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29. August 2007, 12:08 Uhr

Sterben allein reicht nicht mehr

Nicht nur Filme werden immer brutaler, auch die neuen Werbeprospekte deutscher Buchverlage überbieten sich gegenseitig mit Quälereien und Gewaltexzessen. Da wird geschändet, da wird ausgeweidet. Was ist los in Deutschlands Verlagen? Von Kester Schlenz

"Die Leiche der jungen Lori-Ann Tucker wurde für ein Satansritual missbraucht: sie wurde geköpft, ihr rechter Arm und ihre linke Hand abgetrennt."© Limes

"Lies doch mal ein gutes Buch!" Kennen wir alle, diesen Satz. Ist uns auch schon mal gegenüber unseren Kindern rausgerutscht. Wenn Sie sich allerdings zur literarischen Erbauung in ein paar Monaten aus dem aktuellen Herbstprogramm des deutschen Buchhandels bedienen wollen, ist ein bisschen Vorsicht angebracht. Denn da geht es neuerdings immer häufiger genau so hart und brutal zur Sache, wie in den Killerspielen und Kino-Gewaltorgien, zu denen man ja so händeringend Alternativen sucht.

Blättern wir doch einmal gemeinsam: Der Lübbe-Verlag präsentiert uns den "Todeskünstler" von Cody McFaden mit den Worten: "Auf dem Bett liegen die Körper von zwei Menschen - geschändet, entstellt, ausgeweidet. Neben ihnen kauert ein Mädchen. Sie hält sich eine Pistole an die Schläfe. Der Todeskünstler hat sie besucht." Der Ehrenwirth-Verlag preist "Die Teufelsbibel" von Richard Dübell so an: "Eine der Frauen bringt sterbend ein Baby zur Welt. Der Prior befiehlt, auch den Säugling zu töten." Silvia Roths "Der Beutegänger" (Hoffman und Campe) lässt Blumen sprechen: "Die Tote wurde schrecklich zugerichtet. In ihrer offenen Bauchhöhle steckte eine Chrysantheme."

"Jahreszahlen auf das Bein geritzt"

Tess Gerritsen, bekannt für härtesten Stoff, wird uns "Blutmale" (Limes) liefern: "Die Leiche der jungen Lori-Ann Tucker wurde für ein Satansritual missbraucht: sie wurde geköpft, ihr rechter Arm und ihre linke Hand abgetrennt." Und auch die Tote in Andreas Franziska Wolffheims "Das Todeskreuz" (Knaur-TB) hat es nicht leicht gehabt: "Die Staatsanwältin Corinna Sittler wird grausam verstümmelt in ihrem Haus in Frankfurt gefunden. Die Haut auf dem Rücken kreuzförmig heraus geschnitten und Jahreszahlen auf das Bein geritzt."

Was ist los in Deutschlands Verlagen? Sterben allein reicht im Krimi-Genre offenbar reicht nicht mehr. Da muss immer häufiger geschändet, gefoltert, zerhackt und ausgeweidet werden. Wir kennen das Phänomen aus dem Kino. Da gucken die Kids mit einer Popcorn-Tüte in der Hand mittlerweile Folter-Filme wie "Saw" oder "Hostel", in denen es eigentlich nur noch darum geht, Menschen möglichst abstoßend ins Jenseits zu befördern. Selbst David Fincher, als Regisseur von "Sieben" und "Fight Club" nicht eben als Weichei bekannt, kann da nur mit dem Kopf schütteln: "Diese neue Vorliebe an Folter ist mir ein Rätsel" sagte er zum stern. "Auf mich wirken diese Filme nicht zu Ende gedacht. In 'Sieben' ging es auch um Erniedrigung, und die Verbrechen darin waren nicht weniger grausam, aber muss man das Detail für Detail durchstehen? Die Dinge, die wir damals nur angedeutet haben, sind plötzlich Hauptpunkt der Geschichte. Ich finde das extrem beunruhigend."

Wie detailliert muss es sein?

Jetzt hat dieser Trend auch den Buchhandel erreicht. Zumindest erwecken die Werbeabteilungen vieler großer Verlage diesen Eindruck. Um hier nicht falsch verstanden zu werden. Es soll nicht der (Selbst-) Zensur das Wort geredet werden. Kunst darf fast alles. Wir wollen auch keine Hanni und Nanni-Thriller. Gerade der Kriminalroman, als literarischer Seismograph für gesellschaftliche Fehlentwicklungen, in dem es mittelbar immer auch um Begriffe wie Schuld, Sühne, Strafe oder Rache geht, müssen die Dinge, also die Taten, die unser Wertegerüst erschüttern, beim Namen nennen. Aber wie genau, wie detailliert muss das sein? Wo wird die Gewalt zum Selbstzweck? Wo ist das Ende der Gewalt-Spirale?

Selbst ein Autor wie Thomas Harris, der uns den ebenso Furcht einflößenden wie faszinierenden Serienkiller Hannibal Lecter geschenkt hat, wirkt heute mit seinem Roman "Schweigen der Lämmer" harmlos, verglichen mit den abartigen Vergewaltigungs- und Mordszenen aus Karin Slaughters Erfolgsroman "Belladonna" oder Tess Gerritsens "Chirurgin", in dem ein Unbekannter nachts in die Wohnungen von allein stehenden Frauen eindringt, sie einem gynäkologischem Eingriff unterzieht und dann tötet. Gemeinsam mit Mo Hayder ("Der Vogelmann") bilden ausgerechnet drei Frauen das zur Zeit härteste Dreigestirn der Brutalo-Szene.

Bücher werden auf den Aspekt des Obszönen reduziert

Aber nicht jeder neue Thriller ist so zynisch und explizit Gewalt versessen. Nach dem Sichten der ersten Druckfahnen übrigens auch nicht alle der oben erwähnten Bücher. Womöglich kann man vielen Autoren gar keinen Vorwurf machen. Auch Hennig Mankell könnte man als reißerischen Brutalo-Autor vermarkten. "Stellen" gibt es in jedem Krimi. Die Frage ist, ob man sich die gezielt heraus sucht, um die Bücher als "hart, härter, am härtesten" zu vermarkten. Und das ist es, was beim Blättern der aktuellen Verlagsprospekte so ärgert: die kalkulierte, marktschreierische Betonung des Brutalen, Abstoßenden, Grausamen. Ist es wirklich nötig, Bücher so auf den Aspekt des Obszönen zu reduzieren? Was ist der nächste Schritt? Slogans wie "Wir killen schlimmer", "Hier werden Menschen noch brutaler ausgeweidet" oder: "Die anderen erschießen, bei uns wird gehäutet!"?

Weniger ist bekanntlich manchmal mehr.

Von Kester Schlenz
 
 
KOMMENTARE (8 von 8)
 
Freyja79 (30.08.2007, 15:34 Uhr)
Genau!
Sterben alleine ist langweilig, wir brauchen Beiträge wie "aufgeschnitten und ausgeweidet", "Hirnmasse auf dem Frühstücksteller" oder "Der Lebenslauf des Schlächters"...oh, es geht hier ja gar nicht um Stern-Artikel, sondern um Bücher.
Was ist nur los in der Stern-Redaktion?
drachenei (30.08.2007, 14:50 Uhr)
Beknackter Artikel!!!
Ich bin nu 40 Jahre alt, war schon immer ein Bücherwurm und lese trotz des Pc-Zeitalters auch heute noch gern ein gutes Buch.
"Gut" ist natürlich relativ.
Es gab schon immer Brutalität in der Literatur, gerade auch in Historischen Romanen (Felix Dahn- Ein Kampf um Rom). Ich kann hier gar nicht alles aufzählen!
Auch halb-Historische Romane waren schon immer von Gewalt durchzogen.
Wo ist das Problem? Ich lese mir den Buchrücken durch oder besorge mir Kritiken und weiss, was mich erwartet.
(Ken Follet-Die Nadel;Stephen King-Es)
Ich muß es ja nicht kaufen.
Der sensibel-direkt angedeutete Querverweis auf Killerspiele und Kino-Filme läßt mich echt k*t*en!
Wir sind ja wohl alle erwachsen, wer es nicht ist hat diese Sachen nicht zu sehen, spielen oder lesen.
Dafür gibt es Jugendschutz! Für unter 18-Jährige ist es bereits verboten!
Da dies bei Büchern nur eingeschränkt ist, freue ich mich schon jetzt auf die zukünftigen Bücherverbrennungen.
HURRA; hatten wir das nicht schonmal?
Wir werden schon genug bevormundet, solchen Mist wie diesen Artikel und die versteckte Forderung nach Verboten braucht kein Mensch.
@ Autor Kester Schlenz: Schließ Dich ein, verdränge das Leben und die Freiheit wie auch die Fantasie!
Ich bitte um verschonung von solchem Schwachsinn!
Facti (30.08.2007, 14:47 Uhr)
Liegt an der Lust
sich an solchen Dingen aufzugeilen. Wenn die Erkenntnis kommt, daß man das Opfer darstellt, an den diese Phantasien ausgelebt werden, ist es lange zu spät.
Tom3 (30.08.2007, 13:17 Uhr)
Brutal, brutaler, am Brutalsten...
Also ich kann mir gerade in solchen Zeiten nicht erklären, wieso der Bedarf an solch einer Brutalität besteht.
Eigentlich würde ich annehmen, es müsste völlig genügen, sich die benötigte Portion Voyeurismus in der abendlichen Nachrichtensendung abzuholen. Aber der Gegenteil ist der Fall; Filme über Filme mit immer perverseren Fantasien werden gezeigt. Was mich an der Tatsache ängstigt ist , das es wie im Artikel auch erwähnt wurde, eigentlich nur noch um ein möglichst grausames Ende geht. Was früher Splatter bezeichnet wurde, wird uns heute als Horror, Thriller oder Schocker verkauft. Diese Filme deuten nichts mehr an, sondern lasse n im Gegenteil keinen Raum mehr für Fantasie. Man muss doch nicht wissen, ob dem Opfer in einem Film auch noch die Haut abgezogen, der Kopf aufgebohrt oder das Herz rausgerissen wurde. Und wenn doch, reicht es nicht dies nur zu erwähnen, muss man das wirklich sehen? Ich glaube nein. Der Trend geht aber in eine andere Richtung und das macht mir Angst.War früher ein Mord in einem Film schon schlimm genung, zucken wir nicht mal mehr mit der Wimper, wenn heute jemand im Film umgebracht wird.Muss man deshalb so ins Detail gehen???
Kalox (30.08.2007, 09:36 Uhr)
wen wundert's?
wenn die leute heutzutage schon glauben "gelesen" zu haben, wenn sie harry potter geschmökert haben und dies darüber hinaus als anzeichen von intelligenz deuten, braucht man sich hierüber auch nicht mehr zu wundern...
Skarrin (30.08.2007, 09:27 Uhr)
Sterben wie im richtigen Leben
Gerade geht ja die Geschichte von dem Kannibalen in Wien durch die Presse. Wenn das ein Krimiautor so beschrieben hätte, würde die Geschichte bestimmt hier als abschreckendes Beispiel für unnötige Brutalität erwähnt!
Gleiches gilt für den amerikanischen Folteralltag in Guantanamo, Abu Ghraib, Bhagram usw.
Wenn das, was dort real passiert (ist), in einem Roman beschrieben oder gar verfilmt würde, würden wohl beide Werke hier auf dem Index landen. Ganz abgesehen von Darfur, Ruanda, Tschetschenien, ... - die Realität ist so grausam, davon sind die hier genannten AutorInnen noch weit entfernt.
Tischlermeister (30.08.2007, 08:43 Uhr)
Brutalitaet in Krimis
.. was ein blöder kommentar -
der leser wird auf die "brutalität" hingewiesen und wenn jemand den schriftsteller kennt und weiss wie er schreibt - brauch er nicht zu dessen buch greifen, ansonsten weiss er auf was er sich einlässt und gerrittssen ist ehemalige pathologin- dass sie das im buch detailliert beschriebt - ist ja klar...
man oh man
der stern selbst bringt berichte, die nich tunbedingt "der norm" entsprechen - zbsp. "wie liebt man in anderen ländern - da musste auch auf schwänze und titten gucken - oder love sommer 68- wo die behaarte gang ihre g-teile indie kamera hält.. also schön langsam mit den pferden:-)))
(Kommentar meiner Freundin)
Frei_Talk (30.08.2007, 08:30 Uhr)
Übersehen
Guten Morgen
kann es sein das Sie etwas übersehen oder sogar verwechseln? Und zwar das Bücher mittlerweile ein Massenmarkt geworden sind und schon lange nicht mehr den Anpruch erheben können ein Topf voller Philosphie und neuer Gedanken zu sein. Die neuen Bücher bedienen nur noch Bedürfnisse. Schauen sich doch mal um, z.b. in Bahnhofsbuchhandlungen. Kaufen sie 20 Bücher, z.b. Romane aus dem Mittelalter, werfen die Einbände weg und sie haben 20 mal das gleiche Buch gekauft.
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