Mit dem Roman "Die Vermessung der Welt" gelang Daniel Kehlmann einer der größten Erfolge der Nachkriegsliteratur: Allein die deutsche Ausgabe verkaufte sich 1,4 Millionen Mal. Nach vier Jahren literarischen Tastens erschien nun Kehlmanns neues Buch. Der stern traf ihn zum Gespräch zu Hause in Wien.

Winterlicht am Wiener Bahnhof Praterstern: Erfolgsautor Daniel Kehlmann, 34, kurz vor dem absehbaren Mediensturm© Peter Rigaud
Eine, um Gottes willen.
Kenne ich: 1,83 Meter.
Kenne ich auch, sage ich aber hier nicht.
Vollkommen graziöser Körperbeherrschung können sich wohl die wenigsten Schriftsteller rühmen. Ich bin da keine Ausnahme. Die meiste Zeit fühle ich mich relativ wohl. Im oberen Durchschnitt.
Ich fühle mich oft in meinem Kopf sehr unwohl. Wenn man hauptsächlich mit dem Kopf arbeitet, ist das unvermeidlich.
Ja, aber ein Gefängnis, das die ganze Welt enthält.
Anders herum. Bei wenigen Treffern ist Ego-Googeln noch interessant. Weil man dann wirklich alles überschauen kann. Wenn es unüberschaubar wird, hebt das Ego-Googeln sich selbst auf.
Spaß ist der falsche Ausdruck. Es ist ein schuldbewusstes Vergnügen. Eine Neugier, für die man sich schämt und für die man sofort bestraft wird, indem man schrecklichen Unsinn findet.
Gar nicht so schlimm, wie man glaubt. Als Schriftsteller wird man ja nicht dauernd erkannt. Dafür braucht man bestimmte Erkennungsmerkmale. Schnurrbart und Pfeife oder Peter Handkes auffällige Frisur. Ein Schriftsteller ohne besondere Erkennungsmerkmale wird nicht erkannt. Das ist eine schaumgebremste Form von Ruhm.
Jeder, der das kategorisch verneint und nicht ein ganz erleuchteter Mensch ist, lügt. Das ist eine Grundsehnsucht des Menschen. Eine ambivalente Sehnsucht, in meinem Fall.
Schreibblockade ist ein zu harter Ausdruck. Aber es war sicher eine Schreiberschwernis. Das macht ja auch nichts. Das heißt, wenn man sie überwindet, macht es nichts. Wenn man sie nicht überwindet, ist es schon ganz schön schlimm.
Wenn das Schreiben schwerer ist, schreibt man sehr viel. Es ist nur nicht gut. Man schreibt und schreibt. Immer mehr, immer noch mal. Und immer noch ein Ansatz. Zeiten des schlechten Schreibens sind Zeiten der panischen Textproduktion.
Nein. Ich habe das immer als Teil meiner Arbeit gesehen. Seit ich 23 war, habe ich regelmäßig Rezensionen geschrieben. Wahrscheinlich habe ich vor der "Vermessung der Welt" mehr Texte und Essays publiziert als nachher. Nur ist es nicht so aufgefallen.
Es war sicher etwas, das mir die Arbeit in unsicheren Momenten erleichtert hat. Ich musste mich nicht für lange Zeit auf nur eine Perspektive einlassen, ohne zu wissen, ob es gelingt. Aber ich sehe das nicht als Flucht. Norman Mailer hat einmal gesagt: Das Wunderbare am Schriftstellerdasein ist, dass man sich am eigenen Schopf hochziehen kann. Was immer an einer Situation schwierig ist, man kann etwas Positives für sich daraus machen. Ich bin glücklich mit der Form dieses Buches. Ich wollte schon immer das Prinzip des Episodenfilms auf den Roman übertragen.
Alles, was man schreibt, ist Zeugnis eines Tastens. Aber ich habe dieses Buch mit großer Befreiung geschrieben. Es war nicht so, dass ich mal dies, mal das versucht habe, und dann kam dieses Buch irgendwie zustande. Ich habe die Geschichten sukzessive geschrieben, so wie man einen Roman schreibt. Eine nach der anderen, in der Reihenfolge, in der man sie jetzt liest.
Das wäre ja nicht schlimm. Worauf es ankommt, sind die künstlerischen Ergebnisse. Aber ich finde das eigentlich nicht schrullig. Ich bin Schriftsteller. Ich schreibe und bespreche Romane. Viel gelesen zu haben und das auch parat zu haben gehört zu meinem Beruf. Ich habe noch nie gehört, dass ein Arzt verblüfft gefragt wird, ob er wirklich Anatomiekenntnisse hat.
Man macht das ja oft genug. Aber tatsächlich neige ich dazu, Dinge überkompliziert zu beantworten. Das mag sozial etwas auffällig sein. Ich nehme Dinge ernster, als man sie im Gespräch normalerweise nimmt.
Ich merke Intelligenz immer erst dann, wenn ich das Gefühl habe, sie fehlt mir.
Das wäre nicht so schlimm. Gerade Studiosus- Reisende sind ein gutes und interessiertes Publikum, über das man sich nicht lustig zu machen braucht. Man muss ja nicht mit ihnen verreisen.
Jeder würde das gerne. Jeder will furchtbar wild sein. Es gibt diesen schönen Satz von Milan Kundera, dass man lieber für einen Menschen gehalten werden würde, der mit Greta Garbo geschlafen hat, als wirklich mit Greta Garbo geschlafen zu haben.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 04/2009
Das Buch Daniel Kehlmann: "Ruhm. Ein Roman in neun Geschichten", Rowohlt Verlag, 224 Seiten, 18,90 Euro