommt man nicht weiter. Man muss sich der distanzierten 65-Jährigen sachlich nähern. In ihrer ernsten Aura zerfallen all ihre Mythen zu Staub. Sie will nicht raus aus ihrem klimatisierten Bungalow in prunkvollem Hollywood-Barock, weil sie diabeteskrank ist und die Außentemperatur fürchtet: Da draußen liegt Palm Springs unter einer Gluthitze von 43,9 Grad Celsius. Die Hitze hat jegliche Farbe aus der Landschaft gesengt. Nur unter dem steten Ballett von 1001 Rasensprengern grünt es - aber sehr kontrolliert. Palm Springs ist das Reich strenger Gärtner. Ein Reich mit scharf gezogenen Grenzen: Gleich hinter Rices Garten flirrt die Mojave Desert. Dort gedeihen nur noch Gestrüpp und Klapperschlangen. Nach fast 20 Jahren im tropischen Klima von New Orleans ist Rice Anfang 2006 in die Wüste gegangen. Um einen Schnitt zu setzen; um in einer Landschaft zu leben, die im Einklang mit ihrer Seele steht. Sie konnte nicht mehr so weiterleben wie zuvor. Zu tief war der Wandel, den sie durchgemacht hatte.

Gute gegen Böse, Tod und Unsterblichkeit

Anne Rice macht keine halben Sachen. Bei ihr ist alles bigger than life. Nach 39 Jahren des Zweifels ist sie 1998 zum Glauben ihrer Jugend zurückgekehrt. Sie stammt aus einer katholischen Familie. Aus Freiheitsbedürfnis und sexueller Neugier hatte sie sich als junge Frau vom Katholizismus losgesagt. Selbst schwere Schicksalsschläge hatten sie nicht zurückbringen können. 1972 starb ihre fünfjährige Tochter Michele an Blutkrebs. Von da an wurde Blut zu Rices Obsession. Blut, Tod, Einsamkeit: Jeder ihrer Vampir-Romane variiert diese Themen. Gleich in ihrem ersten Buch, "Interview mit einem Vampir", verlieh sie Michele posthum die Unsterblichkeit, indem sie die Tochter als Mädchen- Vampir auftreten ließ. Doch Trost fand Rice in ihren Gothic Novels nicht: Zusammen mit ihrem Mann, dem Dichter und Maler Stan Rice, versank sie für Jahre im Alkohol.

In ihren Romanen verhandelte sie die Fragen, die sie aus den Messen ihrer Jugend kannte und die sie nun ohne Gott lösen musste: Gute gegen Böse, Tod und Unsterblichkeit - das universelle Lebensquiz. Aus jedem Detail von Rices barocken Kulissen spricht ihre Faszination für den Glanz des katholischen Ritus. Und wenn Rice heute dem Besucher in einem schweren Kristallkelch Vittel servieren lässt, beschleicht einen das Gefühl, dass aus diesem Gefäß auch ihr Vampirheld Lestat de Liancourt den Blutschwall eines besonders wertvollen Jahrganges hätte verkosten können. Zusammen mit ihren Vampiren richtete Rice sich in einer gottlosen Welt ein, indem sie die Leere mit dekadenter Pracht füllte. Stärker noch als die Blutgier ihrer melancholischen Nachtgestalten ist deren Sinnhunger. Sie hat den existenzialistischen Blutsauger erfunden. Nicht vergebens haben sich diese philosophierenden Untoten auf Sinnsuche gemacht: Nach sechs Vampir-Romanen, die zahllose Mythen der Literaturgeschichte zur Ader ließen, fand Anne Rice zurück zum Glauben. Kurz nach ihrer Rückkehr zur Kirche bat sie ihren Mann um eine kirchliche Trauung - nach 37 Jahren Ehe.

"Die Chroniken gibt es nicht mehr. Gott sei Dank!"

Zwei Tage nach dieser Trauung fiel die Vampir-Königin in ein Diabetes-Koma und war klinisch tot. Wieder der Fluch des Blutes! Doch die Ärzte holten sie zurück ins Leben. Anne Rice wurde neu geboren. Ihr Mann starb vier Jahre später an einem Hirntumor. Seine lodernden Gemälde schmücken die Wände von Rices Zuhause. Die bekehrte Vampir-Königin schrieb noch ein paar Schauerromane. Doch sie steckte in einer Sackgasse: Ihre Literatur passte nicht mehr zu ihrem Glauben. Verzweifelt jagte sie ihre Vampire in immer absurdere Abenteuer. Die letzten Romane missfielen selbst ihren Fans. In einem wütenden Beitrag auf amazon.com kündigte Rice das Ende des Vampir-Zyklus an: "Die Chroniken gibt es nicht mehr. Gott sei Dank!" Sie entsagte den Fürsten der Finsternis, schaute zu ihrem neuen Herrn auf und schwor ihm, nie wieder eine Zeile zu schreiben, die nicht sein Lob singen würde. Die Untoten waren für immer gestorben. 2005 überraschte Rice mit dem ersten Band einer auf vier Romane angelegten fiktiven Autobiografie von Jesus Christus, der nun auf Deutsch erscheint.

Allein dieser Coup der Meisterin haarsträubender Plotwenden ist schon erstaunlich genug. Doch die größte Überraschung ist Rices radikaler Stilwandel. Nicht nur die Christin, auch die Schriftstellerin Anne Rice wurde neu geboren. Die Königin des überfrachteten Vampir-Kitsches hat einen Jesus-Roman in klassischem Duktus geschrieben. "Jesus Christus" erzählt die Jugend des Messias aus der Ich-Perspektive des Siebenjährigen. Kenntnisreich rekonstruiert Rice das Alltagsleben in Israel vor 2000 Jahren und berichtet nüchtern, wie ein Knabe von seiner überirdischen Macht erfährt. Von allmächtigen Helden kann sie nicht lassen. Brauchen wir Helden? "Oh ja! Das Leben schenkt uns Gelegenheiten für heroische Kämpfe. Wir werden geprüft. Nur die heroische Art, darauf zu antworten, ist die richtige." An normalen Menschen hat sie kein Interesse. "Um die kann sich John Updike kümmern." Bei allem Heroismus verzichtet sie heute auf Effekthascherei. Die Heilige Familie verheimlicht ihrem jüngsten Spross seine göttliche Herkunft, um ihn zu schützen. Der Roman kreist um dieses Geheimnis, das Jesus langsam enthüllt. Rice kennt sich aus mit Familiengeheimnissen.

"Hier sieht es wirklich aus wie im Jordantal"

Erst spät erzählte sie ihrem Sohn von seiner Schwester, die noch vor seiner Geburt starb. Hat ihr die Erinnerung an dieses Geheimnis beim Schreiben geholfen? "Sicherlich. Außerdem zehre ich von den Geheimnissen meiner Kindheit. Meine Mutter war Alkoholikerin. Noch ein Geheimnis." In einfachen Sätzen erzählt Rice eine der außerordentlichsten Geschichten der Weltliteratur neu. Es scheint, als passte sich ihr Stil immer den Kulissen ihrer Romane an: Im schwülen New Orleans trieb ihre Vampir-Prosa tropische Blüten, während ihr neuer, karger Stil sich wie ausgedörrt von der Wüste des Heiligen Landes vor dem Leser ausbreitet. So ist es nur schlüssig, dass sich die Schriftstellerin eine Landschaft zur Heimat gewählt hat, die zu ihrem biblischen Sujet so gut passt wie New Orleans zu ihren Vampir-Romanen. Nur wenige Meilen nordwestlich von Palm Springs strecken Tausende von Josuabäumen ihre verrenkten Kakteenarme wie im Gebet gen die glühende Sonne. "Hier sieht es wirklich aus wie im Jordantal."

Fühlt sie sich als Wüsteneremitin in ihrem Bungalow? "Ja. Dies hier ist eine Art voll klimatisiertes Kloster." In New Orleans führte sie ein extravagantes Leben. Heute geht sie kaum aus. Eigentlich nur zur Sonntagsmesse. Während des Gesprächs steht hin und wieder schwirrend ein Kolibri draußen vor der Panoramascheibe des Büros, bevor er abdreht und sich vom Nektar eines Engelstrompetenbaums im Garten nährt. Das Leben ist draußen. Hier drinnen wird studiert. Versonnen wie eine Äbtissin huscht Rice durch ihr Haus. Ihre Schritte hört man ebenso wenig auf den glänzenden Marmorplatten wie auf dem tiefen, in den Boden eingelassenen Teppich. So leicht schwebt sie über ihre Terrasse, dass man nicht erstaunt wäre, würde sie über das Himmelblau ihres Pools wandeln. Man traut es ihr jedenfalls eher zu als einen Kopfsprung ins Wasser. Still ist es auf diesem Anwesen. Das Essen wird der Hausherrin lautlos unter Silberhauben serviert. Sanftes Millionärsleben. Im Bungalow gegenüber lebte Frank Sinatra. "Steht dieses Reichenghetto nicht im Kontrast zu Ihrer Hingabe an den Gott der Armen?" "Das stimmt. Das Evangelium sagt: "Gib alles hinweg, was du hast, und folge mir." Aber ich habe Angst davor. Ich habe Angst, dann nicht mehr schreiben zu können."

Rice hat ein Anti-"Sakrileg" geschrieben

Wie viel wird Rice ihrem Glauben opfern? Wird sie die schwüle Sinnlichkeit ihrer Vampir-Romane aufgeben? Oder wird sie in den folgenden Bänden die Sexualität des heranwachsenden Messias zeigen? "Als orthodoxe Katholikin glaube ich, dass Jesus ein sündenfreies Leben führte. Besonders im Lichte des "Sakrileg"-Phänomens war es mir wichtig zu zeigen, dass ein solches Leben möglich war." Rice hat ein Anti-"Sakrileg" geschrieben. Eine treuere Jüngerin wird der Papst nicht finden. Die Schriftstellerin, die unter den Pseudonymen Anne Rampling und A. N. Roquelaure auch sadomasochistische Romane geschrieben hat, scheint sich Enthaltsamkeit in ihrem Kloster auferlegt zu haben. Hat sie ein Alter erreicht, in dem sie über Sex steht? Sie seufzt: "Leider nicht." Dabei wirft einem diese millionenschwere kalifornische Wüstennonne einen langen, schwarzen Blick zu, der zu sagen scheint: Irgendwer muss schließlich die Sünden begehen, von denen uns der Heiland reinwaschen soll.

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