Wie eine Insel lag Berlin vor der Wiedervereinigung mitten in der DDR, abgeschnitten und nur durch Transitstrecken mit dem Rest von Westdeutschland verbunden. Von außen betrachtet eine absurde Situation. Für die Autorin, die in Berlin geboren und aufgewachsen ist, ein Terrain, in dem sie sich sehr gut auskennt. Wie ein Haltestellenfahrplan lesen sich die 75 Kapitelüberschriften, mit denen Ulrike Sterblich ihren Bildungsroman einteilt: Der Leser reist an die Hand genommen durch die Stadtteile West-Berlins sowie durch eine Kindheit und Jugend. Dabei ist Sterblichs Erinnerungsvermögen so ausgezeichnet, dass man sich an mancher Stelle fragen kann, warum einem selbst die eigene Jugend erst beim Lesen ihrer Worte wieder einfällt.
Es sind nicht nur Namen wie Linie 1, Bierpinsel, Alex und Avus, die noch immer existieren und jeder Berlin-Reisende kennt. Auch Clubs und andere Phänomene der Achtziger- und Neunzigerjahre, manche längst untergegangen, aber noch immer von legendärem Ruf, werden durch Sterblichs Erzählungen kurzzeitig wiederbelebt. Besonders charmant ist dabei die Idee, nach jedem Kapitel die eigene Erinnerung mit nachrecherchierten Fakten gegen den Strich zu bürsten - kenntlich gemacht durch einen Wechsel in der Typo.
Extrem unterhaltsam liest sich auch von der Zeit, als Sterblich raus durfte aus Berlin: ein Jahr Amerika. Hier zeigt sich, dass das Leben hinter Mauern in einer Stadt wie West-Berlin dennoch freier, weltoffener und aufgeklärter war als das prüde und bigotte Dasein auf dem platten amerikanischen Land. Jungs mit Dauerwellen, die Sorge um die Jungfräulichkeit und den Ruf der Mädchen, Riesenportionen Junkfood, wer das als Teenager erlebt hat, kommt befreit zurück in die eingeschlossene Stadt.
Eine sehr kurzweilige Lektüre, die nie an Bücher wie "Generation Golf" erinnert. Susanne Baller
Keine Verlagsszene, kaum bekannte Autoren, die Ureinwohner kennen keine Schriftsprache. Neuseeland ist keine Literatur-Hochburg - und daher als Gastland ein Wagnis für die Frankfurter Buchmesse.