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Mein Sommer mit dem Mommy-Porn

Wenn im Urlaub die Bücher ausgehen, greift auch ein Mann einmal zum Frauen-Erotik-Besteller des Jahres und findet ihn zwar nicht sexy, aber sonst gar nicht übel.

Eine Selbsterkundung von Gernot Kramper

  Das amerikanische Buchcover zeigt Handschellen, die deutsche Ausgabe belässt es bei Blümchen

Das amerikanische Buchcover zeigt Handschellen, die deutsche Ausgabe belässt es bei Blümchen

Wie kommt ein Mann dazu, den Erotik-Schmöker der Saison zu lesen? Ganz einfach, im Urlaub sind die Surf-Romane ausgegangen. Im Ferienhaus fand ich nur noch einen vergilbten Louis Trenker. "Berge in Flammen" - Bestellkarte von 1934 mit den besten Empfehlungen für den nationalen Buchfreund inklusive und unterzeichnet mit "Heil Hitler".

Also griff ich in den Stapel der Gattin und tauchte dann in die SM-Welt von E.L. James ein. Und ja, "Shades of Grey" ist wirklich ein Frauenbuch. Das erkennt ein Mann schon daran, dass er sich bis auf Seite 100 vorkämpfen muss, bevor das Paar zum ersten Mal auf Tuchfühlung geht. Erotik für Herren kommt wesentlich schneller zur Sache. Und wird dann auch deutlicher. Für den hormongeplagten Erotomanen ist das Buch nichts und sicher auch nicht für den Liebhaber avancierter Erzählkunst.

Die Rezeptur eines Bestsellers

Dafür verstört das Buch auch nicht so wie die von der Kritik gelobten Bekenntnisse in "Das sexuelle Leben der Catherine M.", in dem die Französin Catherine Millet ihre Ausschweifungen im Stil eines Excelsheets herunterhaspelt. "Shades of Grey" ist schnörkellos runtergeschrieben und nervt die Leserin nicht mit erzählerischen Experimenten oder mit komplizierter Wortwahl. Genau richtig, wenn Seite um Seite verschlungen werden soll. Beim Lesen merkt man schnell, das ist ein bis ins Kleinste kalkulierter Bestseller. Die Story basiert auf einem Archetyp der Frauenliteratur: Junges, blühendes Wesen trifft auf einen dunklen Lord mit finsteren Geheimnis - und sie kuriert ihn mit ihrer Liebe. Nur diesmal ist es kein Graf oder Vampir - es ist ein Jungunternehmer mit Folterkeller im Appartement.

So ein Rezept wird im Feuilleton kritisert, aber Leserinnen lieben es. Wir Männer sind übrigens auch nicht viel besser, unser Agententhriller basiert auf einem vergleichbar simplen Strickmuster. E.L. James nutzt beherzt alle Zutaten, die sich Leserinnen wünschen: Christian Grey sieht natürlich blendend aus, ist kultiviert, sportlich und stinke-reich. Und übrigens auch ziemlich jung. Der alte Knacker und Sugar-Daddy hat offenbar ausgedient. Und natürlich überschüttet Grey seine Geliebte mit Geschenken, auch ein Auto aus deutscher Produktion ist dabei.

Geschliffene Dialoge und kleine Witze

Darf man sich da als Mann beschweren? Natürlich nicht, bei James Bond werden auch nicht die Schüsse im Magazin mitgezählt. Als Mann stellt man nur irgendwann irritiert fest, dass man auch nach intensivem Grübeln keine Vorstellung erhält, wie der fabelhafte Mr. Grey nun tatsächlich aussieht. Clever, hier lässt die Autorin Projektionsraum, damit jede Leserin ihren Mr. Perfect anschmachten kann. Nun ja, da konnte ich dann doch nicht mitträumen - vermutlich ein Grund, warum sich kein Suchtfaktor beim Lesen einstellen wollte. Ich muss gestehen, zwischendrin habe ich es auch noch mal mit dem Trenker probiert.

Dabei gibt es in diesem Besteller echte Perlen zu entdecken. Die geschliffenen Dialoge und das pointiert formulierte Kräftemessen des ungleichen Paares via E-Mail machen intellektuell Spaß am Lesen. Hier zeigt sich eben auch, dass die Heldin sich sexuell als Sub unterwirft, aber sonst keineswegs ein naives Hascherl ist, und durchaus clever und selbstbewusst vorgeht.

Zum Glück kein harter Porno

Und die SM-Erotik? Ein Geheimnis des Erfolgs ist, dass die harte Seite von Sado-Maso zwar irgendwie im "Room of Pain" von Christian Grey lauert, aber nie wirklich von der Kette gelassen wird. Die deftigste und am häufigsten zitierte Sexszene des ersten Bandes ist übrigens "nur" eine Traumsequenz. In meinen ausgelesen Surfromanen von Kem Nunn gab es - ehrlich gesagt - dirty porn von anderem Kaliber. Die entschärfte SM-Welt von "Shades of Grey" ist auch gut so, denn an ausgiebigen Schilderungen von simulierten Erstickungen, Nadelspielen oder Vernähungen am lebenden Objekt labt sich nur eine kleine radikale Minderheit. So bleibt das ganze hübsch im Rahmen von Klapsen auf den Popo mit dezenten Fesselsets. Etwa so, als hätte man als Normalo das Überraschungspaket vom Erotikversender bestellt und tastet sich jetzt vorsichtig in die Bedienungsanleitung hinein. Und im Grunde ist das Fehlen von echten Quälereien auch psychologisch stimmig, denn die Obsession des "Dom" Grey ist Kontrolle und nicht Brutalität.

Dennoch ist der Schmöker nicht ohne erotische Potenz. Auch wenn die Heldin, Miss Steele, keinen Sinn für Peitschen-Exzesse aufbringt und ihren Dom mit jedem Kapitel etwas tiefer ins romantische "Hearts and Flowers"-Spiel verstrickt, ist Anastasia Steele doch alles andere als keusch veranlagt.

Zwar gerät sie dem Dunkelmann noch als Jungfrau in die Fänge, doch schnell erwacht ein unstillbarer erotischer Appetit in ihr. Und hier sieht der männliche Leser, wie sehr sich der klassische Frauenroman seit den Tagen von Nachtschwester Ingeborg verändert hat. Miss Steele ist eine große erotische Genießerin, hört lustvoll auf ihre innere Göttin und wird dabei von keinerlei schlechtem Gewissen oder Orgasmus-Schwierigkeiten geplagt. Und ihr Mr. Grey ist eigentlich ein perfekter Liebhaber. Einmal abgesehen von seinen SM-Marotten kann er sich stundenlang dem Körper und der Lust seiner Elevin widmen. Eine Hingabe, die viele der Leserinnen vermutlich im eigenen Ehebett vermissen. Das ist zumindest eine Botschaft, die der Mommy-Porn dem männlichen Leser mit auf den Weg gibt.

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