Buddhismus fasziniert Millionen. Manager, Studenten, Hausfrauen: Für jeden ist etwas dabei im spirituellen Supermarkt der sanften Religion ohne Gott.

© Jay Ullal
Auf dem Truppenübungsplatz ist der Frieden ausgebrochen. Selig lächelnde Nonnen in roten Roben halten den ehemaligen Gefechtsstand besetzt, tibetische Mönche auf Sandalen huschen durchs Herbstlaub. Gebetsfahnen schmücken Birken und Eichen, es duftet nach Räucherstäbchen. Wo früher Panzer kreuzten und Kanonen donnerten, schweigt Buddhas bunte Truppe im Lotussitz. 9000 Menschen aus allen Teilen der Republik huldigen in der Lüneburger Heide dem Popstar des Buddhismus. Der 14. Dalai Lama sitzt mit 30 Meter Sicherheitsabstand auf einem Thron aus Faserplatten und erklärt "Buddhas Weg zum Glück".
Das einwöchige Happening in Europas größtem Hallenzelt ist vorläufiger Höhepunkt des Buddhismus-Booms im Westen. Ärzte und Rechtsanwälte, Unternehmensberater und Schauspieler, Handwerker und Hausfrauen verehren den "Gottkönig" vom Dach der Welt als einen Heiligen der 90er Jahre, vergleichbar mit Mutter Teresa oder Mahatma Gandhi. Schlagersänger Howard Carpendale fasziniert "Weisheit und Güte", Schauspielerin Anja Kruse "seine Botschaft von Liebe". Der Lama lacht sein Buddha-Lachen und rät der verzauberten Gemeinde, die Lehre erst einmal kritisch zu prüfen: "Schaut euch die Wirklichkeit an und glaubt nicht, was andere euch vorgeben."

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Nie hatte die Philosophie von Ursache und Wirkung außerhalb Asiens einen solch charismatischen Interpreten. Der Tibeter vereint den Materialismus des Westens mit der Spiritualität des Ostens. Befragt vor wichtigen Entscheidungen ein Orakel, posiert neben Sharon Stone. Spricht mit dem "Playboy" über Sex und mit dem Papst über die Beichte. Meditiert jeden Morgen über den Tod und beantwortet Reporterfragen nach der Farbe seiner Socken. Ißt morgens Cornflakes und kriecht abends unter ein Moskitonetz aus Plastik. In Hollywood ist der Mönch ohne irdischen Besitz seit Jahren en vogue. Stars wie der Schauspieler Richard Gere oder Fotograf Richard Avedon meditieren himmalayahochjauchzend in Klöstern und sammeln weltweit Gelder. Hollywood hat eine Liebesaffäre mit Tibet, und der Dalai Lama ist der Schutzpatron des Sunset Boulevards. Wenn er Beverly Hills besucht, für ein "fund raising dinner", bei dem Geld gesammelt wird für sein Land, kämpfen die Stars darum, wer wie nah bei ihm sitzen darf.
"Der Dalai Lama ist geradezu ein Antiserum zum grassierenden Kapitalismus", schrieb die "New York Times". Auch in Deutschland kommt der Lama auf Touren. Millionen Deutsche sahen die Dalai-Lama-Filme "Kundun" und "Sieben Jahre im Tibet". Gab es 1970 lediglich 15 buddhistische Gruppen, sind es heute 500. "Jedes Wohnzimmer, in dem eine Butterlampe brennt, bezeichnet sich mittlerweile als buddhistisches Zentrum", sagt eine Aktivistin der "Tibet Initiative". Die "Deutsche Buddhistische Union" schätzt, daß 100 000 Deutsche der Lehre folgen. Hamburger Architekten renovieren alte Klöster in Indien und kaufen neue in der Eifel. Zahnärzte sponsern Reisen tibetischer Meister, Firmenchefs bitten Vertraute des Dalai Lama um Privataudienzen. Otto Graf Lambsdorff, Antje Vollmer und Carl Friedrich von Weizsäcker sind regelmäßig Gesprächspartner. Saskia Steinbauer, Organisatorin des Bundespresseballs, war von einem Vortrag des Dalai Lama so angerührt, "daß ich mich spontan entschloß, ihm im Rahmen meiner Möglichkeiten zu helfen". Die Wiesbadener Event-Managerin organisiert für die "Tibet Initiative" das bisher größte Solidaritätskonzert in Deutschland. Am 19. Juni des nächsten Jahres wollen in Bonn Prominente für ein freies Tibet auf die Bühne gehen. Der Rummel um den Dalai Lama scheint eine Prophezeihung aus dem achten Jahrhundert zu erfüllen.
"Wenn Eisenvögel fliegen, wird der Buddhismus Richtung Westen wandern und in die fernsten Länder kommen", soll der indische Mystiker Padmasambhava gesagt haben. Selbst in die Lüneburger Heide. "Das ist ein Geschenk des Himmels", sagt Dorit Siebenbrodt, Tourismus-Chefin im 17 000-Einwohner-Städtchen Schneverdingen. Bisher war der Ort nur als Krönungsstätte der Heidekönigin bekannt, jetzt sind im Umkreis von 30 Kilometer alle Betten belegt. Die Bahn setzt zur Buddha-Fahrt vier Sonderzüge ein, die Stadt verzichtet die ersten drei Tage auf 1,20 Mark Kurtaxe. Vermieter werden ermahnt, Buddha-Naturen zum Frühstück nicht mit Schlachtplatten zu quälen und im Zweifel lieber Müsli zu servieren. Der einzige Inder im Ort erwartet mit vegetarischer Speisekarte das Geschäft seines Lebens. Daß Seine Heiligkeit der Heide im Herbst eine zweite Hochsaison beschert, verdanken die Schneverdinger Hamburger Buddhisten.