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27. August 2008, 09:00 Uhr

Mehr als nur dagegen sein

Die Linkspartei legt in Umfragen zu, Geißler und Blüm wettern gegen Turbokapitalismus, junge Menschen lesen Marx. Aber kann man mit Phrasen von gestern Probleme der Gegenwart lösen? In seinem neuen Buch plädiert Christian Rickens für einen globalisierungsfreudigen "Linksliberalismus 2.0". Von Mark Stöhr

"Wie lebt man solidarisch, ohne bei den Jungs von Verdi zu arbeiten?", fragt der Wirtschaftsjournalist Christian Rickens in seinem Buch "Links!"© Helene Endres

Wenn am kommenden Sonntag gewählt würde, käme die SPD noch ins Parlament. Das ist eine gute Nachricht für die Genossen. Aktuelle Umfragen sehen sie bei 20 Prozent. Doch die Linkspartei nähert sich unaufhaltsam. Schon 15 Prozent der Deutschen wollen ihr ihre Stimme geben. Links kann momentan, so scheint es, gar nicht links genug sein. Verschafft sich da nur eine wachsende Schar von Unterprivilegierten Luft? Oder sind wir alle ein Stück nach links gerückt? Und was heißt das überhaupt im Jahr 2008: links sein?

Tolstoi-Typen mit wallenden Bärten

Der Wirtschaftsjournalist Christian Rickens hat die Probe aufs Exempel gemacht und den Parteitag der Linkspartei im vergangenen Mai besucht. Rickens ist ein scharfer Beobachter und noch schärferer Porträtist. Nichts entgeht in der tristen Cottbuser Messehalle seinem beißenden Sarkasmus. So sieht also die neue deutsche Linke aus: Der Parteivorsitzende Oskar Lafontaine trägt am braunen Toskana-Hals eine schwarzweiße Krawatte von Giorgo Armani. Die Anzüge der ehemaligen SED-Funktionäre sind so grau wie die Plattenbauten in Halle-Neustadt. Und Sahra Wagenknecht, die Chefin der Kommunistischen Plattform, hat ein knallrotes Kostüm ohne Bluse an - "halb Catwoman, halb Interflug-Stewardess". Dazu kommen noch die "Tolstoi-Typen mit wallenden Bärten und Sandalen ohne Strümpfe" und natürlich die Gewerkschafter aus dem Westen, die der SPD vor Jahren den Rücken gekehrt haben: "Gestandene Typen, die wissen, wie man einen Streik organisiert, und sich ansonsten die übersichtliche Welt der 70er Jahre zurückwünschen."

Das erste sozialistische Projekt, das ohne Fortschrittsglauben auskommt

Sind das die Hoffnungsträger der linken Bewegung? Nein, sagt Rickens. Er zitiert Thomas E. Schmid, Autor der Wochenzeitschrift "Die Zeit" : Die Linkspartei sei das erste sozialistische Projekt, das komplett ohne Fortschrittsglauben auskomme. Rezepte von gestern für morgen. Christian Rickens schwebt etwas anderes vor. In seinem Buch "Links! Comeback eines Lebensgefühls" entwirft er die Grundzüge eines neuen Gesellschaftssystems. Er will der Linken den längst verlorenen utopischen Glauben an eine bessere Zukunft zurückgeben. Nicht mehr und nicht weniger.

Keynes versus Friedman

Dafür räumt er erst einmal mit den alten ökonomischen Modellen auf, die die westlichen Nachkriegsgesellschaften bis in die Gegenwart bestimmt haben: dem Versorgungsstaat und dem Neoliberalismus. Der Ökonom John Maynard Keynes hatte dem US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt Anfang der 30er Jahre das Programm für dessen "New-Deal"-Reformen geliefert. In Zeiten der Krise sollte der Staat nicht Geld sparen, sondern Geld ausgeben, um die Nachfrage anzukurbeln. Die deutsche Politik folgte diesem Konzept und baute es zur sozialen Marktwirtschaft aus. Die Folge: ein übergewichtiger Staatsapparat und ein gigantisches Haushaltsdefizit. Ende der 70er Jahre, zu Beginn der Globalisierung, betrat ein anderer Ökonom das Parkett, Milton Friedman. Er predigte das genaue Gegenteil: im Zweifel für den Markt. Staatsausgaben zurückschrauben, Sozialprogramme streichen, Steuern senken. Margaret Thatcher und Ronald Reagan machten so Politik. Gerhard Schröder zitierte in seiner Agenda 2010 Auszüge daraus. Die Konzerne, Aktionäre und Börsen feierten ihren Sieg, gleichzeitig wuchsen die Schlangen vor den Suppenküchen, und der Mittelstand rutschte eine Klasse tiefer.

Die Gesellschaft ist müde vom Halali der Globalisierung

Man könnte Rickens den Vorwurf machen, dass er sich die Welt so baut, wie er sie braucht. Aber seine Argumentation ist in sich schlüssig. Der Ton ist zwar oft überpointiert, die Analysen sind jedoch so präzise wie faktenreich. In seinem letzten Buch "Die neuen Spießer" aus dem Jahre 2006 polemisierte er gegen die Rückkehr zu einem konservativen Weltbild. Die Rezession um die Jahrtausendwende führte seiner Meinung nach zu einer Renaissance von bürgerlichen Werten wie Familie, Glaube und Nation. Nun macht Rickens eine neue Renaissance aus: die eines linken Lebensgefühls. Die Gesellschaft sei müde und ausgezehrt vom Halali der Globalisierung und der neoliberalen Hatz nach Flexibilität. Selbst die Konservativen hätten das gemerkt und riefen fast noch lauter als die Sozialdemokraten nach dem Vater Staat. Früher war alles besser - aber wird damit auch die Zukunft gut?

Linker Liberalismus statt Sozialkonservativismus

Christian Rickens Gegenentwurf heißt: "Linksliberalismus 2.0". Eine Wortschöpfung aus dem Blog der Autorin Mercedes Bunz. Sie ist Teil der "digitalen Bohème", wie sie Holm Friebe und Sascha Lobo in ihrem Buch "Wir nennen es Arbeit" beschreiben. Eine hochgebildete Schicht von Menschen, die im Web zu Hause ist und ein selbstbestimmtes Leben führt. Jeder soll so leben können wie diese Privilegierten und die Globalisierung nicht fürchten, sondern mitgestalten. Der Pizzabäcker, der Umzugspacker, die Frau am Postschalter. Es ist ein Traum, den Rickens formuliert, und er träumt ihn schön. Sein Ton hat jetzt nichts Polemisches mehr und rutscht bisweilen fast ins Pathos.

Grundeinkommen für alle

Seine Agenda 2020: Ein Grundeinkommen für alle, welches das Existenzminimum sichert - als "eine Art Trampolin, das den Bürger abfedert, wenn er fällt - und ihm zugleich den Schwung gibt für einen Sprung nach oben." Jede Versicherung, ob öffentlich oder privat, muss jeden Interessenten ohne Gesundheitsprüfung aufnehmen. Qualifizierte Zuwanderer aus Nicht-EU-Staaten dürfen sich unabhängig von der Einkommenshöhe in Deutschland niederlassen. Was bei der Stromversorgung schief ging, soll etwa bei der Bahn besser gemacht werden, deswegen sollten keine Netzwerkindustrien mehr privatisiert werden. Jeder deutscher Staatsbürger muss nach deutschem Recht Steuern zahlen, auch wenn er im Ausland wohnt. Dazu mehr Mitbestimmung in den Betrieben und mehr genossenschaftliche Organisationsformen.

Ein neuer Gesellschaftsvertrag tut not

Rickens Agenda ist ein wildes Patchwork aus oft Altbekanntem. Das macht sie aber noch nicht falsch. Sie ist eine Ermutigung zu größerer politischer Phantasie und kein geschlossenes Parteiprogramm. Und sie setzt einen angenehmen Kontrapunkt zur Hasenfüßigkeit der Sozialdemokraten und zur Krawallrheotorik der Linkspartei. Im Stil einer nicht ganz ernst gemeinten Regierungserklärung schreibt Rickens: "Wir wollen diesem Land einen neuen Gesellschaftsvertrag anbieten, einen neuen Pakt zwischen den Bürgern sowie zwischen Bürgern und dem Staat." Das wäre doch mal was.

In Teil zwei der Serie schauen wir uns an, wie sich das neue linke Lebensgefühl im Alltag bemerkbar macht. Wir zeigen, wo Karl Marx wieder im Bücherregal steht – und sogar gelesen wird.

Das Buch

Das Buch Christian Rickens: "Links! Comeback eines Lebensgefühls", Ullstein Verlag 2008. 256 Seiten. 16,90 Euro

Der Autor

Der Autor Christian Rickens, Jahrgang 1971, studierte Journalistik und Wirtschaftswissenschaften an der Universität München und der London School of Economics. Nach drei Jahren als freier Wirtschaftsjournalist, unter anderem für "Brand Eins", "Die Zeit" und die "Süddeutsche Zeitung", kam er im Frühjahr 2000 zum "Manager Magazin", wo er seitdem als Redakteur im Ressort Trends arbeitet.

Von Mark Stöhr
 
 
KOMMENTARE (10 von 14)
 
ganzbaf (28.08.2008, 18:39 Uhr)
Grundgesetz....

beachten! (Art. 14/15.)
Großkapital entmachten!
Direktdemokratie einführen!
WIR sind das Volk!...(-:
heiner5362 (28.08.2008, 18:15 Uhr)
was bezeichnet ein staatswesen ?
das miteinanderleben in territorialen grenzen.
das wars dann auch schon...
der ganze rest an "sozio-ökonomischem" wird restabgebaut.
innerhalb des staatsgebietes wird dann nach pseudo-demokratischem wahlgehabe die sau rausgelassen.
parteiprogramm in die die tonne denn jetzt setzt die RAFFGIER ein.
pfründe, verchieben der steuergelder in offene kapitalistenschlünde das sind die vorherrschenden interessen "in diesem unseren lande", das ja gerad im osten so toll blüht nicht war saumagen-fresser ?
und hier im forum tummeln sich die meinungsmacher "undercover" hehehe arme würstchen, entlohnt zur verdrehung der tatsachen.
wir haben mittlerweile den schweineamis den rang bei niedrigstbelohnten beschäftigungsverhältnissen abgelaufen, ihr vollmeisen !!!
das heisst drei jobs 18 stunden tag UND hartz IV !!!
ich wünsche jedem grossmaul hier das schicksal vieler, die noch den stolz haben trotz stütze arbeiten zu gehen,
andererseits verstehe ich arbeitsverweigerer, die sich nicht unter wert versklaven lassen.
mahlzeit ihr weltverbesserer.
aeternitas (28.08.2008, 13:36 Uhr)
Sveto
und allen anderen (auch dem Autor dieses Artikels) empfehle ich die www.nachdenkseiten.de
Was hier vom Autor leicht belächelt wird, ist für viele die letzte Chance nicht im sozialen Abseits zu landen. Wie vielen Kindern ist denn heute schon der Zugang zur höheren Bildung verbaut? Wie viele Menschen plagen sich täglich 10 Stunden oder mehr ab um sich und ihre Familie über Wasser zu halten? Und müssen trotzdem noch zum Amt um aufzustocken. 2 Jahre nach dem man unverschuldet arbeitslos wird, muss alles Ersparte aufgebraucht werden und für die Leute, die älter sind als 45 bedeutet das über kurz oder lang Hartz4. Fast alle Menschen haben Angst vor der Zukunft, Angst davor ihren Lebensabend in Armut zu verbringen, evtl. ohne die finanziellen Möglichkeiten medizinische Hilfe in Angriff nehmen zu können. Von Kriegen die uns dank unserer fähigen Politiker bald ins Haus stehen ganz zu schweigen. Machen Sie sich nicht über die Ängste der Bevölkerung lustig, es geht für viele um ein Leben in Würde.
Countryjoe (28.08.2008, 11:00 Uhr)
Salonbolschewiken
Was uns diese abgehobenen und selbstzufriedenen Salonbolschewiken verordnen werden, wird der totale Verlust jeglicher individualität sein. Übrig bleiben wird eine graue Masse am Rande des Existenzminimums dominiert von der digitalen Bohème, die sich selbstbestimmt in eine Funktionärskaste verwandelt.
Was wir wirklich brauchen ist mehr Selbstbewußtsein und Einigkeit als Nation um die in unseren Landangerichteten Schäden durch die von von brutalen Geschäftemachern inszenierte Globalisierung wieder zu richten.
ganzbaf (28.08.2008, 07:51 Uhr)
Wenn...

es (endlich) die Garantie auf Arbeit zu einem korrekten (d.h. vollumfänglich ausreichenden) Mindestlohn gibt, bräuchten wir nicht mal das - sicherlich etwas schwer kommunizierbare - sogenannte Grundeinkommen.
Wer dann noch nicht arbeiten will, braucht auch wirklich keine weitere Unterstützung. (Es werden sehr, sehr wenige sein.)
Nötig hierfür sind höhere Gewinnabschöpfung und Ausschüttung bei den Rationalisierungsgewinnlern, d.h. Aktionären und Millionären. Ganz einfach.
.
Darüber hinaus bewegt sich mein "utopischen Glauben an eine bessere Zukunft" in Richtung einer direktdemokratischen Volksabstimmungs-Demokratie!
Unter Auflösung dieses unsäglichen Kindergarten-Rechts-Links-Lagerdenkens (-:
ganzbaf (28.08.2008, 07:31 Uhr)
"Die Globalisierung"....

ist ein doch ein höchst bewusst aufgebauschter "Popanz", der nur als Denkmäntelchen von Sozialraub, Gewinnverschiebung und Ausbeutung dient!
Natürlich gibt es bereites seit mehr als 2000 Jahren "Globalisierung"! Nämlich einen intensiven Waren- und Ideenaustausch, selbst über tausende Kilometer hinweg! Und nicht erst seit "Ende der 70er Jahre"... ;-P
.
Aber auf eine "globale Misswirtschaft", die auf Diebstahl, Steuerhinterziehung, Sklaven-/Kinderarbeit und Umweltsaubedingungen basiert, können und sollten wir ALLE im Namen des Grundgesetztes, der Menschenwürde und des Völkerrechtes sehr, sehr gerne verzichten.
!
Jaynay (28.08.2008, 01:05 Uhr)
Sveto
Sie tragen Züge von paranoider Schizophrenie.
Kein Scherz.
Aber unter der roten Weltherrschaft wird auch ihnen geholfen werden.
Achten sie auf unser Zeichen auf der Dollarnote.
*totlach*
Sveto (27.08.2008, 20:47 Uhr)
@Jaynay
Die Wahrheit kann nicht oft genug gesagt werden! Wer sich zum Sozialismus bekennt, ist ein Verbrecher, es sollte dafür (entsprechend dem Bekenntnis zum National-Sozialismus) ein eigenständiger Straftatbestand eingeführt werden. Lafo und seine unverbesserlichen Komplizen gehören wegen Verherrlichung alter und Planung neuer Verbrechen gegen die Menschlichkeit in Sicherungsverwahrung bzw. Unterbindungsgewahrsam.
Jaynay (27.08.2008, 20:38 Uhr)
@Sveto:
Blablablabla.
Gehn ihnen langsam die Parolen aus, oder warum wiederholen sie ihre Gebrabbel aus anderen Kommentaren ?
Schieben sie sich bitte selber ab. Auch wenn ich fürchte, dass dies nicht viel bringen wird. Leider gibts fast überall Internetzugang..
Sveto (27.08.2008, 20:15 Uhr)
Zur Hölle mit den Sozialisten aller Couleur!
Wirtschaftlicher Niedergang ist die notwendige Folge der Abschaffung des Marktmechanismus: Die Vergesellschaftung der Produktionsmittel nimmt der Gesellschaft das einzige bekannte Mittel der rationalen Wirtschaftsführung; sie überwindet nicht die vermeintliche "Anarchie des Marktes", sondern begründet eine tatsächliche Anarchie der politischen Willkür. Sozialismus ist "geplantes Chaos", ist Monopol plus politisch-ökonomischer Terror. Das hat Mises bereits in "Die Gemeinwirtschaft" (1922) erschöpfend theoretisch nachgewiesen (und in "Liberalismus", "Nationalökonomie", "Bürokratie" und "Human Action" weiter ausgeführt) und siebzig Jahre sozialistischer Wirtschaftsweise in Sowjetrussland sowie 40 Jahre sozialistischer Wirtschaftsweise in der "DDR" haben das empirisch bewiesen (Nordkorea sowie China (vor der Wandlung der sozialistischen zu einer kapitalistischen Diktatur)sind ebenfalls gute Beispiele). Es handelt sich dabei nicht um irgendwelche Fehler der Durchführung, die man "nächstes Mal" besser machen könnte (wobei ein solches Großexperiment an realen Menschen schon per se ein zynischer, ja geradezu unmenschlicher Gedanke ist), sondern um eine notwendig im System angelegte Folge. Wer "Sozialismus" sagt, meint notwendig "Fehlallokation der Produktionsmittel" und "Allgemeine Armut". Leider gibt es (selbst in gebildeten Kreisen, wie ich zu meinem Erschrecken immer wieder feststellen muss!) immer noch allzu viele Dummköpfe, die diesen Zusammenhang nicht durchschauen, weshalb Aufklärung dringend Not tut, damit dieser Irrtum sich schnellstmöglich biologisch erledigt. Die verbleibenden Linken/PDSEDler sollten nach Nordkorea abgeschoben werden, wo sie das "Paradies der Arbeiterklasse" real genießen dürfen.
 
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