Ich, ich, ich! Bohlen, Becker, Raddatz, Naddel - es war das Jahr der Enthüllungen, Entblödungen und Entblößungen, der einstweiligen Verfügungen und verbotenen Texte.

Als "Spiegelungen" sieht Fritz J. Raddatz seine Erinnerungen, in denen er wie ein Bohlen für höhere Stände austeilt gegen Feinde, Freunde und sich selbst© Karin Rocholl
Er trifft den schönen Rudolf in einer Schwulenbar. Er verbringt die Nacht mit ihm in dessen Luxussuite zwischen Orchideenkörben und Obstschalen. Vorm Akt gibt's teuersten Champagner, was denn sonst. Erst am Morgen dämmert es Fritz J. Raddatz, an wem er sich da wie an einer köstlichen Speise delektiert hat: Es war, so schreibt er, Rudolf Nurejew, der russische Jahrhunderttänzer.
Also, Daliah hat er ja schon immer irgendwie megatoll gefunden. Und eines Tages nimmt die ihn mit ins Hamburger "Atlantik" in ihre Suite. Sie ist die erste Frau in seinem Leben, die falsche Dinger hatte. Hier kann der kleine Dieter noch mal richtig was lernen. Denn die absolute Fachkraft, schreibt Bohlen, ist die Sängerin Daliah Lavi.
Harald sitzt nur noch mit diesem leeren Blick da. Eines Nachts hat er sich in Panik durchs Zimmer gekämpft, hat die Gardinenstange runtergerissen, den Sessel umgeworfen und liegt nun hilflos am Boden. Nein, er will nicht zurück ins Bett. Da schläft schon Hildegard Knef, fantasiert er. Und eines Tages findet seine Frau ihn im Bad, wo er versucht, sein Spiegelbild zu rasieren. Es ist der demenzkranke Harald Juhnke, der große Entertainer a. D.
Es war der grosse Auftritt von Verführern und Partyhühnern, Unruhestiftern und Fetenludern, von verfolgten Verfolgern, entschlüsselten Dichtern und Zeitgeistrülpsern. Sie schrieben ungelogen hinter den Kulissen nichts als die Wahrheit, in guten wie in schlechten Tagen.
Big Business auf dem Boulevard der Beichten. Und alle haben in der Windstille der Depression verdient. Die Autoren, die Ghostwriter, die Verleger, die Medien. Und die biografischen Teletubbies von Blubb zu Bohlen verstopften über Monate die Bestsellerlisten, bis kein kluger Kopf mehr hoch kam. So gab es denn auch keinen Platz an der Sonne für den "Unruhestifter" Fritz J. Raddatz. Trotz Hurra und Händeklatschen. Gekränkt? Nein, sagt er, und zündet sich zum Tee die erste Zigarette an. Diese Leute spielen ja in einer ganz anderen Liga. Aber Klatsch und Tratsch gibt es seit Ödipus, ist legitim, hat nur gar nichts mit einem Zeitdokument zu tun oder mit Spiegelungen wie in meinen Buch. Doch wir leben nun mal in einer verkicherten Gesellschaft, sagt Raddatz, und werden irgendwie alle vom Grinszwang in Geiselhaft genommen.
Aber er selbst teilt in seiner Autobiografie auch ganz schön aus, obwohl er die eigene Diskretion als geradzu panisch preist. Macht die Toten klein, damit er Platz hat, der Raddatz. Schreibt, dass Verleger Gerd Bucerius am Ende seines Lebens war, was man im Volksmund "total gaga" nennt. Lässt ein Bürschlein über den lallenden, ewig betrunkenen Augstein und dessen alkoholisierte Illoyalität erzählen. Schreibt, wie bösartig-voyeuristisch der schwule, gerade verstorbene Freund und Schriftsteller Hubert Fichte über ihn, Raddatz, und dessen Schwanzgröße geschrieben hat. Und erzählt vom stern-Chef Henri Nannen, diesem alternden Elefanten mit Hörgerät und nassgekämmtem Weißhaar, der ihm haarklein den Todeskampf seines Nachfolgers Peter Koch geschildert habe.
Indiskret? Nein, indiskret findet Raddatz das nicht. Was glauben Sie wohl, sagt er, was ich über fast jeden in meinem Buch an Intimitäten hätte schreiben können - ob Ledig-Rowohlt oder Augstein oder Bucerius - wenn ich nicht das Prinzip Diskretion hätte walten lassen.
Wer schreibt, beutet sein Leben aus. Es geht nicht anders. Vor allem, wenn er Romane schreibt. Und je intimer es zugeht, sagt der Autor Joseph von Westfalen, desto größer die Gefahr des Flurschadens. Also: Berufe ändern, Hobbys, Haare, Herkunft, Alter, Aussehen.
Es hilft nicht immer. Als 1913 Marcel Prousts Roman "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" erscheint, schreibt Laure Haymann einen bitterbösen Brief an den Decadent. Er sei ein Scheusal! Sie habe sich in seiner Odette de Crécy wiedererkannt, dieser Kokotten, die es mit jedem treibt. Und der schwer beunruhigte Monsieur Proust antwortet der chère Madame, die einmal die Geliebte seines Onkels war: Sie sind das Gegenteil von ihr, nämlich reich, geschmackvoll und intelligent. Und überhaupt: Keine seiner Figuren sei erfundener als gerade diese Odette.
Da fragt Prousts kluge Haushälterin den Meister, ob Laure Haymann denn tatsächlich so Unrecht habe? Und er antwortet bekümmert: Jedenfalls will ich nicht, dass sie es glaubt. Und er besucht die gekränkte Dame - die natürlich seine Odette ist - und erklärt und erzählt und beruhigt sie am Ende und sagt dann vergnügt zu Hause: Jetzt ist sie überzeugt, dass sie in meinem Buch überhaupt nicht vorkommt.
Kommt denn Martin Walser in Martina Zöllners Roman "Bleibtreu" vor? Also das ist natürlich ein Fressen fürs Feuilleton: Der Erstling einer Fernsehjournalistin wird als Schlüsselroman enttarnt; Antonia Armbruster, Fernsehjournalistin, verfällt dem Großschriftsteller und Philosophen Christian Bleibtreu. Er ist älter als ihr Vater und hat geheiratet, als sie geboren wurde. Sieht doch schon ganz nach richtigem Leben aus. Und im richtigen Leben hat Martina Zöllner einen preisgekrönten Film zu Walsers 70. gedreht. Na bitte. Und nun also der Meister und Martina.
Das reicht, um herauszulesen, was man rauslesen will aus dieser Affäre zwischen Flügen, Zügen, Handy, Mailbox und Sex in Hotelzimmern, in denen das Drama von Liebe, Lust und Leidenschaft in Eifersucht und Hasstiraden explodiert. In Zeiten der Schandmaulliteratur rutscht dabei die Begabung der Autorin ins Abseits. Ja, ja, schreiben kann sie, aber alle wollen nur noch wissen: Hatten der Alte und das Mädchen was miteinander? Und das enttäuscht Martina Zöllner zutiefst, weil ihr Buch, an dem sie fünf Jahre gearbeitet hat, nun, wie sie sagt, zum Gesellschaftsspiel dieser Biller-Bohlen-Saison wird und die Literatur dabei zur Oberflächenkosmetik der Wirklichkeit absackt. Und sie hat keine Lust, mehr dazu zu sagen. Die Entschlüsselung von Bleibtreu in der Zeitschrift "Literaturen" hält Martin Walser schlicht für einen Auftrag von Sigrid Löffler, der Chefin des Blattes. Das Buch hat ihm gut gefallen. Alles andere ist der reine Blödsinn, und die Autorin tut ihm richtig Leid.
Bücher zum Thema Fritz J. Raddatz: "Unruhestifter, Erinnerungen", Propyläen, 494 Seiten, 24 Euro
Martina Zöllner: "Bleibtreu", Dumont, 374 Seiten, 19,90 Euro