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Hart, aber nicht herzlich

Die Verfilmung ihrer Kurzgeschichte "Brokeback Mountain" machte die spröde Annie Proulx zum Star wider Willen. Den stern empfing sie zu Hause in Wyoming.

Von Christine Kruttschnitt

Bei der Antilope hätte sie dringend ihr Gewehr gebraucht. Das arme Tier lag blutend im gelben Gras, das Fleisch zerfetzt von Bauschutt, den ein vorbeidröhnender Laster verloren hatte. "Wir waren zu viert im Wagen. Es war weit draußen in der Prärie, unsere Handys funktionierten nicht mehr. Einer meiner Begleiter hatte zufällig ein Paar historische Duellierpistolen bei sich. Damit haben wir die Sache erledigt."

Annie Proulx scheint kurz dem Bild nachzublicken, das sie eben in grimmen Sätzen skizziert hat. Das Hochland von Wyoming; vier Menschen im harten Wind; ein Schuss, dessen Hall irgendwo an den Hängen der Rocky Mountains erstirbt. "Später erzählte mir ein Bekannter, dass er mal ein Kitz angefahren hatte. Und auch kein Gewehr dabei." Annie Proulx beugt sich über den Tisch. "Er hat das Junge erwürgt. Mit seinen eigenen Händen. Und er hat geweint und gebetet und geflucht, bis das Zucken unter seinem Griff vorüber war." Sie lehnt sich zurück. Ihre grünen Augen glitzern wie die einer gereizten Katze. "Noch Apfelkuchen?"

Es ist ein eisiger Februartag in Wyoming, dem am dünnsten besiedelten Staat der USA. Ums Haus der Schriftstellerin - nahe einem Hundertseelenkaff am Fuß verschneiter Berge - zittert aschgraues Birkengeäst. Ein paar Elstern kreischen. Der Himmel ist so klar und hoch und einsam wie nirgendwo sonst in Amerika. Vor dem Haus steht ihr wuchtiger Truck, "Rammbock" nennt sich das Modell. Man könnte Elefanten damit umfahren, ganz zu schweigen von Antilopen. Auf dem Nummernschild ein Bild vom berühmtesten Bewohner dieses Bundesstaats: ein Cowboy, hoch zu Ross.

Wyoming ist Weideland, Westernland, Männerland. Der Glaube an den echten Kerl ist hier lebendiger noch als in Texas, weil die Gegend dem Mythos so wenig Stahl und Beton und Zivilisation entgegensetzt. Und weil die Leute aus Wyoming sich gern so schweigsam und tough geben, als kauten sie gerade an ihrer Satteltasche. Annie Proulx hat in ihren Büchern diesem Leben zwischen Armut und amerikanischem Traum ein kauziges Denkmal gesetzt. Und ist jetzt doch dafür verantwortlich, dass der Cowboy in einer tiefen Identitätskrise steckt - und derzeit weniger an John Wayne gemahnt denn an Tinky Winky.

"Brokeback Mountain", eine Erzählung, die Annie Proulx vor neun Jahren veröffentlicht hat und die, wie man mittlerweile von Wyoming bis Wuppertal weiß, verfilmt und für acht Oscars vorgeschlagen worden ist - "Brokeback Mountain" also hat in der Neuen Welt ungeahnte Turbulenzen ausgelöst. Dabei ist die Prosa eher kompliziert, der Film keinesfalls ein Actionreißer und der Titelberg nicht mal existent.

Die Geschichte handelt von zwei jungen Ranch-Helfern, die Anfang der 60er Jahre einen Job als Schafhirten in der einsamen Bergwelt annehmen. Sie frieren vor sich hin, kochen abends am Lagerfeuer Bohnen, trinken Whiskey und kommen sich, zur großen Erleichterung der Schafe, eines Nachts auch körperlich nahe. Die erste Sexszene ist rau und überraschend; die folgende Liebe der beiden störrisch und heimlich und verzweifelt. Am Ende ist der eine tot, und der andere weiß, dass er eine Ahnung von Glück in seinem Leben nur empfand in jenem Winter auf dem Brokeback Mountain. Die Liebe, sie richtet sich nicht nach Cowboy-Mythen und Biedermann-Fantasien; die Liebe ist, wie sie ist.

So weit, so tragisch. Annie Proulx - Pulitzer-Preisträgerin für ihren gleichfalls von Hollywood verfilmten Roman "Schiffsmeldungen" - erhält immer noch bewegende Briefe von Männern, die wie die beiden Helden ihre homosexuelle Liebe den Konventionen einer Macho-Gesellschaft opfern. "Mindestens 30 muss ich allein dieses Wochenende beantworten", sagt sie. Das macht sie gern. Lieber noch vergräbt sie sich in Forschungsarbeiten über eine Wüstenregion in Wyoming, über die sie gerade ein Sachbuch schreibt. Und am allerliebsten würde sie lesen - ihr Haus ist vom Keller bis unters Dach vollgestopft mit Büchern, von Anleitungen zum Bau eines Tipis über Wälzer zur Geschichte der Eisenbahn bis hin zu klassischen deutschen Erzählungen.

Annie Proulx' Atem geht

nach der kleinen Führung, treppauf, treppab, ein wenig schwerer. Sie ist 70 Jahre alt, sieht gut zehn Jahre jünger aus, eine kompakte Person, deren mütterlich mächtiger Busen die Schärfe ihrer Blicke und Kommentare nicht mildern kann. Dreimal war sie verheiratet, vier Kinder hat sie geboren, aber die einzige Bemerkung, die sie zu ihrem Privatleben hinwirft, lautet: "Ich bin nicht gerade der Hausfrauentyp." Sie kann Kanu fahren und Spuren lesen, schießen sowieso - in der Diele liegt eine geöffnete Packung Patronen -, und ehe sie mit 56 Jahren exzellent zu schreiben begann, lernte sie bei Profis exzellent zu kochen.

Abkömmling französischer Einwanderer von der Loire (daher spricht sich ihr Name "Pru"), geboren als älteste von fünf Töchtern eines Baumwollwebers in Neuengland. Nach eigenen, spärlichen Aussagen ein "wildes Mädchen", trotzdem mit 20 unter der Haube. Sperrig im Wesen, eigensinnig, egoistisch; als Mutter überzeugt davon, dass zu viel Einmischen nur schadet. Sie fängt an zu schreiben, weil sie es liebt. Schlägt mit ihren harten, präzisen Sätzen Bilder aus der amerikanischen Sprache, dass der Literaturbetrieb ihr beinahe erschrocken eine Auszeichnung nach der nächsten andient. Dennoch: Keine stürmisch beklatschte Lesung, kein noch so begehrter Autorenpreis konnte Annie Proulx mit ihrem Widerwillen gegen alles, was sie von ihrem Schreibpult abhält, darauf vorbereiten, plötzlich ins Rad der amerikanischen Pop-Maschinerie zu geraten.

Ihre unglücklichen Lover, Jack und Ennis genannt, sind seit dem US-Filmstart im Dezember die meistzitierten, meistparodierten Kinohelden dieses Winters. "Schwule Cowboys", witzelte die Tageszeitung "USA Today" in Anspielung auf den letzten Kino-Überraschungserfolg, "sind die neuen Pinguine!" Das "Brokeback Mountain"-Filmplakat, auf dem die Schauspieler Heath Ledger und Jake Gyllenhaal unter breiten Hutkrempen traurig-schmale Schnuten ziehen, dient Cartoonisten als Vorlage fürs Ironisieren aller möglichen seltsamen Paare, angefangen mit Bush und Cheney. Zwei Männer, zwei Cowboyhüte, mehr braucht es derzeit nicht, um die ganze Nation zum Lachen zu bringen. Gerade weil der taiwanesische Regisseur Ang Lee seinen "Western" so bedächtig, so gefühlvoll inszeniert hat und seine Helden nicht eine Sekunde der Lächerlichkeit preisgibt, wird nun kräftig am Politisch-Unkorrekten geschubbert. Der Film ist gut, also dürfen die Witze ruhig ein bisschen schlecht sein, tut ja niemandem weh. Und außerdem: Lagen die Jungs früher in den Western nicht schon immer arg dicht beieinander ums Lagerfeuer, Indianerattacke hin oder her? Selbst die Country-Ikone Willie Nelson konnte nicht umhin, jetzt einen Song zu veröffentlichen, in dem "Cowboys häufig und heimlich Gefühle füreinander haben". Textprobe: "In jedem Cowboy steckt eine Lady, die heraus will."

Der Late-Night-Talker David Letterman gab in seiner Show Anhaltspunkte, "woran Sie erkennen, dass Sie ein schwuler Cowboy sind: Ihr Sattel ist von Versace". Sein Kollege Jay Leno witzelte, dass Elton John samt angetrautem Gatten die Flitterwochen auf dem "Brokeback Mountain" verbrächte. Im Internet kursieren Filmchen mit Titeln wie "Top Gun 2: Brokeback Squadron" oder "Brokeback to the Future", wo die jeweiligen Helden sich in homoerotische Abenteuer stürzen.

Der Name des Bergs, von Annie Proulx in den Big Horn Mountains von Nord-Wyoming angesiedelt, aber vor der Kamera von kanadischen Gipfeln gedoubelt, sickert derweil in den amerikanischen Sprachgebrauch. Sagt in einer Karikatur ein Junge zu seinem Opa, der eine zierliche Herrenhandtasche trägt: "Hm, sieht ziemlich "brokeback' aus ..." Und T-Shirts ziert längst der vielzitierte Ausruf des traurigen Jack (Gyllenhaal): "I wish I knew how to quit you!" - Wenn ich nur wüsste, wie ich dich verlassen kann.

Die amerikanische Rechte rügte indes wie stets, dass Hollywood Familienideale unterwandere. "Die Homosexualisierung Amerikas" fände da gerade statt, wetterte eine Radiomoderatorin, als löste der Film eine Art Vögelgrippe aus.

Weder zu den Vorwürfen noch den Witzen mag Annie Proulx etwas einfallen. "Nur ein Film", sagt sie seufzend, "kann das alles anrichten. Plötzlich bin ich berühmt. Ich könnte bis ans Ende meiner Tage jeden Abend mit jemand anderem ausgehen. Jeden Tag rufen Journalisten aus aller Welt an, die mit mir reden wollen. Ich soll reisen, lesen, auftreten, sprechen. Ich sage nur noch nein. Mein Lieblingswort. Nein."

Sie baut gerade ein Haus

unweit ihres jetzigen, das nur "aus einer Küche und Platz für Bücher" besteht, wie sie brummt. Ihr nächster Roman wird sie nach Neuseeland führen, weg aus der Stille Wyomings.

Glaubt sie, dass der Erfolg von "Brokeback Mountain" an dieser Stille etwas ändert? Dass Homosexuelle - Cowboys oder Cowgirls - es eher wagen, sich zu ihren Neigungen zu bekennen? Und nicht, wie Ennis und Jack, quälerische Fassaden aufrechterhalten? Sie antwortet mit ihrem Lieblingswort. Es braucht viel mehr als ein Buch, einen Film, ein Zeitgeist-Phänomen.

Ein Jahr nachdem damals ihre Short Story erschienen war, wurde im 27 Meilen entfernten Städtchen Laramie ein 21-jähriger Student von zwei Männern mit dem Knauf einer Magnum-Pistole zusammengeschlagen und über Nacht mit seinen eigenen Schnürsenkeln in beißender Kälte an einem Zaun festgebunden. Sechs Tage später, am 12. Oktober 1998, erlag er in einem Krankenhaus seinen Verletzungen. Matthew Shepard war homosexuell, das "hate crime" an dem jungen Mann machte weltweit Schlagzeilen. Kurz vor seinem Tod hatte Shepard seiner Mutter "Brokeback Mountain" zu lesen gegeben.

Annie Proulx sollte beim Prozess als Geschworene in der Jury sitzen. "Ich konnte nicht", sagt sie. Weil ihr das Verbrechen zu nahe ging? "Eine Lesereise", erwidert sie schroff. Es klingt trotzdem, als wäre sie dankbar gewesen.

Wie kann sie es lieben, dieses Wyoming, das so weit ist und so erstickend eng?

"Weil es ist, wie es ist", sagt Annie Proulx.

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