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18. Juli 2011, 09:49 Uhr

Die Pornos der Hochkultur

Sie arbeiten sich an ihren wehrlosen Angehörigen ab: Tilman Jens' und Arno Geigers Geschichten ihrer demenzkranken Väter sind Bestseller, Katja Thimm versucht es nun mit dem gleichen Thema. Es sind intime Enthüllungen über verwirrte Sonderlinge - respekt- und würdelos. Ein Kommentar von Jochen Siemens

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Würdelose Protokolle des Zerfalls: Autoren verraten ihre dementen Angehörigen© Bernd Settnik/DPA

Die Frau lebt heute nicht mehr. Aber ich habe sie noch einmal gesehen, vor ein paar Jahren. Sie war die Mutter meines besten Freundes, bei ihr in der Küche trank ich als Junge Kakao und im Sommer aßen wir Eis. Dann waren wir keine Jungs mehr und zogen weg. Die Frau wurde krank. Demenz. Sie verlief sich in ihrer eigenen Straße und irgendwann kam sie in ein Heim. Da habe ich sie mit ihrem Sohn einmal besucht. Es war nicht schön und ich werde das nie vergessen, den Geruch, die Geräusche, ihr Nachthemd, das alles.

Aber viel wichtiger ist, ich würde nie auf die Idee kommen auch nur eine Sekunde ein Detail oder einen der Sätze von der einst stolzen und dann kranken Frau zu erzählen. Öffentlich im stern oder woanders. Sie war so wehrlos, sie wusste nicht mehr, was die Welt mit ihr machte, sie schaute mich an wie jemand, der von einem untergehenden Schiff an Land blickt. Sie hätte sich, als sie noch gesund war, so geschämt. So wie alle, die nicht wollen, dass die Welt ihnen beim Zerfallen zuschaut. Respekt, Würde, Anstand, Privatheit – alle diese Säulen des Miteinanders fallen einem ein. So wie wir bei Unfällen Tücher vor die Verletzten halten. Oder unsere Krankenzimmer dicke schalldichte Türen haben. Selbstverständlich. Oder?

Schamlose Einblicke

Die Autorin Katja Thimm hat ein Buch über ihren Vater geschrieben, über seine Kindheit und seine Kriegserlebnisse. "Vatertage", neulich saß sie in einer Talkshow und hat leise davon erzählt. Der Autor Arno Geiger hat einen Bestseller über seinen Vater geschrieben, "Der alte König im Exil", auf dessen Cover man einen weißhaarigen Herren in einem Laubwald sieht. Vor ein paar Jahren schrieb auch Tilman Jens, der Sohn des klugen und seit Jahren erkrankten Walter Jens, ein Buch über seinen Vater, er nannte es "Demenz". Auch der Vater von Katja Thimm und der Vater von Arno Geiger sind demenzkrank. Sie vergessen, sie verirren, sie zerfallen im Kopf. Es tut weh, die Bücher ihrer Kinder darüber zu lesen. Aber nicht die Krankheit tut weh, sondern weil sie, die Väter, solche Bücher nicht verdient haben. Sie sind schamlos geschrieben.

Man friert zu erfahren, dass Katja Thimms Vater es eines Abends nicht mehr aus der Badewanne schaffte und die Zugehfrau ihn am nächsten Morgen schlafend darin fand. Dass er es nicht mehr fertigbrachte, Spaghetti auf eine Gabel zu rollen, nicht mehr eine Flasche Wasser aus einem Kasten zu heben. Es ist ein wortreiches und stellenweise selbstbemitleidendes Protokoll des Zerfalls eines Wehrlosen: "In Berlin wird groß gefeiert, die Freundinnen gehen zu dem Fest, das Kleid hängt seit Wochen im Schrank. Ob ich denn komme, fragen die Freundinnen, und die Krankenschwestern erbitten Hilfe."

Wer die Rangordnung von Nebensächlichkeiten nicht kennt, sollte nicht damit spielen. Und wer einen kranken Vater vor sich hat, sollte überhaupt nicht mit Worten spielen, oder? Und man sollte auch die Temperatur von Sätzen kennen und nicht wie Thimm kühl mitteilen: "Keine invasiven Eingriffe, sagen wir. Antibiotikum ja, auch eine Sauerstoffsonde unter der Nase. Aber keine Beatmung." So reden erschöpfte 18-Stunden-Tag-Ärzte in der Nachtschicht. Aber Töchter über ihren Vater?

Verlust der Scham

Glaubt man den Kultur- und Moralhysterikern, leidet unsere Kultur am Verlust der Scham, am Ausverkauf des Intimen. Die Gesellschaft sei pornografisiert, auf Schulhöfen tauschten Schüler schon Hardcore-Filme auf ihren Handys, dem Trash-Fernsehen sei kein Furz und Silikon-Busen mehr fremd, der Niveau-Limbo gehe immer tiefer. Ja, geht er. Aber interessanterweise ist es eine Einweg-Kultur. Teenager schauen sich Pornos an, fallen aber nicht auf dem Schulhof übereinander her. Am Computer spielen sie Killer-Simulationen in hochauflösender Präzision, aber die Zahl der Amokläufer hält sich in Grenzen. Mit dem Niveau, der Schamschwelle zu spielen, heißt nicht, sie zu vergessen. In der Trash-Kultur.

In der Hochkultur ist das anders. Da wird der Ausverkauf seltsam goutiert, da heißt er "Wahrhaftigkeit", "ehrlich", "ins Herz geschrieben" oder "berührend", wie ein Leser bei Amazon über das Buch von Arno Geiger mitteilt. Nun, "berührend" kann auch eine Ohrfeige sein, und so ein ähnliches Gefühl hat man, wenn man die Seiten Arno Geigers liest. Temperaturlos und gelangweilt - "ich helfe ihm beim Anziehen, damit das Prozedere nicht ewig dauert" - macht er sich über seinen Vater und dessen Krankheit her, und unter dem Vorwand, die Demenz erst langsam zu verstehen, schildert Geiger minutiös und auch prätentiös, wie sein Vater verwirrter und verirrter wird. Irgendwann zitiert er Jacques Derrida mit dem Satz, dass man stets um Vergebung bittet, wenn man schreibt.

Es geht auch anders

Aber Geiger bittet nicht, im Gegenteil, er schreibt weiter. Vom Vater, der die Tiefkühlpizza samt Verpackung in den Ofen schiebt, der eine Gartenmauer einfach mitnehmen will, der immer ans Telefon geht und sofort vergisst, wer angerufen hat. Und von einem Vater, der - brutal gesagt - dem Sohn auf die Nerven geht, besonders in Zeiten als Geiger, wie er schreibt, endlich erfolgreich Bücher verfasste und auf Lesereisen ging. Selbst den Fettnapf seiner Eitelkeit lässt er nicht aus. Ganz nebenbei berichtet er von einem Bonmot seines Vaters, das viel sagt. Ich bin Dichter, sagt der Sohn. Der Vater bohrt sich den Finger in die Nase, "auch ein Finger kann Dichter sein" sagt er, der Vater.

Man muss sich einmal in andere Bücher verlaufen, um zu verstehen wie es anders geht. In Kafkas "Brief an den Vater" oder in Philip Roths "Mein Leben als Sohn". Es sind, verglichen mit Thimm und Geiger, Kathedralen der Einfühlsamkeit, bei Kafka eine Burg der Wut, bei Roth ein Beichtzimmer des Respekts. "Ich werde immer als kleiner Sohn leben, mit dem Gewissen eines kleinen Sohnes, so wie er immer lebendig bleiben wird, nicht nur als mein Vater, sondern als der Vater, der zu Gericht sitzt über alles was immer ich tue." Da schwingt etwas im Herzen, eine Geschichte, eine Liebe.

"Vatertage"

"Vatertage" Von Katja Thimm
S. Fischer

"Demenz. Abschied von meinem Vater"

"Demenz. Abschied von meinem Vater" Von Tilman Jens
Gütersloher Verlagshaus

"Der alte König in seinem Exil"

"Der alte König in seinem Exil" Von Arno Geiger
Hanser

Seite 1: Die Pornos der Hochkultur
Seite 2: Krebs, Demenz, Krieg?
 
 
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