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21. Oktober 2008, 10:25 Uhr

"Gleiches Geld für alle!"

Die neue OECD-Studie belegt: Armut und Ungleichheit haben in Deutschland rasant zugenommen. Auch deshalb wirbt Christian Rickens in seinem Buch "Links! Comeback eines Lebensgefühls" für ein Grundeinkommen. Im Gespräch erklärt er, warum Arbeit wieder Spaß machen muss - und wieso die Globalisierung nicht nur ein Feind ist.

Buchautor und Journalist Christian Rickens© Helene Endres

Weniger Staat und trotzdem links? Weniger Markt und trotzdem liberal? Kein Problem, sagt Christian Rickens. Sein Gegenprogramm zu den bekannten Konzepten der Linken wie Neoliberalen heißt Linksliberalismus. Kern ist ein bedingungsloses, aus Steuer finanziertes Grundeinkommen, das jedem Bundesbürger das Existenzminimum sichert. Eine romantische Spinnerei? Nicht für Rickens. Und er erklärt, wie es funktionieren könnte.

Eine aktuelle Studie der Organisation für Wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit (OECD) verleiht seinen Forderungen Brisanz. Die Studie belegt, dass Armut und Einkommensungleichheit in Deutschland in den vergangenen Jahren wesentlich schneller zugenommen haben als in fast allen anderen OECD-Ländern. Von 2000 bis 2005 lebten 10,5 bis 11 Prozent der Bevölkerung unterhalb der Armutsschwelle. Ein starkes Argument für die Grundsicherung.

Herr Rickens, in Ihrem Buch "Links! Comeback eines Lebensgefühls" schreiben Sie, dass die Linke wieder ein positiveres Verhältnis zur Globalisierung finden müsse. Was heißt das konkret?

Das heißt, dass man, wenn man über soziale Gerechtigkeit und Verteilungsgerechtigkeit redet, sich nicht die Instrumente der Vor-Schröder-Ära zurückwünschen kann. Es ist keine Lösung zu sagen, wir wollen wieder zurück zur Arbeitslosenhilfe, die sich am früheren Einkommen orientiert und finanziert wird über die Beiträge der Arbeitnehmer und der Arbeitgeber und die einseitig den Faktor Arbeit belastet. Das ist keine Lösung, die sich in irgendeiner Art mit einer globalisierten Wirtschaft verträgt, wo eben Arbeitskosten eine Rolle spielen.

Was aber sind die Instrumente, mit denen man die Globalisierung lenken kann? Lafontaine hat in seiner Zeit als Minister ja auch den Versuch unternommen, die Besteuerung von Devisentransaktionen durchzusetzen, und ist damit grandios gescheitert. Eine Gewinnsteuer ist ja auch nicht unbedingt ein gestriges Konzept...

Zur Tobin-Steuer habe ich selbst keine abschließende Meinung, ich habe auch keine Idee, wie man ein solches Konzept umsetzen kann. Ich weiß nur: Der Sozialstaat muss künftig aus dem allgemeinen Steueraufkommen finanziert werden, um die Arbeit nicht einseitig zu belasten. Ein Grundeinkommen wäre für mich der wünschenswerte Endzustand. Da gibt es natürlich einige Zwischenschritte auf dem Weg dorthin. Vor allem müssen sämtliche Sozialstaatsinstrumente so konzipiert sein, dass sie materielle Anreize zur Arbeit bieten. Anders als heute, wo man aus Hartz IV nicht mehr rauskommt, weil es für alles, was man dazuverdient, eine Grenzbelastung von bis zu 80 Prozent gibt.

Aber müssen für all diese Probleme nicht internationale Lösungen gefunden werden. Und ist es realistisch, auf gemeinsame, global gültige Sozial- und Umweltstandards zu hoffen?

Es macht keinen Sinn, dass Deutschland bei Sozial- und Umweltstandards allein vorangeht. Dafür sind wir viel zu stark verflochten mit unseren Nachbarländern. Mit der EU haben wir aber ein verhältnismäßig gut funktionierendes politisches Gremium, wo sich Fortschritte erzielen lassen. Auf internationaler Ebene plädiere ich dafür, dass man das Grundrecht auf Koalitionsfreiheit zu einem Bestandteil von Handelspolitik macht. Dass man also Länder, die dieses Recht nicht gewähren, mit entsprechenden Zöllen belegt. Ich bin dagegen zu sagen, chinesische Produkte bekommen eine Strafzoll, weil die Arbeiter dort keinen Helm tragen. Man sollte es schon den Menschen in China überlassen, unter welchen Bedingungen sie arbeiten. Das setzt aber auch voraus, dass den Menschen dort eine freie Willensbildung ermöglicht wird. Länder, in denen es keine freie Gewerkschaften gibt und in denen sich Menschen nicht frei organisieren können, betreiben Sozialdumping und dafür müssten sie im Welthandel eigentlich bestraft werden.

Wie sollen sich soziale und moralische gegen wirtschaftliche Interessen durchsetzen?

Man darf nicht vergessen, dass es ja auch ein massives wirtschaftliches Interesse für solche Anti-Sozialdumping-Zölle gibt. Es existiert durchaus eine starke Lobby, die für Öko- und Sozialstandards eintritt, nicht zuletzt die Gewerkschaften, die zumindest in Europa eine gewisse Macht haben. Ich glaube nicht an diese Sichtweise, "das Kapital regiert sowieso die Welt".

Viele Jobs, die mit harter körperlicher Arbeit verbunden sind, gehen ja durch Rationalisierungen verloren. Dagegen kann man als Linker doch nichts haben, oder?

Im Kern geht es um die Frage, wie Linke heutzutage Arbeit definieren. Da macht sich ja auch eine gewisse Nostalgie breit bei der Linkspartei oder in breiten Teilen der SPD, die diesen Arbeitsbegriff sehr stark überhöht: Der Mensch wird erst durch Arbeit zum Menschen. Das führt dazu, dass die Debatte über das Grundeinkommen von der SPD gar nicht geführt wird. Das ist die spannende Frage, ob es die Linke schafft, zu einem neuen Arbeitsbegriff zu kommen.

Tobin-Steuer Als Tobin-Steuer bezeichnet man eine bereits 1972 von James Tobin vorgeschlagene, aber bisher nicht eingeführte Steuer auf internationale Devisengeschäfte. Tobin wollte durch eine sehr niedrige Steuer auf sämtliche internationale Devisentransaktionen die kurzfristige Spekulation auf Währungsschwankungen eindämmen. Er hoffte, dadurch zu erreichen, dass die Wechselkurse von Währungen stärker die langfristigen realwirtschaftlichen Phänomene als die kurzfristigen spekulativen Erwartungen widerspiegeln.

Die Forderung nach der Besteuerung des Devisenhandels wurde 1997 in einem Artikel der Zeitung "Le Monde diplomatique" aufgegriffen, der zur Gründung der globalisierungskritischen Organisation Attac führte. Bis heute wird die Tobin-Steuer als eine der zentralen Forderungen der Globalisierungskritiker gesehen. (Quelle: Wikipedia)

Koalitionsfreiheit Als Koalitionsfreiheit bezeichnet man das Recht von Arbeitnehmern und Arbeitgebern, sich zur Wahrung und Förderung der Arbeits- und Wirtschaftsbedingungen zusammenzuschließen. Die Europäische Menschenrechtskonvention gewährt ausdrücklich das Recht, Gewerkschaften zu bilden (Art. 11 Ziff. 1), ebenso der Uno-Pakt über bürgerliche und politische Rechte (Art. 22 Abs. 1.). (Quelle: Wikipedia)

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KOMMENTARE (10 von 19)
 
redflower (22.10.2008, 10:11 Uhr)
@iovialis, @h-p-t
@iovialis: Es bleibt dabei: Sie vernachlässigen die Preiseffekte des Grundeinkommens in Ihrer Argumentation! Auch bei Ihnen gibt es keine Porsche fahrende Putzfrau, da sie sich auch mit Grundeinkommen diesen nicht wird leisten können. Und niemand wird die Putzfrau "gerecht" (nochmal: Es gibt hier kein "gerecht"!) entlohnen, weil für diese Form der Dienstleistung niemand so viel zahlt bzw. zahlen kann! Zum "Dilthey-Modell" und anderen BGE-Modellen: Die "Finanzierungsmodelle" sind auf Treibsand gebaut, weil sie nicht berücksichtigen, dass die dazu neu einzuführenden Steuern sich in einer globalisierten Welt ihrer eigenen Besteuerungsgrundlage berauben.
@h-p-t: Sie können sich natürlich verschreiben, wem Sie möchten. Aber auch hier bleibt es dabei: Die Politik der "linken Rattenfänger" schadet auf lange Sicht genau dem "kleinen Mann", für den sie eigentlich gedacht ist. Leider sind die Zusammenhänge kompliziert genug, dass der "kleine Mann" es nicht begreifen kann - und verschlimmert so seine eigene Situation, indem er "Rattenfängern" glaubt...
h-p-t (21.10.2008, 22:02 Uhr)
ich weiss nicht...
...ob die deutschen verarmen, und den superreichen gönne ich ja ihren spass ( werden sich´s auch verdient haben...)
mein problem ist schlicht und ergreifend das ich als otto normalverbraucher das tägliche leben für mich und meine familie mit 2 kleinkindern nicht mehr finanzieren kann, das bedeutet nicht das ich 2 mal im jahr nach acapulco fliegen will, aber so alle paar jahre mal in den bayrischen wald oder mit den kids ans meer wäre, allein der kinder wegen schon toll, und ich möchte nicht das es jeden tag spaghetti gibt, weil alles andere sündhaft teuer geworden ist.
und das obwohl meine frau und ich arbeiten ( Frau im rahmen ihrer möglichkeiten und ich vollzeit...) und um dieser misere zu entkommen werde ich mich sogar den "linken rattenfängern" verschreiben....
Silbador (21.10.2008, 21:13 Uhr)
Übrigens ...
es ist ja nicht so, daß plötzlich so viele Deutsche verarmen, sondern wohl eher so, daß die Reichen allmählich superreich werden.
Da muß was geschehen, da werden Vermögen angehäuft und teilweise verprasst, daß es schon beim Zugucken Weh tut.
Die oben kassieren ab und dem deutschen Michel wird bei Tarifverhandlungen was vorgeheult.
Die Vorstände nehmen gerne mal 10 oder 20 %, der Arbeitnehmer wird mit 2-3 % abgespeist und weiß nicht mehr, wie er Heizung und Strom zahlen soll und noch was für in den Kühlschrank bzw. auf den Herd.
iovialis (21.10.2008, 21:11 Uhr)
@redflower
Wenn ich Ihre Argumente so lese, muß ich mir einen "Wirtschaftsexperten" vorstellen, dem die Idee eines Grundeinkommens aus einem Grund nicht gefällt: es stellt sein ganzes (bisheriges) Verständnis seines bisher Gelernten auf den Kopf, woran er festhalten will, weil er sich damit identifiziert.
Soll heißen: natürlich sind mir die Argumente bekannt, wobei ich auch Modelle kenne, die eben diese Dinge berücksichtigen, welche Sie ansprechen. Statt nun grob "nur dagegen" zu sein, würde ich empfehlen, sich mal ausführlicher zu informieren. Als Beispiel sei das Dilthey-Modell genannt.
Mir scheint, bei Ihnen stellen sich die Haare zu Berge, wenn Sie an eine "Porsch-fahrende Putzfrau" denken (die ihren Job nur dann tut, wenn sie "gerecht" entlohnt wird - Sie könnten es ja auch selbst machen).
Mit einem Grundeinkommen können Sie niemanden mehr zu Arbeiten zwingen, die jemand nur aus wirtschaftlicher Not tut - sei es die Putzfrau, eine Prostituierte oder der Arbeiter am Band. Aber Sie versuchen scheinbar, die Person weiterhin mit monetären Werten zu motivieren. Entschuldigen Sie bitte, aber genau hier muß ein Umdenken stattfinden. Der Wert eines Menschen läßt sich nicht in Geld bemessen - was der Mensch zum Leben braucht, sehr wohl: und das soll durch ein Grundeinkommen abgedeckt werden; damit der Mensch wieder Mensch sein kann (und nicht Sklave seiner erzwungenen Erwerbsarbeit, von der er abhängig gemacht wurde).
Übrigens könnten Sie ja auch putzen gehen, um sich dann einen Porsche leisten zu können ;-)
Silbador (21.10.2008, 21:08 Uhr)
Gleiche Bildung für alle
Kindergeld abschaffen!
Dafür aber:
- Kindergarten frei (mit Mittagessen)
- Grundschule frei (mit Mittagessen)
- weiterf. Schule frei (m. M.)
- Erststudium frei ...
Und das:
inklusive aller Schulmittel und Schulkleidung.
Kultusministerium zentral nach Berlin.
Dann kommt das Geld da an, wo die Zukunft beginnt und endet nicht am Kiosk oder sonst wo!!!
Sternchen2020 (21.10.2008, 19:38 Uhr)
Konform!
Allerdings, und dies zeigen auch die Kommentierungen, ist dies weit in die Zukunft gedacht und impliziert einen Fortschritt, den wir augenblicklich nicht haben. Für ein geringes bedingungsloses Grundeinkommen sprechen viele Faktoren. Die meisten sind sogar sehr wirtschaftsverträglich und würen schließlich auch den Binnenmarkt deutlich stärken. Wer sich allerdings nicht nicht wirklich eingehend mit dem Thema befasst, ist nru ein Populist in eigener Sache.
Grundsätzlich würden ich allerdings zusätzlich noch einen Schritt weitergehen: Schwere, ungeliebte Arbeit müsste extrem gut bezahlt werden. So wäre eine weitere, unerträgliche Schieflage beseitigt, Anerkennung außergewöhnliche Leistung (und das ist es, wenn ein Stahlarbeiter, Kanalarbeiter, Bandarbeiter etc. aktiv ist) würde entsprechend anerkannt.
Wir haben derzeit eine völlig schieflagige Struktur und Vorstellung von Arbeit. Wenn eine Mutter mit Kindern als "arbeitslos" bezeichnet wird, beschreibt das die Abstrusität.
Konform gehe ich vor allem mit der Aussage, dass Arbeit erfüllen muss un der Mensch es gerne machen sollte. Das schafft mehr Innovation, als 1000 Konjunkturprogramme, die man gleichzeitig auflegt.
testsieger2006 (21.10.2008, 19:29 Uhr)
Grundintelligenz....
... das wäre doch mal was. Das mit dem Grundeinkommen würde sich dann von selbst erledigen. Leider sind Intelligenz, Kraft, Schönheit ungeleich verteilt. Schade für die sich benachteiligt Fühlenden. Ihr armen, armen Leutchen.
Jaynay (21.10.2008, 19:13 Uhr)
ohje
ein Liberaler versucht die Menschen über die "neuen linken" aufzuklären.
Ich glaub es hakt..
Der ist wie ein Priester der Sexualkundeunterricht gibt.
redflower (21.10.2008, 19:05 Uhr)
@bernie-agb, @iovialis
@bernie-agb: Genau diese "gerechte" Entlohnung (die es schlicht nicht gibt, da jede Entlohnung ein Ausgleich von Angebot und Nachfrage ist) führt das Grundeinkommen aber nicht herbei! Denn sie verteuert "unbequeme" Tätigkeiten auf künstliche Art und Weise. Jemand mit Grundeinkommen nimmt diese Arbeit erst bei einer höheren Entlohnung auf als er es ohne täte.
Und selbst wenn diese Tätigkeiten dann höher entlohnt würden - die Produkte dahinter würde dann niemand mehr nachfragen (können), da ein zu hoher Preis verlangt werden müsste. Folge: Eine funktionierende Müllabfuhr gäbe es schlicht nicht mehr. Deutscher Spargel - Fehlanzeige! Ein Haus durch ein Bauunternehmen bauen lassen? Nicht mehr finanzierbar. Jede Modifizierung auf der Produktionsfaktorseite hat Auswirkungen auf die Angebotsseite. Wenn der Markt es hergibt, steigen die Preise. Wenn nicht, gibt es kein (Waren- oder Dienstleistungs-) Angebot.
Als Folge müsste man (wie in manchen Golfstaaten üblich) für diese Tätigkeiten "Gast"-Arbeiter anwerben, was wohl niemand hier als ernstzunehmende Alternative betrachten möchte.
Und zum Thema "gerechte" Entlohnung: So, wie es schlicht keinen "richtigen" Wert für ein beliebiges Gut gibt, so gibt es auch keine "richtige" Lohnhöhe für eine beliebige Tätigkeit. Es kann schlicht und ergreifend nicht jeder genau das arbeiten, was er gerne will und dann verlangen, dass ein "gerechter" Lohn dafür gezahlt wird. Was ist in diesem Zusammenhang "gerecht"? Wer soll das bestimmen, wenn nicht Angebot und Nachfrage?
Die Einführung eines Grundeinkommens würde sich im Laufe der Zeit ihrer eigenen Finanzierungsgrundlage berauben.
@iovialis: Vergessen Sie die "konsumfinanzierten Modelle". Wer so etwas einführen möchte, muss EU, Schengener Abkommen etc. abschaffen. Die Einkommensteuer vollständig auf eine Umsatzsteuer umzustellen belastet vor allem die, die den größten Teil ihres Einkommens verkonsumieren (müssen) - die einkommensärmeren Teile der Bevölkerung.
Putinki (21.10.2008, 18:44 Uhr)
Armut
Die "deutsche Armut" ist eine ganz besondere Armut. Wenn man zur Ferienzeit die vollen Autobahnen erlebt, sämtliche Flüge ausgebucht sind und alle Ferienplätze bis nach Neuseeland weg sind, kann man an eine Armut im herkömmlichen Sinne nicht glauben. Hier wird etwas künstlich herangezüchtet, so wie bei der Bildungsmisere. Wo eben Geld hinfließen soll, muß auch eine ernste Not sein. Die kann durch hochkarätige Studien immer nach Maß geliefert werden. Also jetzt sind wir erst einmal arm und gucken weg, wenn andere darüber lachen.
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