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Sterben allein reicht nicht mehr

Nicht nur Filme werden immer brutaler, auch die neuen Werbeprospekte deutscher Buchverlage überbieten sich gegenseitig mit Quälereien und Gewaltexzessen. Da wird geschändet, da wird ausgeweidet. Was ist los in Deutschlands Verlagen?

Von Kester Schlenz

"Lies doch mal ein gutes Buch!" Kennen wir alle, diesen Satz. Ist uns auch schon mal gegenüber unseren Kindern rausgerutscht. Wenn Sie sich allerdings zur literarischen Erbauung in ein paar Monaten aus dem aktuellen Herbstprogramm des deutschen Buchhandels bedienen wollen, ist ein bisschen Vorsicht angebracht. Denn da geht es neuerdings immer häufiger genau so hart und brutal zur Sache, wie in den Killerspielen und Kino-Gewaltorgien, zu denen man ja so händeringend Alternativen sucht.

Blättern wir doch einmal gemeinsam: Der Lübbe-Verlag präsentiert uns den "Todeskünstler" von Cody McFaden mit den Worten: "Auf dem Bett liegen die Körper von zwei Menschen - geschändet, entstellt, ausgeweidet. Neben ihnen kauert ein Mädchen. Sie hält sich eine Pistole an die Schläfe. Der Todeskünstler hat sie besucht." Der Ehrenwirth-Verlag preist "Die Teufelsbibel" von Richard Dübell so an: "Eine der Frauen bringt sterbend ein Baby zur Welt. Der Prior befiehlt, auch den Säugling zu töten." Silvia Roths "Der Beutegänger" (Hoffman und Campe) lässt Blumen sprechen: "Die Tote wurde schrecklich zugerichtet. In ihrer offenen Bauchhöhle steckte eine Chrysantheme."

"Jahreszahlen auf das Bein geritzt"

Tess Gerritsen, bekannt für härtesten Stoff, wird uns "Blutmale" (Limes) liefern: "Die Leiche der jungen Lori-Ann Tucker wurde für ein Satansritual missbraucht: sie wurde geköpft, ihr rechter Arm und ihre linke Hand abgetrennt." Und auch die Tote in Andreas Franziska Wolffheims "Das Todeskreuz" (Knaur-TB) hat es nicht leicht gehabt: "Die Staatsanwältin Corinna Sittler wird grausam verstümmelt in ihrem Haus in Frankfurt gefunden. Die Haut auf dem Rücken kreuzförmig heraus geschnitten und Jahreszahlen auf das Bein geritzt."

Was ist los in Deutschlands Verlagen? Sterben allein reicht im Krimi-Genre offenbar reicht nicht mehr. Da muss immer häufiger geschändet, gefoltert, zerhackt und ausgeweidet werden. Wir kennen das Phänomen aus dem Kino. Da gucken die Kids mit einer Popcorn-Tüte in der Hand mittlerweile Folter-Filme wie "Saw" oder "Hostel", in denen es eigentlich nur noch darum geht, Menschen möglichst abstoßend ins Jenseits zu befördern. Selbst David Fincher, als Regisseur von "Sieben" und "Fight Club" nicht eben als Weichei bekannt, kann da nur mit dem Kopf schütteln: "Diese neue Vorliebe an Folter ist mir ein Rätsel" sagte er zum stern. "Auf mich wirken diese Filme nicht zu Ende gedacht. In 'Sieben' ging es auch um Erniedrigung, und die Verbrechen darin waren nicht weniger grausam, aber muss man das Detail für Detail durchstehen? Die Dinge, die wir damals nur angedeutet haben, sind plötzlich Hauptpunkt der Geschichte. Ich finde das extrem beunruhigend."

Wie detailliert muss es sein?

Jetzt hat dieser Trend auch den Buchhandel erreicht. Zumindest erwecken die Werbeabteilungen vieler großer Verlage diesen Eindruck. Um hier nicht falsch verstanden zu werden. Es soll nicht der (Selbst-) Zensur das Wort geredet werden. Kunst darf fast alles. Wir wollen auch keine Hanni und Nanni-Thriller. Gerade der Kriminalroman, als literarischer Seismograph für gesellschaftliche Fehlentwicklungen, in dem es mittelbar immer auch um Begriffe wie Schuld, Sühne, Strafe oder Rache geht, müssen die Dinge, also die Taten, die unser Wertegerüst erschüttern, beim Namen nennen. Aber wie genau, wie detailliert muss das sein? Wo wird die Gewalt zum Selbstzweck? Wo ist das Ende der Gewalt-Spirale?

Selbst ein Autor wie Thomas Harris, der uns den ebenso Furcht einflößenden wie faszinierenden Serienkiller Hannibal Lecter geschenkt hat, wirkt heute mit seinem Roman "Schweigen der Lämmer" harmlos, verglichen mit den abartigen Vergewaltigungs- und Mordszenen aus Karin Slaughters Erfolgsroman "Belladonna" oder Tess Gerritsens "Chirurgin", in dem ein Unbekannter nachts in die Wohnungen von allein stehenden Frauen eindringt, sie einem gynäkologischem Eingriff unterzieht und dann tötet. Gemeinsam mit Mo Hayder ("Der Vogelmann") bilden ausgerechnet drei Frauen das zur Zeit härteste Dreigestirn der Brutalo-Szene.

Bücher werden auf den Aspekt des Obszönen reduziert

Aber nicht jeder neue Thriller ist so zynisch und explizit Gewalt versessen. Nach dem Sichten der ersten Druckfahnen übrigens auch nicht alle der oben erwähnten Bücher. Womöglich kann man vielen Autoren gar keinen Vorwurf machen. Auch Hennig Mankell könnte man als reißerischen Brutalo-Autor vermarkten. "Stellen" gibt es in jedem Krimi. Die Frage ist, ob man sich die gezielt heraus sucht, um die Bücher als "hart, härter, am härtesten" zu vermarkten. Und das ist es, was beim Blättern der aktuellen Verlagsprospekte so ärgert: die kalkulierte, marktschreierische Betonung des Brutalen, Abstoßenden, Grausamen. Ist es wirklich nötig, Bücher so auf den Aspekt des Obszönen zu reduzieren? Was ist der nächste Schritt? Slogans wie "Wir killen schlimmer", "Hier werden Menschen noch brutaler ausgeweidet" oder: "Die anderen erschießen, bei uns wird gehäutet!"?

Weniger ist bekanntlich manchmal mehr.

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