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22. April 2008, 17:10 Uhr

Wer kauft den pinkfarbenen "Porno"?

Charlotte Roches "Feuchtgebiete" hat sich mittlerweile mehr als 450.000 Mal verkauft. Erstmal nur eine Zahl - doch wer gibt Geld aus für ein Buch, das sich mit Masturbation, Selbstverstümmelung und Analverkehr befasst? stern.de hat Buchhändler und den Verlag zum - bald auch internationalen - Erfolg des Buches befragt. Von Ulrike Schäfer

Stolz präsentiert Jungautorin Charlotte Roche ihren Bestseller auf der Leipziger Buchmesse© Jens Schlueter/DDP

Die Mitarbeiterin einer Hamburger Buchhandlung war nicht überrascht, als der ältere Herr sie nach einem Buch namens "Feuchtgebiete" fragte - spontan führte sie ihn in die Abteilung Ökologie. Doch was der Mann suchte, war kein Buch über Sumpflandschaften, sondern das Werk von Schauspielerin und Moderatorin Charlotte Roche. Die Szene ereignete sich kurz vor Erscheinen des Buches. Spätestens seit dem Erstverkaufstag im Februar dürfte wohl jeder Buchhändler der Bundesrepublik Bescheid wissen, um welches Buch es sich handelt, denn "Feuchtgebiete" verkaufte sich von Anfang an wie geschnitten Brot. Mitte April stand das Buch auf Platz eins der Spiegel-Bestsellerliste: 455.000 verkaufte Exemplare zählte Julia Giordano, Sprecherin des Dumont-Verlages. Ein sensationeller Erfolg für Charlotte Roche, die sich mit "Feuchtgebiete" erstmals als Autorin versuchte.

Aber wer kauft eigentlich dieses Buch, das sich mit weiblichen Körperflüssigkeiten, Masturbation, Selbstverstümmelung und Analsex befasst - und das auf eine provokante Weise, die für landesweite Diskussionen sorgt? Der Verlag macht zu den Käufern keine Erhebungen. Lediglich die regionale Verteilung ist nachzuvollziehen, und da gebe es keine ausgeprägten Spitzen, nicht einmal in den Großstädten, berichtet Giordano.

"Ältere Kunden legen das Buch meist schnell wieder weg"

Allein die Buchhändler können also mehr zu der Zielgruppe sagen, denn bei ihnen geht "Feuchtgebiete" jeden Tag stapelweise über den Ladentisch. "Eine große Käufergruppe sind ältere Männer ab 55 Jahren", hat Wolfgang Gierens von der Hamburger Thalia Buchhandlung festgestellt. Bereits am ersten Verkaufstag sei das aufgefallen. Die zweite und weit weniger überraschende Käufergruppe bilden Frauen zwischen 20 und 30 Jahren. "Ältere Frauen fühlen sich dagegen von dem Hype eher abgestoßen. Sie vermissen wohl die Seriosität im Umgang mit einem so intimen Thema", meint Gierens. Das kann auch Natascha Tomeczek von der Buchhandlung Poertgen-Herder in Münster bestätigen: "Ältere Kunden blättern in dem Buch, legen es aber meist schnell wieder weg." Ein Mitarbeiter einer Essener Buchhandlung, der sich nur anonym zu dem Thema äußern möchte, hat beobachtet, dass junge Pärchen gern bei "Feuchtgebiete" zugreifen - vielleicht, um sich das Buch gegenseitig vorzulesen?

Der Internet-Verkauf floriert

Laut Verlagssprecherin Giordano wird das Buch besonders oft über den Internethandel, vor allem Amazon, verkauft. Zwar will Amazon-Sprecherin Christine Höger keine Zahlen herausgeben, verkündet aber stolz, dass mit "Feuchtgebiete" erstmals ein deutsches Buch an der Spitze der internationalen Amazon-Verkaufscharts steht. Das könnte einerseits mit dem Thema des Buches zusammen hängen: Gerade der ein oder andere männliche Kunde müsse beim Kauf von "Feuchtgebiete" wohl eine Hemmschwelle überwinden, meint der Essener Buchhändler. Zudem hatte der Verlag sich einen solchen Verkaufserfolg wohl nicht ausgerechnet: Die erste Auflage betrug gerade mal 30.000 Exemplare - die waren innerhalb weniger Tage ausverkauft. Bis zur nächsten Lieferung orderten viele im Internet. "Das Buch war schnell vergriffen", berichtet Natascha Tomeczek. "Die Kunden sagten dann, bei Amazon gäbe es das noch."

Warum so viele Leute nach "Feuchtgebiete" greifen, darüber können auch die Buchhändler nur spekulieren. "Die Hälfte macht Neugier aus", meint Wolfgang Gierens. Die Autorin habe stark von ihrer Medienpräsenz profitiert und sei bekannt dafür, kein Blatt vor den Mund zu nehmen. Da komme auch Sensationslust ins Spiel. Natascha Tomeczek glaubt, dass das Wort Pornographie, das in fast jeder Buchbesprechung fiel, den Verkauf angekurbelt habe. Hinzu kommt die Aufmachung des Buchcovers in knallpink: "Der Titel sieht verlockend aus", findet Gierens. Allerdings: "Männer werden sich mit so einem rosa Buch kaum öffentlich zeigen."

Das Überschreiten der Ekelgrenze

Je mehr über das Buch diskutiert wird, desto mehr Menschen haben das Gefühl, es lesen zu müssen: Die Zahl der Kundenrezensionen bei Amazon spricht Bände: 382 waren es Anfang dieser Woche. "Das ist überdurchschnittlich", so Sprecherin Höger. Zum Vergleich: Der Zweitplatzierte auf der Amazon-Bestsellerliste, "Die Leber wächst mit ihren Aufgaben" von Eckart von Hirschhausen, bringt es gerade mal auf zehn Rezensionen. Allerdings kommt "Feuchtgebiete" im Kundenurteil nicht besonders gut weg: Nur 2,5 Sterne von 5 wollen die Leser Roches Erstlingswerk zugestehen. Besonders häufig wird das Überschreiten der Ekelgrenze beklagt.

Schon bald wird der Hype um "Feuchtgebiete" über die deutschen Grenzen hinwegschwappen. Der Dumont-Verlag verhandelt bereits über Lizenzverkäufe ins Ausland, wie Giordano verrät. "Die Italiener waren die ersten, die angefragt haben", sagt die Sprecherin. Auch mit Holland und zwei skandinavischen Ländern sei man sich schon einig. Die Verhandlungen mit England und den USA laufen noch. Das "Time Magazine" und der Londoner "Observer" bereiten aber schon Storys über das deutsche Bestseller-Phänomen vor.

Ihre Meinung

Warum haben Sie das Buch gekauft bzw. würden Sie es nicht kaufen?

Diskutieren Sie mit! Bisherige Beiträge (41)
Von Ulrike Schäfer
 
 
KOMMENTARE (10 von 41)
 
ganzbaf (23.04.2008, 12:51 Uhr)
Diese Landebahnrasuren gibt es erst seit...
ca. 10-15 Jahren in der Rigorosität. Da haben Werbung und 90er-Jahre Schicky-Micki voll durchgeschlagen.
.
Aber alles kein Problem: Man muß nur die Werbung verbieten! ;-)
STR_EDDS (23.04.2008, 11:49 Uhr)
Die Aussagen...
...über unrasierte Achseln und wuschige Behaarung nördlich des Nabels, bestätigen irgendwie mein inneres Bild von der typischen Stern-Leserin. ;-) Und jetzt bitte nicht gleich hauen. Seid selbstbewusst!
.
Trotzdem bleibt das Buch ok (Gut wäre nun doch übertrieben) und gibt einen netten Zeitvertrieb ab.
CeeTo (23.04.2008, 11:43 Uhr)
-.-
Naja..ich finde es sehr gut dass Frauen und Männer sich in der heutigen Zeit pflegen.
Ich weiß nicht was daran schlecht sein soll.
hardrain (23.04.2008, 11:39 Uhr)
@danov und Andere:
Der Alltag in der Klinik hält noch ganz andere Verhaltensweisen bereit, da ist diese geschilderte Eigenuntersuchung ganz harmloser Natur. Glauben Sie mir.
danov (23.04.2008, 10:42 Uhr)
Ich hab´s gelesen, und
ich finde es gut! Aber phasenweise regte sich auch ein Ekelgefühl in mir. Ich behaupte: NIEMAND ist seinen eigenen Pickeleiter o.ä. . Und hätte sie an diesen Punkten nicht derart übertrieben, wäre das Buch wirklich sehr gut. Schade, dass Sie an diesen Punkten von Ihrem Eifer überholt wurde. Dennoch finde ich das Buch erfrischend direkt, und ich hatte einen riesenspass, es zu lesen. Gerne wieder, Frau Roche, vielen Dank!
Kiezzabel (23.04.2008, 10:05 Uhr)
und manchmal
wirkt es sich auf foren negativ aus, dass bild.de kein eigenes betreibt, wie man hier an einigen kommentaren sehen konnte.
hardrain (23.04.2008, 09:57 Uhr)
Danke, Frau Roche, für dieses Buch!
Viele, die hier kommentieren, sollten dieses Buch unbedingt lesen und nicht darüber schreiben, ohne es zu lesen. Zu den Käufern: Von der jungen selbstbewußten Frau bis zum 65jährigen Mann, der mit abgezähltem Kleingeld an der Ladentüre wartet, bis geschlossen wird und dann ein Exemplar aus dem Fenster kauft. So ist die Welt. Danke.
Hinseher (23.04.2008, 09:29 Uhr)
Um es kurz zu machen:
jeder einzelne Eintrag in diesem Forum macht nur neue Werbung für dieses Buch (also auch meiner). Man nennt das Massenhysterie.
sternchen2007 (23.04.2008, 09:26 Uhr)
@Clamaria
Es ist aber nicht jede Frau selbstbewusst genug und orientiert sich eben an dem, was sie so am häufigsten sieht. Und das sind nun mal zu Landebahnen rasierte Muschis, Achseln ohne Haare, Körper ohne eigenen Geruch, Germanys next Topmodel. Und sie orientieren sich an dem, was ihnen Mama so beigebracht hat und das ist in meiner Generation oft das, was Charlotte Roche in dem stern-Einspieler anprangert: von Natur aus riechst Du nach Fisch, das mag kein Mann, wasch das weg, etc.
Clamaria (23.04.2008, 09:18 Uhr)
@sternchen2007
Eine Frau, die selbstbewusst genug ist und mit sich und ihrem Körper im Einklang, weiß, dass sie auch mal ohne Rasur, ohne perfekte Figur, ohne perfekte Aufmachung mit einem Mann Spaß haben kann. Das basiert auf eigener Erfahrung und eigener Klugheit und bedarf keiner solchen "Lebenshilfe". Wer man sich im Fernsehen jeden Scheiß reinzieht und das noch glaubt, braucht sich über seine Komplexe nicht zu wundern.
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