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Raubein Schimanski gibt sich sensibel

Journalisten nerven ihn, sein Privatleben ist tabu - so kennt man Götz George. In einer Biografie bricht er jetzt sein Schweigen. Und huldigt auch seinem Vater Heinrich, der in die Propagandamaschine des Dritten Reichs eingebunden war - eine kritische Auseinandersetzung sieht allerdings anders aus.

Von Gerda-Marie Schönfeld

Unverschämt gut sieht er aus. Im Juli wird er siebzig, doch sein Outfit ist und bleibt wie zu besten Schimanski-Zeiten: Jacke im Parka-Stil, Jeanshose - Götz George. Im Berliner Kulturkaufhaus Dussmann stellte er nun seine Lebensgeschichte vor, verfasst von dem Journalisten Torsten Körner. Es ist eine autorisierte Biografie, und insofern erfahren wir vor allem eins: Wie unglaublich sensibel, sensibel und noch mal sensibel unser Raubein Schimanski ist.

Der Biograf ist seinem Helden sehr wohlgesonnen, es gibt ja auch keinen Grund, dies nicht zu sein. Und dennoch ist so eine ewige Lobhudelei auf Dauer ermüdend. Zudem wissen wir alle, dass es aus dem Leben des Filmstars Götz George nicht Sensationelles zu berichten gibt. Keine Drogen, kein Knast, keine Skandale.

Es gab eine frühe Ehe mit der Schauspielerin Loni von Friedl, es gibt eine erwachsene Tochter namens Tanja. Die späteren Frauen, sofern man von ihnen weiß, waren erheblich jünger als er. Die derzeitige Lebensgefährtin heißt Marika Ulrich. Man darf vermuten, dass er ein unangenehmer Haustyrann sein kann. Seine Mutter Berta Drews nannte ihn Putzi. Alles ganz normal.

Als Schauspieler war Götz George immer ein Besessener, als Schauspielschüler ein unangenehm fleißiger Bub. Mit elf Jahren stand er zum ersten Mal auf der Bühne. Seit Jahrzehnten ist er erfolgreich und absolut humorlos, eitel und aufbrausend, wenn es um Kritik an seiner Arbeit geht. "Ich bin Klassenbester in der heutigen Zeit", sagt George bescheiden. Auch das ist normal für einen Schauspieler. Journalisten sind für ihn üble Gesellen, die es zu meiden gilt, es sei denn, man braucht sie, um einen Film oder ein Buch vorzustellen.

Von der Presse verschmäht und aus dem Land getrieben

Als es im Jahre 1997 eine unerfreuliche öffentlich ausgetragene Trennung zwischen Götz George und seiner langjährigen Freundin Gabi Pauler gab, verklagte George alle möglichen Blätter ob ihrer unzulässigen Berichterstattung und behauptet bis heute, er habe alle Prozesse gewonnen. Stimmt nicht. Gegen den stern hat er verloren. Seither fühlt er sich von der deutschen Presse geschmäht, verkannt und aus dem Land getrieben, und flüchtete ins "Exil" nach Sardinien.

Dabei liebten sie doch alle ihren Schimanksi. Auch die, die ihn beschimpft haben. Götz George war in der Rolle des Kommissars der erste festangestellte Polizeibeamte, der im Fernsehen ständig Scheiße sagen durfte. Dazu hechtete er unentwegt über Autodächer, auch wenn nebenan die Ampel grün war. Erfreulicherweise hat diese Serie seine Finanzen saniert. Viel Lob heimste er ein als großartiger Schauspieler in "Schtonk", der Satire über die gefälschten Hitler-Tagebücher des stern, in der Komödie "Rossini", als KZ-Arzt Mengele, als Auschwitz-Kommandant Rudolf Höss oder als Serienmörder Hamann. Ein rundum geglücktes Leben also.

Was fehlt? Der Vater. Schon lange plant Götz George gemeinsam mit seinem Freund, dem Regisseur Nico Hofmann, das Leben seines Vater zu verfilmen. Seine Eltern Heinrich George (1893-1946) und Berta Drews (1901-1987) waren beide begnadete Schauspieler, die das Glück hatten, in den zwanziger Jahren an so legendäre Regisseure wie Max Reinhardt zu geraten, und die das Unglück hatten, sich in den dreißiger Jahren mit den Nationalsozialisten einzulassen, was beider Karrieren und Privilegien erheblich befördert hat: Heinrich George wurde 1938 Intendant des Berliner Schillertheaters und hätte damit eigentlich ausgelastet sein sollen.

Heinrich George: Paradeschauspieler der Nazis

War er aber offensichtlich nicht. Denn er ließ sich anheuern als Paradeschauspieler der Nazis in NS-Propaganda-Filmen wie "Hitlerjunge Quex", "Kolberg" und vor allem "Jud Süß", einer üblen Judenhetze, wo ein arischer Herzog (Heinrich George) Opfer eines gierigen, schleimigen, moralisch verkommenen Juden wird, der natürlich auch arische Frauen vergewaltigt. Der Film traf den Nerv der Zeit und war nach der Berliner Premiere im September 1940 ein Kassenknüller mit 19 Millionen Zuschauern.

Das NS-Regime benutzte "Jud Süß" und andere antisemitische Propaganda-Filme als Einstimmung der deutschen Bevölkerung auf Deportation und künftigen Massenmord an den Juden. "Jud Süß" war Pflichtprogramm der SS vor den "Judenaktionen" im Osten. Ein Jahr nach der Berliner Premiere wurde das Vernichtungslager Auschwitz errichtet. Ob Heinrich George und seine Mitspieler diese Zusammenhänge auch nur ahnten, weiß man nicht.

Nach dem Krieg, im Sommer 1945, wurde Heinrich George als einer der prominentesten Künstler des Dritten Reiches von der sowjetischen Militärregierung im ehemaligen KZ Sachsenhausen interniert. Er starb nach einer Blinddarmoperation im Lazarett des Lagers. Götz George war damals acht Jahre alt. Nach der Wende fahndeten die Söhne Götz und Jan nach dem verschollenen Grab im Osten und gaben eine Blutprobe ab, worauf die Gebeine des Vaters identifiziert wurden. Heinrich George hat seit 1994 ein Ehrengrab des Berliner Senats in Zehlendorf.

Der Sohn verehrt seinen Vater, den er kaum kennenlernen durfte, zutiefst, bis heute. "Ich bin stolz auf den Vater, was der geleistet hat", sagt George und kämpft um dessen Rehabilitierung. Also erlaubt er sich öffentlich keine Kritik am politischen Mitläufertum seiner prominenten Eltern. Und natürlich auch nicht an seinen frühen Lehrern, zum Beispiel dem Theaterintendanten Heinz Hilpert (1890-1967), der den jungen Götz 1959 auf die Bühne brachte. Dieses Schweigen war übrigens üblich in den fünfziger Jahren.

Diese Informationen hätten auch Schimanski-Fans verdient

Warum das allerdings für Götz George heute noch gilt, bleibt ein Rätsel. Ein Beispiel: Im Buch wird in einer kurzen Passage beschrieben, dass Heinz Hilpert, sein Mentor, im Jahre 1934 der Intendanten-Nachfolger von Max Reinhardt am Deutschen Theater in Berlin wurde. Gerade so, als handle es sich um den üblichen Chefwechsel.

Die Infamie besteht hier im Weglassen. Im ganzen Buch von mehr als 400 Seiten kein Wort darüber, dass Max Reinhardt Jude war; dass er den Nazis als "Musterbeispiel für die Verjudung der deutschen Bühnen" galt; dass er erst aus Deutschland und dann aus Österreich vertrieben wurde und 1943 im erzwungenen Exil in New York starb. Dafür aber findet sich im Buch eine lange Eloge auf Heinz Hilpert, "den letzten großen Fürsten des deutschen Theaters". Ohne Zweifel war der Mann ein begabter Regisseur. Ein Kriegsgewinnler war er auch, wie so viele, denen in den Terror-Jahren ab 1933 die Jobs der vertriebenen oder ermordeten Juden zufielen. Diese Information hätten auch Schimanski-Fans verdient.

Bis heute wird Götz George nicht müde zu betonen, er habe den Vater nie politisch, immer nur künstlerisch gesehen. Auf meine Frage, ob man sich denn bei "Jud Süß" im Kino zurücklehnen und nur künstlerisch gucken könne, blafft er sofort zurück, auf solche Fragen würde er Journalisten keine Antwort geben. Fest wie eine Wagenburg steht er zum Vater, der geschützt werden muss vor der vulgären lüsternen Meute da draußen. Es wird Götz George gefallen haben, dass sein Biograf Torsten Körner die Nachkriegskritik an Heinrich George mit der Frage versieht: "War er nicht ein leichtes Opfer, weil er so weithin sichtbar in der Öffentlichkeit des Dritten Reiches stand?" Nein. Heinrich George war ein genialer Schauspieler. Ein Opfer war er nicht.

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