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Tagebuch eines Inzests - wenn Opfer Lust empfinden

Eine Tochter wird über Jahre vom Vater sexuell missbraucht. Sie empfindet Lust dabei und schreibt ein Buch darüber - schonungslos offen. Verharmlosung von Kindesmissbrauch? Oder ist "Das Inzest-Tagebuch" ein Buch, das einen tieferen, wichtigen Sinn hat?

In dem Buch "Das Inzest-Tagebuch" schreibt eine Tochter anonym über den jahrelangen Missbrauch durch den Vater (Symbolbild)

In dem Buch "Das Inzest-Tagebuch" schreibt eine Tochter anonym über den jahrelangen Missbrauch durch den Vater (Symbolbild)

Picture Alliance

"Das Inzest-Tagebuch" ist schmal, 142 Seiten, schnell gelesen und kaum auszuhalten. Die Autorin, die anonym bleiben will, erzählt, wie sie über Jahrzehnte von ihrem Vater sexuell missbraucht wurde. Das erste Mal mit drei Jahren. Das letzte Mal mit 21. Dabei empfindet sie Lust, zuerst nicht, aber später. Man scheut sich, wörtlich aus dem Buch zu zitieren, so brutal offen und detailliert beschreibt die Autorin. Puh, denkt man schon nach den ersten Seiten. Will man das lesen? Kann man das empfehlen? Oder schweigt man besser?

Auf der Frankfurter Buchmesse gehörte "Das Inzest-Tagebuch" im vergangenen Jahr zu den meist diskutierten Werken aus dem Ausland. Nun liegt die Übersetzung aus dem Amerikanischen vor, erschienen im renommierten Verlag Klett-Cotta, der mit deutscher Klassik groß geworden ist, sich inzwischen auch progressiver Literatur widmet und gerade mal wieder für den Deutschen Buchpreis nominiert worden ist, und zwar mit dem Titel: "Das Singen der Sirenen" von Michael Wildenhains. "Darf man eine solche Geschichte überhaupt veröffentlichen?", musste sich Klett-Cotta-Verleger Tom Kraushaar in einem Interview fragen lassen. Er fand die Frage "legitim".

Verstörende Szenen

Tatsächlich beschreibt die Autorin quälend genau verstörende Szenen: Wie ihr Vater sie als Kleinkind in der Badewanne vergewaltigt. Wie er sie auf einen Stuhl fesselt und mit dem Messer verletzt. Dass ihre Geschichte wahr ist, dafür verbürgt sich Lorin Stein, Herausgeber der Literaturzeitschrift "Paris Review". Er sagt, dass er die Autorin kenne und mit alten Freunden von ihr gesprochen habe, denen sie schon vor Jahren von dem Missbrauch erzählt habe. "Das Einzige, was ich wollte, war mit ihm Sex zu haben, um ihn zu beruhigen, um mich zu schützen", wirbt die anonyme Schreiberin um Verständnis. 

Genau darum geht es: Das Mädchen rettet ihr Leben, in dem es seinen Vater befriedigt. Mehrfach droht der Vater, es umzubringen, wenn es jemanden von dem Missbrauch erzählt. Lust zu empfinden, wird für es zur Überlebensstrategie. Ähnlich wie bei dem Stockholmsyndrom, das seinen Namen einem Bankraub 1973 in Stockholm verdankt. Damals kooperierten die Geiseln mit den Bankräubern, die sie mit dem Tode bedrohten. "Ich wollte nur lebend aus der Falle raus, in der wir steckten", sagte Kristin Enmark, eine der Geiseln, im Mai dieses Jahres in einem Interview mit dem stern. Sie hatte sich nach der Tat mit einem Geiselnehmer verlobt. Und schämte sich später dafür, "mit den Kriminellen paktiert" zu haben.

Sie empfindet Lust, um das Leid ertragen zu können

Der Polizeipsychologe Arnold Wieczorek hat das "sogenannte Stockholmsyndrom" untersucht. Er bezweifelt, dass Opfer, die sich mit Tätern verbünden, gestört sind. "Um diesen Täter – in dessen Macht es liegt, das Leben des Opfers zu beenden oder zu erhalten – positiv zu beeinflussen, wird jedes Opfer aus reinen Selbsterhaltungsgründen zunächst einmal alles tun, was der Täter verlangt. Ein Opfer, welches sich so verhält, zeigt keine Störung, sondern eine rationale und situationsangemessene Haltung“, schreibt er in der Fachzeitschrift "Kriminalistik". Seine Schlussfolgerung spricht Opfer frei: "Das Erleben der Geisel lässt sich folgendermaßen auf den Punkt bringen: 'Nur wenn der gewalttätige Machthaber gut zu mir ist, geht es auch mir gut – selbst kann ich darauf nicht Einfluss nehmen.'"

Genau das tut die anonyme Autorin. Sie ist ihrem Vater ausgeliefert. Sie ist seine Geisel. Deshalb tut sie, was er von ihr verlangt. Und empfindet Lust, um das Leid ertragen zu können. Als Erwachsene blickt sie zurück, sucht nach Antworten für die eigene Lust, für die sie sich, ähnlich wie Geisel Kristin Enmark, zu schämen scheint. "Heute las ich ein Buch über Folter, je öfter eine Gefangene vergewaltigt wird, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie dabei Lust empfindet. Lust als Mittel zum Überleben."

Ja, man darf solche Geschichten erzählen

Sie will ihre Geschichte aufschreiben und veröffentlichen. "Ich bin davon überzeugt, dass jeder Mensch das Recht hat, seine Geschichte zu erzählen", schreibt sie. Man meint, Trotz zwischen den Zeilen herauszulesen: Hört mich an. So war es. Auch wenn es vielleicht schwer zu verstehen ist.

Ja, man darf solche Geschichten erzählen und veröffentlichen. Man muss es sogar, wenn man beschreiben will, wie perfide sexueller Missbrauch funktioniert. Der Vater nimmt seine Tochter nicht nur als Geisel, er macht sie zur Komplizin. Er redet sich wahrscheinlich ein, dass seine Tochter es ja auch gewollt und genossen habe. Kein Verbrechen, also. Genauso werden es vielleicht auch andere sehen: Verwandte, Nachbarn, Sozialarbeiter, Polizisten, Staatsanwälte, Richter, wenn niemand aufschreibt, dass Opfer Lust empfinden können. Und dass ihnen trotzdem ein Verbrechen angetan worden ist. Ein Verbrechen, das immensen Schaden anrichtet, auch wenn es nicht den Anschein hat.

"Ich habe das grimmige Verlangen, seinen Körper zu verstümmeln und seine Leiche an Hunde zu verfüttern", schreibt die Autorin. Man versteht sie. Sofort. 

Anonyma: Das Inzest-Tagebuch. Aus dem Amerikanischen von Christa Schuenke. Klett-Cotta, 17 Euro.

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