Ein Buch auch über Schrift. Schrift? Typographie. Warum ist ein fett gedrucktes a nicht einfach ein dickeres halbfett gedrucktes a? Weil sich die Proportionen verschieben, weil der kleine Weißraum im Bäuchlein des a zulaufen würde. Weil es so einfach eben nicht ist.
Auch das Leben nicht. Marleen Schuller wächst in den Siebzigern in Neuss auf, in Hörweite der Autobahn, ihr Vater ist Werber in Düsseldorf und macht Kampagnen für o.b. Man ist irgendwie bürgerlich, aber irgendwie auch Avantgarde, Papa geht schließlich nach Poona zu Baghwan und lässt Mama samt vier Kindern zurück. Bis in die frühen Neunziger folgt Ulf Erdmann Ziegler seiner Hauptfigur, die Computer sind klobige Kisten, die auf Rollen hin- und hergeschoben werden.
Marleen studiert Grafikdesign, Schwerpunkt Typographie, und ihr Treiben durchs Leben samt unerwarteter Schwangerschaft spiegelt das Großwerden einer Generation, die alles hat – und dennoch nichts als Leere spürt. Frieden, Wohlstand, Tampons: Warum sich noch Sorgen machen? Produkte überall, die ganze Welt besteht aus Text und Buchstaben. Deren verborgene Mechanik und Weisheit werden Marleens Leidenschaft, deren Poesie ihr Lebenssinn. "Das a ist eine hohle Nuss mit Sonnenschirm", sagt der Mann, den sie liebt (und man versteht, warum). Zieglers Buch entführt in die eigene Geschichte. Wir ahnten, dass wir etwas verloren haben mit der Digitalisierung der Welt. Jetzt wissen wir auch, was. Florian Gless
Keine Verlagsszene, kaum bekannte Autoren, die Ureinwohner kennen keine Schriftsprache. Neuseeland ist keine Literatur-Hochburg - und daher als Gastland ein Wagnis für die Frankfurter Buchmesse.